Zu Fuß in atemberaubender Landschaft

Von Lorenz Mayer
Waging am See. Prallvoll gefüllt mit vielfältigsten Eindrücken war der Rucksack der Teilnehmer an der Perufahrt der Waginger Alpenvereins-Ortsgruppe. Je eine Woche Kulturwandern im Bereich Cusco, Trekking in der Cordillera Vilcanota und Bergsteigen in der Cordillera Blanca („Weiße Kordillere“) standen auf dem Programm, und zwei ärztlicherseits in tiefere Regionen „verbannte“ Mitfahrer bereicherten den Rucksackinhalt noch um ihre Erlebnisse aus der Selva, dem peruanischen Dschungel.
Trekking in der Cordillera Vilcanota: Wanderungen auf endlos scheinenden, sanften grünen Hängen, über die der blendend weiße Ausangate (6384 Meter) mit seinen Trabanten herüber lugt. Fotos: Lorenz Mayer
Die rund sieben Millionen Einwohner zählende Hauptstadt Lima als erster Anlaufpunkt gilt nicht gerade als besonders reizvolle Metropole. Einen Tag haben wir dort eingeplant. Beim Stadtrundgang wie schon beim Transfer zum Hotel erleben wir einen brodelnden Verkehr, mit fast ununterbrochenen Hupkonzerten und aggressiven, nach unserem Geschmack rüden Spurwechseln nach beiden Seiten, die uns wundern lassen, dass sich die Zahl der zu erwartenden seitlichen „Begegnungsspuren“ an den Fahrzeugen doch in Grenzen hält.

Am frühen Morgen des folgenden Tages fliegen wir weiter nach Cusco. Schon nach wenigen Flugminuten sind wir der „Suppe“, der jahreszeitlichen Nebelglocke, verursacht durch den Humboldt-Strom, entronnen und lugen durch die kleinen Flugzeugfenster auf eine sonnenüberflutete Berglandschaft. Die Landebahn von Cusco befindet sich mitten in der rund 350 000 Einwohner zählenden, in 3400 Metern Meereshöhe gelegenen Stadt, die einst Mittelpunkt des Inkareiches war.

Ein Bus bringt uns gleich weiter durch eine weite, hügelige Landschaft. Unsere erste größere Pause machen wir in Chinchero und besuchen den großen farbenprächtigen Sonntagsmarkt. Wir erstehen ein paar Bananen oder auch ein Brot, aber von den meisten angebotenen Nahrungsmitteln halten wir uns lieber fern. Umso mehr gilt unser Interesse den oft aus wertvoller Lama- oder Alpaka-Wolle hergestellten Textilprodukten und den kunsthandwerklichen Gegenständen, und Wollmützen, Schals, Decken oder Hüte wandern als Souvenir oder praktisches Accessoire für unseren Peruaufenthalt in den Rucksack.

Auf einer staubigen Landstraße machen wir einen Abstecher nach Moray, wo eine harmonisch in die Landschaft eingebettete fast kreisförmige riesige Geländeschüssel mit sorgfältig ausgebildeten, rundum verlaufenden Terrassen besichtigt werden kann. Es soll sich dabei um eine landwirtschaftliche Versuchsanlage handeln, in der die Inkas herauszufinden suchten, welche Nutzpflanzen bei welcher Temperatur und Sonnenexposition am besten gedeihen.

Wir gehören zu den Glücklichen, die mit einer Konzession für die Begehung des berühmten Inkatrails ausgestattet sind. Freilich wollen wir nicht den ganzen, vier bis fünf Tage dauernden Weitwanderweg begehen, sondern nur den letzten Abschnitt über das Sonnentor nach Machu Picchu. Die Zahl der Begeher wird streng reglementiert, wobei die Begrenzung für alle Etappen und Wegvarianten zusammen gilt. Nach dreimaliger Passkontrolle und genauestem Vergleich mit der Buchungsliste dürfen wir am frühen Morgen in Ollantaytambo in den InkaRail-Schmalspurzug einsteigen, der uns durch das schluchtartige Tal des Rio Urubamba flussabwärts bringt. Auf freier Strecke, am Kilometerstein 104, steigen wir aus und überqueren auf einer Hängebrücke den Fluss. Eine erneute Passkontrolle, dann endlich grünes Licht. Nach den langen Flügen und Busfahrten tut uns die Bewegung richtig gut.

In der Nacht hat es geregnet, jetzt ist es bedeckt, aber trocken. Der uralte, gut angelegte Steig führt schräg am Hang entlang nach oben. Für die fehlende Sicht auf die Bergkämme entschädigen in reichem Maße die kleinen Sehenswürdigkeiten links und rechts des Weges. Hier exotische Blüten und Pflanzen, da ein Kolibri, dort ein Wasserfall. Nach drei Stunden eine größere Rast an den imposanten Ruinen von Winay Wayna („ewig jung“). Noch eineinhalb Stunden durch üppige dschungelartige Vegetation, dann die letzten steilen Meter hinauf zum Inti Punku (Sonnentor) – der Pforte zur geheimnisvollen Inkastadt Machu Picchu. Die Ruinen stehen auf einem weiten Bergsattel, der wie ein Hochtal wirkt. Grandios ist der erste Blick auf die gewaltige Anlage, die gerade von einigen Sonnenstrahlen erhellt wird, vor der markanten dunklen Silhouette des Wayna Picchu.

Am Sonnentor „übergeben“ uns die drei Inkatrailführer der Machu Picchu-Führerin, die mit uns zu den noch eine halbe Stunde entfernten Ruinen hinabwandert. Die mit kolossalem Wissen ausgestattete sehr gut deutsch sprechende Serbin, die seit vielen Jahren in Peru lebt, zeigt und erklärt die bestens erhaltenen Steinmauern, bei denen außer der Innenausstattung meist nur das einst aus organischem Material hergestellte Dach fehlt, und erzählt uns viel über die Geschichte Machu Picchus und der Inkas.

Mit dem Bus geht’s wieder hinunter nach Aguas Calientes („Heißes Wasser“), wo wir uns in der Therme ein Bad gönnen. Wir kehren nach dem Abendessen mit dem Zug nach Ollantaytambo zurück und verbringen noch einen Tag im Urubambatal, dem „Heiligen Tal“, und besichtigen mehrere Inkastätten.

„Wir haben jetzt genug Ruinen gesehen!“, sagt schließlich einer aus der Gruppe, und trifft damit genau die Stimmung. Es wird Zeit für die Trekkingwoche in der Cordillera Vilcanota. Auf einer großartigen, neu erbauten Fernstraße, die bis nach Sao Paulo weiterreichen soll, fahren wir in das rund 3800 Meter hoch gelegene Bergdorf Tinki.

Ein Tross mit zwei Köchen, mehreren Bergbauern und Pferdetreibern mit rund 25 Pferden begleitet uns auf dem Trekking. Der 60-jährige Severino ist das informelle Oberhaupt der Begleitmannschaft, eine beeindruckende Persönlichkeit, mit farbenprächtiger landestypischer Strickmütze und einem Hut noch obendrauf.

Jeden Morgen wird alles zusammen- und auf die Pferde gepackt, alle Zelte, der Großteil des Privatgepäcks, die gemeinschaftliche Ausrüstung und vor allem die Verpflegung: Bei mehr als 25 Personen und einer Woche Trekkingdauer kommt da am Anfang einiges zusammen.

Wir wandern über die endlos scheinenden sanften grünen Hänge hinauf, über die der blendend weiße Ausangate (6384 Meter) mit seinen Trabanten herüber lugt. Bis weit über 4000 Meter hinauf leben hier noch Bergbauern und Hirten. Wenn wir Menschen fotografieren, sind wir zurückhaltend, und bitten in der Regel um Erlaubnis. Die wird meist bereitwillig erteilt, allerdings zumeist in der Erwartung eines kleinen Obolus.

Der Zeltplatz Upis auf knapp 4500 Meter Höhe hat einen besonderen Wellness-Komfort zu bieten: Eine heiße Quelle, leider heißer, als uns lieb sein kann. Die Vilcanota gilt als kälteste Region Perus. Wir merken das an den morgendlichen Frostschichten auf den Zelten. Die ersten Sonnenstrahlen tauen das Eis, und die Zelte tropfen vor Feuchtigkeit.

Die Etappe zur Laguna Ausangate führt über mehrere Pässe bis zu 4900 Meter und ist lang und anstrengend. Der Lagerplatz liegt bei unserer Ankunft schon im Schatten und es ist entsprechend kalt. Dafür scheint am Morgen beim Frühstück die Sonne ins Zelt, und wir können die traumhafte Lage genießen: Gletscher, rote Berge, der nahe Fluss, und eine Alpakaherde, die vom Tal heraufzieht. Auf dem folgenden Abschnitt überschreiten wir einen rund 5100 Meter hohen Pass: Für mehrere Teilnehmer der erste Fünftausender, auch wenn’s kein Gipfel ist. Die landschaftlich grandiose Route führt weiter über den Condorpass (5200 Meter) zur Laguna Sibinacocha, einem 17 Kilometer langen Binnensee in 4870 Meter Höhe. Unterwegs können wir neben den fast allgegenwärtigen Alpakas auch Vikunjas, Andenenten und einen Kondor beobachten.

Am Horizont erkennen wir die Quelccaya Eiskappe, die weltweit größte zusammenhängende Eisfläche in den Tropen. Die Etappe nach Ccasscara wäre an und für sich nicht allzu lang, aber unterwegs erliegen wir der Verlockung des Cerro Yayamari, eines 5460 Meter hohen, gletscherfreien und wenig schwierigen Gipfels. Die Aussicht vom höchsten Punkt auf die Eisgipfel der Vilcanota, die Laguna Sibinacocha und das Hochland ist überwältigend.

Das Trekking darf, obgleich technisch unschwierig, nicht unterschätzt werden. Die Höhe, die Abgeschiedenheit und der große logistische Aufwand stellen hohe Anforderungen. Auch für die Gruppe verlief nicht alles nach Plan. Drei Teilnehmer mussten die Tour aus verschiedenen Gründen, etwa wegen Krankheit oder wegen eines kleinen, aber folgenschweren Unfalls, abbrechen. Die Rückführungen nach Cusco waren aufwendige Ganztagsaktionen.Stunden abenteuerliche Busfahrt über eine wilde Schotterpiste. Eine unglaubliche Landschaft zieht an uns vorbei. Spätnachmittags sind wir in Cusco.

Schnell vergeht der freie Tag in der Inkastadt, wir fliegen nach Lima, und fahren mit dem Bus nach Huaraz. Durch den Wüstengürtel der Küste entlang, dann landeinwärts durch eine üppige Vegetation mit Pfirsichen, Mandarinen, Kaktusfrüchten und Eukalyptus erreichen wir die wenig attraktive Stadt in rund 3000 Metern Höhe. Pedro und Christian, zwei deutsch sprechende, in Österreich ausgebildete peruanische Bergführer, sind zu uns gestoßen. Nach einer Hotelübernachtung bringt uns ein bis ins letzte Eck bepackter Kleinbus in die Cordillera Blanca. Dieser vergletscherte Gebirgszug ist ein stark frequentiertes Bergsteigerziel und weist mit dem Huascarán (6768 Meter) den höchsten und mit dem Alpamayo (5947 Meter) den nach verbreiteter Ansicht schönsten Berg Perus auf.

Von Phaspa wandern wir bei wunderschönem Wetter durch das Ishincatal hinein in den Huascáran-Nationalpark. Hier tragen Esel unser schweres Gepäck. Am herrlich gelegenen Campo Ishinca errichten wir in rund 4300 Metern Höhe unser Basislager. Wir sind von unserer Trekkingtour her gut akklimatisiert, und so können wir schon am nächsten Tag zu unserer ersten Gipfeltour aufbrechen. Der Nevada Ishinca ist 5530 Meter hoch, die letzten 400 Höhenmeter führen über einen Gletscher. Eine knapp zehn Meter hohe fast senkrechte Firnstufe direkt unter dem Gipfel lässt sich überraschend leicht überwinden. Zur Sicherheit fixieren die Bergführer jedoch ein Seil.

Manche spüren auf dem heutigen Gipfelgang ihre Grenzen, und einige sind gesundheitlich etwas angeschlagen. Fast alle Sechstausender-Aspiranten sind aber noch recht fit. Nach einem Essen im Basislager brechen acht Gruppenmitglieder, also ungefähr die Hälfte, am folgenden Tag mit Bergführer Pedro auf zum großen Ziel Tocllaraju. 6034 Meter misst der Gipfel, die Besteigung ist nicht einfach und dauert zwei Tage. Über Moränen, Blockwerk und Schneereste steigen wir auf bis zum Beginn des Gletschers. Ein paar Hochträger begleiten uns. In rund 5050 Metern Höhe bauen wir das Hochlager. Eine atemberaubende, wilde Landschaft aus Eis und Schnee umgibt uns. Bei einbrechender Dunkelheit, kurz nach sechs Uhr, kriechen wir in die Schlafsäcke. Kaum einer schläft gut. Wir spüren nicht nur die Anstrengungen und die Höhe, auch die innere Anspannung lässt uns kaum ein Auge zutun.

Um drei Uhr stehen wir auf. Es ist stockdunkel und saukalt. Stehend verzehren wir ein karges Frühstück. Um vier Uhr marschieren wir los. Mit angelegten Steigeisen geht es gleich einen steilen Hang hinauf. Wir gehen mit Stirnlampen, der begrenzte Lichtkegel lässt uns das Gelände schlecht einschätzen. Bei Tagesanbruch erreichen wir das erste Fixseil, mit dem unser Führer eine rund 50 Meter hohe Steilstufe abgesichert hat. Bald kommen wir in die Sonne. Die Trasse führt an gewaltigen Spalten und Brüchen vorbei. Noch einmal müssen wir eine seilgesicherte Stufe überwinden, gut 60 Grad steil, diesmal gute 100 Meter hoch – die Schlüsselstelle des Gipfelanstiegs! Nach nur viereinhalb Stunden das Gipfelplateau – wir sind gut drauf und die Verhältnisse hervorragend! Die ersten Freudentränen fließen. Der kurze, aber etwas heikle Anstieg auf die Gipfelwechte erfordert nochmals größte Aufmerksamkeit und Vorsicht. Und dann stehen wir ganz oben. Es ist fantastisch. Wolkenlos, kein Wind, um uns herum ein unglaubliches Panorama.

Nach einer Dreiviertelstunde geht es wieder zurück. Über die Steilstufen seilen wir ab. Es ist jetzt sehr warm und angenehm. Wir lassen uns Zeit, bauen im Hochlager die Zelte ab, und sind nachmittags im Basislager.

Die übrigen Gruppenmitglieder haben derweil einen oder auch zwei Erholungstage im Basislager verbracht. Diejenigen, die heute aktiv waren und mit Bergführer Christian auf den Uros (5430 Meter) gestiegen sind, sind bei unserer Ankunft noch gar nicht zurück. Der Berg hat sich als anspruchsvoller erwiesen als geglaubt. Schließlich aber trudeln alle ein.

Am letzten Bergtag schreibt eine Teilnehmerin in ihr Tagebuch: „Herrlich geschlafen. Gemüseomelett und Obstmüsli zum Frühstück. Ich setze mich zum Müsliessen allein raus in die Sonne, schaue zu „meinem“ Uros nochmal hinauf. Links neben mir wehen die Cusco- und die Indigena-Fahne bunt im Wind. Hinten warten schon die Arreros mit den Eseln. Gerd sagt mir gerade, dass wir vor 8 Uhr noch minus ein Grad hatten, jetzt um 8.20 Uhr sind es schon plus 16! Estoy triste… Adìos Campo Ishinca… Die Wanderung aus dem Ishinca-Tal heraus ist dramatisch schön.“

Nach einem Tag in Huaraz fahren wir zurück nach Lima, direkt zum Flughafen. Dort treffen wir wieder mit unseren zurück gebliebenen bzw. in die Selva „verbannten“ Kameraden zusammen und fliegen via Madrid zurück nach München.
Artikel vom 12.08.11
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