Frühlingsgefühle und letzter Firn

Von Bernhard Ziegler
Rottach-Egern. Die meisten Skibergsteiger zieht es um dieses Jahreszeit schon hoch hinauf. Die ganz großen Skitouren sind jetzt noch angesagt: Mont Blanc, Monte Rosa oder Gipfel im Berner Oberland. Gegen diese Giganten nimmt sich unser Ziel geradezu bescheiden aus. Und trotzdem ist das Schinderkar eine Tour mit ganz besonderem Reiz: kurz, spritzig, rassig und bayerisch. Denn auch in den Hausbergen geht noch meist etwas mit dem Skifahren.
Ein herrlicher aussichtsreicher Grat führt hinüber zum Gipfel. Foto: Ziegler
Je später das Jahr, um so früher klingelt der Wecker eines Skibergsteigers. Denn wer zu spät kommt, den bestraft die Sonne, und zwar mit grauenhaftem Sulz. Also steht man am besten schon um 6 Uhr in der Früh mit gepacktem Rucksack am Ausgangspunkt. Die Ski schnallen wir gleich hinten drauf, denn die ersten 20 Minuten des Weges auf den Schinder sind um dieser Jahreszeit meistens aper. Doch die Tour lohnt sich trotzdem, das sieht man gleich, wenn man beim Anfellen den ersten Blick auf das noch blitzweiße Steilkar wirft. Eingerahmt ist es von einer Krone aus mächtigen Felszacken.

Damit diese Skitour gelingt, muss natürlich auch das Wetter mitspielen. Eine klare und somit kalte Nacht gehört ebenso zu den Voraussetzungen, wie die Sonne am Tourentag selbst. Sie verwandelt den beinharten Harsch dann wieder zur Skifahrerdelikatesse Firn.

Damit man den erwischt, steigt man im allerersten Tageslicht über ein Steigerl im Wald geradewegs auf den Ahornboden zu. Das Kar wirkt nun schon nicht mehr ganz so steil und man geht es am besten von der linken Seite her an und zielt dann in einem großen Rechtsbogen in die Mitte. Erst hier überwindet man die noch dick mit Schnee verpackte, nordseitig Schuttreißen im üblichen Zick- Zack-Stil und zielt in die enge, von Felsfluchten flankierte Scharte.

Während man verschnauft darf man schon mal einen Blick auf die Spitzingseeberge werfen. Sie geben einem einen kleinen Vorgeschmack auf das Gipfelpanorama. Doch gleich geht’s weiter, denn das grantigste Stück liegt noch vor einem: kurz unter dem Schindertor, einem im Sommer höhlenähnlichen Durchschlupf, steilt das Kar nämlich noch einmal richtig auf. Außerdem engen die Felswände den Weiterweg zur Scharte hinauf schluchtartig ein. Die Stimmen und das Klacken der Bindung hallen wider von den steil aufschießenden Felswänden, die nun den Weg säumen.

Ob man das letzte Stück zum Skidepot lieber die Ski trägt und vorsichtig über das Schindertor klettert, oder ob man sich mit den Bretteln an den Füßen mühsam nach oben bastelt, das hängt von der eigenen Standfestigkeit und natürlich der Schneesituation ab. Nur in schneereichen Wintern gelingt es den geübten Skibergsteigern die Scharte mit Ski zu ersteigen.

Nach knapp eineinhalb Stunden steht man dann oben auf der Scharte, die einem endlich den Blick nach Süden freigibt. Das Herz schlägt einem höher, so befreiend ist das Gefühl das enge Steilkar zu verlassen. Ein Gefühl das Walter Pause in seinem Buch Münchner Skiberge auf seine unnachahmliche Art beschrieben hat: „Eigentlich müsste einen die Blasmusi hinaufbegleiten ins Schinderkar, und ganz droben im Schindertor, wo man nach einem tiefen Schnaufer seine Ski in den Schnee steckt, da müsste sie einem aufspielen. So gemütlich, so boarisch effektvoll und zünftig geht es bei diesen kleinen Skitouren in den versteckten Vorbergen zu.“

Wer’s den Schilderungen von Pause nicht glaubt, der steige am besten selbst einmal hinauf zum Grenzstein zwischen Bayern und Österreich.

Die Ski bleiben jetzt in der Scharte zurück. Man traversiert den Schinder um diese Jahreszeit in der Regel zu Fuß auf seiner Südseite bis sich zwischen einigen eingeschneiten Latschen und Felsen eine steile, rinnenartige Aufstiegsmöglichkeit zum Grat bietet. Im Sommer kann man an dieser Stelle ein fixiertes Drahtseil zu Hilfe nehmen. Im Frühjahr liegt es oft unter der Schneedecke und so muss es halt ohne gehen. Doch unter normalen Umständen macht weder diese kleine Hürde, noch der oft stark überwechtete Grat Probleme.

Nach ungefähr zwei Stunden steht man dann am Holzkreuz auf 1809 Meter Höhe. Kein großer Berg ist das, dieser Schinder, und trotzdem eine bärige Skitour mit grandiosem Ausblick. Den mächtigen Felsklotz im Rofan, namens Guffert darf man von hier oben zum Beispiel bestaunen.

Zurück am Skidepot schnallt man sich die Brettl an die Füße und die ersten Schwünge gelingen einem ob der Steilheit noch etwas verhalten. Dann, nach einem kleinen Sprung über das Schindertor in den sich öffnenden Hang, läuft es plötzlich: die Bewegungen werden in zischendem Firn immer harmonischer, in der Falllinie schwebt man das Kar hinunter bis zum Ahornboden.

Jetzt liegen die aperen Wiesen natürlich schon in der Sonne. Und die Macht des Frühlings hat sie verzaubert und mit Krokussen übersät.

Wie gut, dass jeder schlaue Bergsteiger schon beim Aufstieg hier ein Flascherl Bier versteckt hat. Und so sitzt man am Ende dieser Tour mit seinem Spezl in der warmen Frühlingssonne zwischen den Blumen, genießt seine Halbe und schaut verträumt noch mal nach oben, da wo die Blasmusi vielleicht immer noch aufspielt.

Die Anfahrt erfolgt A 8 über die Salzburg-München bis Holzkirchen. Von dort geht’s weiter zum Tegernsee und nach Rottach-Egern. Nun geht es links ab nach Enterrottach (Schild „Bergbahn Sutten“) und über die Mautstraße zur Monialm und auf der selben Straße weiter Richtung Forsthaus Valepp. Etwa einen Kilometer davor findet man einen kleinen Parkplatz gegenüber einer Bushaltestelle. (Hinweisschild: Schinder.) Hinweise über die Öffnung der Straße gibt es bei der Gemeinde Rottach Egern, Tel. 0 80 22/ 6 71 30.

Von dem Ausgangspunkt über den Wiesenhang oberhalb des Parkplatzes geht es zu einem Wirtschaftsweg und auf diesem an der Schlagalm vorbei. Immer weiter geht es auf dem Weg voran, um einen Rücken herum und dann durch den Wald in den Ahornboden. Bis hierher folgt man genau dem Sommerweg. Vom Ahornboden geht es genau auf das Kar zu, dann an einer Stufe links vorbei in den Karboden und jetzt immer steiler im Zick-Zack-Stil aufwärts. Ab dem sogenannten Schindertor, einem im Sommer höhlenartigen Durchschlupf, wird es sehr steil. Das Kar ist hier bereits von den aufschießenden Felszacken eingerahmt. Nach schneereichen Wintern ist das Tor, etwa vier Meter hoch, meist völlig eingeschneit, so dass es kaum mehr erkennbar ist. Dann lohnt es sich, die Ski auch die letzten Meter mit hinauf in die Scharte zu nehmen. Ansonsten errichtet man hier das Skidepot. Nun geht es sehr steil zur Scharte, auf der die deutsch-österreichische Grenze verläuft.

Zu Fuß traversiert man auf der Südseite eben und unschwierig (oft schon ziemlich ausgeapert) entlang des Sommersteiges in Richtung Osten bis sich (deutlich) eine steile Rinne zwischen Latschen und Felsen hindurch zum Kamm eröffnet. Im Sommer findet man hier ein Drahtseil, das im Frühling jedoch noch meist unterm Schnee begraben liegt. Mit etwas Trittsicherheit stapft man aber ohne Weiteres und problemlos durch diese Rinne empor zum Grat. Nun geht es einfach über den breiten, jedoch meist stark überwächteten Gratrücken zum Gipfel mit Kreuz (1809 Meter) und zum Grenzstein.
Artikel vom 22.04.11
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