Herbstgenuss auf dem Zinnenberg

Von Bernhard Ziegler
Aschau. „You are lucky, you have four seasons”, sagte einst ein Taxifahrer in einem tropischen Land zu mir in gebrochenem Englisch. Vier Jahreszeiten – ja es stimmt – was für ein großes Glück! Wann immer andere schwärmen von südlichen Ländern mit immer blauem Himmel und einer Durchschnittstemperatur von 25 Grad, fällt mir dieser Taxifahrer ein. Und wie schön es bei uns in Oberbayern ist, wenn der Winter alles in seinem grandiosen Weiß versenkt, wenn im Frühling die Blumen sprießen und im Sommer der Planet gnadenlos vom Himmel strahlt oder ein Gewitter zum Donnerwetter bläst. Der herrliche Jahreskreislauf ist jetzt beim Herbst angekommen, einer nachdenklichen, ja beschaulichen Jahreszeit. Nur allzu gern begibt man sich jetzt noch einmal auf Wanderschaft um genau diese Stimmungen zu erhaschen, um einzutauchen in die Beschaulichkeit des Herbstes. Ruhig, sonnig, aussichtsreich und dazu ein bunter Bergwald - das sind die Attribute der Herbsttour auf den Zinnenberg.
Auf dem Gipfel des Zinnenbergs mit dem Blick auf Hohenaschau. Foto: Ziegler
Wenn sich um dieses Jahreszeit der Hochnebel lichtet und wie hinter einem Vorhang plötzlich ein strahlender Tag erscheint, dann muss man einfach noch einmal raus in die Berge. Es könnte ja vielleicht der letzte schöne Herbsttag sein. An so einem Tag treten sich die Leut’ am benachbarten Spitzstein gegenseitig auf die Füße. Also warum nicht einmal ausweichen auf einen weniger populären Nachbarn. Der ist zwar nicht ganz so hoch, hat keinen so imposanten Gipfel und auch keine Einkehrmöglichkeit auf dem Weg, doch dafür ist es hier am Zinnenberg weitaus ruhiger als am Spitzstein.

Bei Innerwald im Priental findet man den Ausgangspunkt. Man folgt zuerst einmal der Beschilderung zum Spitzstein, ehe man dann ins Abseits läuft. Noch unterhalb der Brandelberg Alm muss man richtig aufpassen, damit man den kleinen, schmalen Waldweg und die spärlichen Markierung nicht übersieht. Was folgt ist charakteristisch für die Tour: ein Pfad durch ursprüngliche Natur; keine breite Fichtenautobahn – wie Forstwege auch gerne genannt werden – weit und breit.

Oben am freien Kamm empfängt einen dann schon eine grandiose Aussicht. An der Feichtenalm vorbei geht es noch auf gut markiertem Pfad, dann verlässt man sogar diesen und marschiert weglos über die braunen Matten der Gipfelwiese hinauf zum breiten Plateau. Ein schmiedeeisernes Kreuz von bescheidenem Ausmaß und eine tolle Aussicht bedeuten einem: das ist der höchste Punkt. Rastplätze findet man hier viele auf dem ungeheuer breiten Gipfel, doch einer ist besonders schön. Da hat nämlich jemand aus den herumliegenden Steinen einen Felsenthron aufgeschichtet, an dem sich herrlich Brotzeit machen lässt. Hier fühlt man sich wie ein König während man die Aussicht auf den Kaiser genießt! An klaren Tagen schimmert der Chiemsee Norden, der Blick ist frei Richtung Voralpenland.

Doch die Tour hat noch weitere Höhepunkte aufzuweisen, zumindest dann, wenn man ein kleine Runde macht. Und die drängt sich bei einem Blick in die Wanderkarte geradezu auf. Über den Verbindungskamm zum Spitzstein wandert man sehr aussichtsreich hinauf zum Brandelberg und hinunter in einen breiten Sattel. Dann steigt man zur Brandelberg Alm ab und genießt dabei die gelb gefärbten Lärchen. An der idyllischen Almhütte wird man noch einmal rasten und ein letztes Mal von einem Bankerl aus die Aussicht zum Geigelstein genießen. Dann taucht man wieder ein in den herbstlichen Bergwald und trifft schon bald auf den Anstiegsweg. Dabei wird wohl jeder ein gewisses Gefühl der Dankbarkeit empfinden, Dankbarkeit, dass wir in einem Land mit vier Jahreszeiten leben dürfen. Wie recht er doch hatte mein Taxifahrer, und das, obwohl er noch nie im Herbst am Zinnenberg war.

Die Anfahrt erfolgt über die Staatsstraße 2093 und Aschau ins Priental. Nach knapp neun Kilometern findet man rechts ein kleine, beschilderte Abzweigung nach Innerwald. In den Ort, dann links in die Brandelbergstraße; am Ende auf einer Sandstraße über eine Brücke, und links leicht abwärts zum Wanderparkplatz. (Diesen würde man auch erreichen, wenn man noch etwa 300 Meter auf der Staatsstraße 2093 bleibt und dann beim gebührenpflichtigen Parkplatz rechts einbiegt. Links an ihm vorbei führt die Sandstraße ebenfalls zum Ausgangspunkt hinauf.

Zum Berg hin und etwas nach rechts, dann findet man den beschilderten Weg zum Spitzstein. Auf ihm geht’s an den letzten Häusern vorbei, dann kommt man auch schon an eine Verzweigung. Hier nimmt man den rechten Weg (Nr. 8) und wandert geradeaus weiter in das Tälchen vom Kohlsätterbach hinein. Auf einer neu errichteten Brücke geht es nach rechts über den Bach. Dann auf dem kleinen Wanderweg an der rechten Hangseite entlang. Auf Brücken überquert man den Bach und steigt nun steil Richtung Brandelberg Alm.Der nur anfangs undeutliche Pfad zweigt hier rechts vom Weg ab und quert den Hang in nördliche Richtung.

An einer Jagdhütte geht es im Zickzack vorbei, dann quert man wieder weiter in gewohnter Richtung. Man erreicht freies Gelände, und hier, auf etwa 1400 Metern, macht der Weg eine Kehre und strebt hinauf zum bereits sichtbaren Kamm. Man erreicht ihn bei einem Wegweiser. Man nimmt den gut markierten Weg Richtung Klausenhütte auf, und wandert somit nach Norden an der Feichtenalm vorbei und auf den Zinnenberg zu. Bei einem Wegweiser auf etwa 1500 Metern, wenn der Weg nach links abdreht, verlässt man ihn, und wandert nun weglos über die Wiese nach Norden zum breiten Gipfelplateau des Zinnenberg hinauf. Hier erwartet einen ein schmiedeeisernes Kreuz und ein felsiger Thron als Rastplatz.

Der Abstieg erfolgt an der Feichtenalm vorbei, zurück zum Wegweiser. Wer es eilig hat, kann nun auf dem Anstiegsweg zurück nach Innerwald. Um eine Rundtour zu machen, wandert man geradeaus weiter in Richtung Spitzstein und folgt dem Kamm nach Südsüdwesten. Der Steig bleibt großteils auf der rechten Seite des Kammes und so gelangt man bis unter den Gipfel des Brandelberges. Ein ganz schmaler Pfad zweigt hier links ab; und wenn man ihm folgt, erreicht man in kürzester Zeit den zweiten Gipfel des Tages. Danach geht es wieder zurück zum Weg. Dann folgt man dem Steig steil abwärts in Richtung Spitzstein bis in den breiten Sattel mit Wegweiser. Hier geht es links (nach Osten) abwärts zur Brandelberg Alm und an ihr vorbei in den Wald hinein. Nach einer Kehre erreicht man die Gabelung zur Klausenhütte und damit wieder die Anstiegsroute. Auf ihr geht es zurück zum Ausgangspunkt.

Die Tour ist eine hübsche, beschauliche, technisch einfache Bergwanderung auf kleinen Wegen und Bergpfaden, die kurz auch weglos über die Gipfelwiese führt. Einzig im steilen Abstieg vom Brandelberg ist etwas Trittsicherheit angenehm. Am gesamten Kamm zwischen Zinnenberg und Brandelberg hat man wunderschöne Ausblicke.

Für den Aufstieg sind etwa zwei bis zweieinhalb Stunden einzuplanen. Der Abstieg über den Brandelberg dauert knapp zwei Stunden. Dabei wird eine Höhendifferenz von 950 Metern überwunden.
Artikel vom 27.08.09
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