Aufwärts in das Kletterparadies

Palling/Tittmoning (cw). Die Nordwestwand der Civetta, eine der mächtigsten Felsfluchten der Südalpen, wird gern als „Königreich des 6. Grades“ bezeichnet; das ganze Massiv ist bekannt und beliebt unter den Extremkletterern. Doch auch zwei Klettersteige, die zu den schönsten Steigen der südlichen Dolomiten zählen, führen auf diesen berühmten Berg. Eine Gruppe aus Südostbayern machte sich kürzlich dorthin auf den Weg.
Durch die Nebelfetzen boten sich interessante Ausblicke in die Tiefe. Die Tour der Pallinger und Tittmoninger AVler wurde für alle zu einem grandiosen Erlebnis.
Die Teilnehmer starteten in Palling zum Zielort Pecol. Der Aufstieg zum Unterkunftshaus Rif.Coldai war leicht. Dort angekommen, wurde das Quartier bezogen und gleich der Hausberg Cima Coldai in Angriff genommen. Mit einem Abstecher zum traumhaft schönen Bergsee Lago Coldai auf 2143 Meter Seehöhe ließen die Bergsteiger aus Palling und Tittmoning den Tag gemütlich ausklingen.

Am nächsten Tag ging es dann aber richtig zur Sache – über die Via Ferrata degli Alleghesi wurde der Gipfelanstieg angepackt. Nach einer langen Querung auf der Ostseite der Civetta hatten die Kletterer an einem Felssporn die Klettergurte angezogen. Von nun an ging es an Stahlseilen nur noch aufwärts, zuerst über geneigte Felsen zur ersten Wandstufe, die mit Klammern und einer Leiter begehbar gemacht wurde. Nun folgten steile Rinnen, einige Felsstufen, Bänder und ein senkrechter Kamin, abwechslungsreich bis unter die Punta Civetta.

Ab dort quert man auf einem ostseitigen Band zur Gipfelflanke, die über Geröllfelder zum Gipfel führt. Der Gipfel in 3220 Meter Seehöhe belohnte die Bergsteiger mit einer grandiosen Aussicht auf ein Meer von Dolomitengipfeln. Nach einer Stunde Gipfelschau stiegen die Kletterer zu der nur 200 Meter tiefer gelegenen kleinen Berghütte Rif.Torrani ab.

Jetzt verschlechterte sich jedoch das Wetter und es wurde sehr kalt. Aber bei einem lustigen Kartenspiel in der Hütte ließ es sich bis zum Abend gut aushalten. Immer mehr Bergsteiger und Kletterer kamen dann noch in die Hütte und die DAVler aus Tittmoning und Palling wunderten sich, wo die wohl alle schlafen würden. Die Lösung war einfach: Es wurden alle Bänke und Tische entfernt und stattdessen Notbetten aufgestellt, auf etwa 30 Quadratmetern Fläche legten sich dann 25 Personen zum Schlafen. An Schlafen allerdings war in dieser Nacht nicht zu denken, da die ganze Nacht ein Kommen und Gehen von Kletterern herrschte. Die letzten kamen um zwei Uhr früh und die ersten gingen um vier Uhr. Entschädigt wurden die Tittmoninger aber trotzdem, da sich in der Nacht die Wolken ins Tal zurück gezogen hatten und der Vollmond sein helles Licht auf die Wolken ausbreitete. Ein solches Schauspiel - schon fast gespenstisch – sieht nur ein Bergsteiger, der auf fast 3000 Meter Höhe übernachtet. Der Sonnenaufgang war dann noch das Tüpfelchen auf dem I. Es war ein grandioses Naturerlebnis und die Kletterer waren sich einig, diese Nacht wollte keiner missen.

Nach einem guten Kaffee am Morgen und bei schönstem Wetter ging es zum Abstieg. Schwierig war nur das Queren eines steilen Eisfeldes: Dann ging es über den als schwer beschriebenen Klettersteig Via Ferrata Tissi abwärts. Keiner der zehn Tittmoninger Bergsteiger befand den Abstieg als schwer, dafür eher als besonders schön und eindrucksvoll. Mittags im Tal angekommen, wurde noch gemütlich eingekehrt. Die Heimfahrt führte jetzt über den Pass Giau. Bei dieser unvergesslichen Gipfelpracht fällt es nicht schwer, bald wieder den nächsten Dolomitengipfel in Angriff zu nehmen, aber welchen zuerst?
Artikel vom 01.10.11
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