Reit im Winkl. Ruhe. Hier oben pfeift noch nicht einmal der Wind – als laues Lüftchen streift er über die saftigen Wiesen, lässt die Regentropfen der vergangenen Nacht langsam über die Blätter zu Boden perlen. Grün, soweit das Auge schauen kann – das dunkle Grün der Latschenkiefer, das lichte Grün der Lärche, das satte Wiesengrün, das graue Grün des Hochwaldes der benachbarten Berge – wir bewegen uns im wahrsten Wortsinn im grünen Bereich. Grün beruhigt. Als Signalfarbe steht es fürs Unproblematische, fürs Positive. Stress, Druck, Hektik, Hast, Zeitmangel? Wir wissen, das alles gibt’s, grad eben noch hat’s auch unser Dasein bestimmt. Aber wir haben’s zurückgelassen, irgendwo 500 Meter tiefer, im Alltag. Das hier ist nicht Alltag. Der moderne Mensch muss sich „entschleunigen“, sind sich Psychologen und Arbeitswissenschaftler einig; „Entschleunigung“ ist das Modewort. Moden sind hier oben nachrangig. Aber wir bekommen unmittelbar eine Ahnung davon, wie es funktioniert, dieses „Entschleunigen“.
Wir – das sind die Bergwanderführerin Annette, Monika, Maria, Hilde, Marlies, Sabine und ich. Und Paula. Paula hat Glück gehabt. Richtig Glück. Wäre sie ein Paul, sie dürfte uns nicht begleiten. Paula ist die Retriever-Hündin unserer Wanderführerin. Männliche Wesen haben hier nichts zu suchen. Gemeinsam sind wir oberhalb der Hindenburghütte zu unserer Tour aufgebrochen, zu einer Tour, die unter dem Motto „Frauen wandern anders“ steht. Ach ja. Ich hab auch Glück gehabt, dass ich mitgehen darf. Als Journalist reklamiere ich die Position des Beobachters für mich, ich scheine zumindest als geschlechtsneutral akzeptiert zu sein. Im Regelfall kein Attribut, das ich mir unwidersprochen verpassen ließe. Heute hilft’s mir weiter, ich bilde mir ein, zumindest geduldet zu sein.
Frauen wandern anders. Ist das so? „Unbedingt.“ Annette Heigenhauser muss es wissen. Seit dem Frühjahr führt die Gattin des Bürgermeisters von Reit im Winkl Urlauberinnen rund um die Oberhemmersuppenalm. „Männer wandern zielorientierter. Sie wollen Strecke machen, wollen am Abend erzählen, dass sie heute auf diesem oder jenem Gipfel gestanden sind. Und wenn’s geht, auf einem anderen auch noch.“
Der Gipfelsturm ist zumindest heute unsere Sache nicht. Wir bewegen uns auf dem Hochplateau auf halber Strecke zum Fellhorn, einem der schönsten Aussichtsberge im Tiroler Teil der Chiemgauer Alpen. Hochplateau, Alm, Rundweg – da könnte leicht der Eindruck entstehen, die Tour sei ausreichend herausfordernd für Fußkranke. Machen wir’s kurz: Der Eindruck ist falsch.
Mit dem Kleinbus sind wir in Reit im Winkl gestartet. Günter Dirnhofer, der Sohn des Hindenburghüttenwirts, hat uns sicher auf der steilen Forststraße – im Winter eine der längsten Naturrodelbahnen Deutschlands – in diese andere Welt chauffiert. Der Bus war das letzte fahrende Auto, das wir gesehen, gehört, gerochen haben. Vor den Almhütten stehen ganz vereinzelt Wagen. Aber sie stehen da nur, werden nur bewegt, wenn’s wirklich notwendig ist. Zu hören sind nur noch gleichmäßiger Atem, die Tritte unserer Wanderschuhe auf der schmalen, asphaltierten, nun, „Straße“ ist zu hoch gegriffen, wir hören leisen Wind, ab und an Kuhglockengebimmel. Ansonsten: Stille, Ruhe.
Der Himmel ist wolkenverhangen, es ist einer der seltenen Tage in diesem Juli, an dem es im Chiemgau nach Regen aussieht. Hochnebel, 23 Grad, ideales Wanderwetter. Das Gespräch kommt langsam in Schwung, man lernt einander kennen, langsam, behutsam. Wer hier das Klischee von der nordic-talkenden Dame sucht, er wird’s nicht finden. Die Frauen nehmen die Ruhe der sanft hügeligen Landschaft, der Buckelwiesen auf. Aus der Unterhaltung heraus kommt Annette auf die Oberhemmersuppenalm und die Herkunft des seltsamen Namens zu sprechen. „Hemmer ist die Bezeichnung der Einheimischen für den Weißen Germer, auch Nieswurz genannt. Die krautige, kräftige Staude ist stark giftig. ,Supp’n‘ hat nichts mit einer Suppe zu tun. ,Supp’n‘ heißen bei uns die Hochmoore. Die Hemmersuppenalm ist also die Alm, auf deren Moorflächen der Nieswurz wächst.“Hier oben auf einen Arzt warten zu müssen – das kann im Ernstfall tödlich sein. Sie musste robust sein, sie musste alles, was sie zum Leben brauchte, selbst den Berg heraufschleppen. Sennerinnen waren keine dummen Hascherl, Sennerinnen waren lebenstüchtige, starke Frauen.“
Während uns Annette die Arbeit der Sennerin näherbringt, ziehen wir an den Feuchtwiesen vorbei, die in voller Blüte stehen. Annette, gelernte Floristin, weiß auch hier viel zu erzählen. Sie überfrachtet uns nicht mit ihrem Wissen, sie wartet auf unsere Fragen, auf echtes Interesse. Und darauf geht sie dann ein. Wir erfahren allerhand über die heilende Wirkung des Frauenmäntelchens, das Rosengewächs, das die Sennerin gegen Frauenleiden eingesetzt hat, über den Frauenschuh, eine der prächtigsten wildwachsenden Orchideenarten Europas, über die Lilienart Türkenbund, die ihren Namen vom Turban des Sultans Mehmed I. hat.
Hinter der Kuppe taucht die erste Station unserer Wanderung auf: die St.-Anna-Kapelle. Und damit sind wir gleich beim nächsten „Frauenthema“: Anna gebar nach 20-jähriger kinderloser Ehe mit Joachim Maria, die Mutter Jesu. Auch davon hören wir. In der Kapelle setzen wir uns auf die hinteren Bankreihen, lauschen andächtig den Worten unserer Bergwanderführerin.
Was sie erzählt, hat nichts mit Bigotterie zu tun, das handelt vom gelebten Volksglauben. Als sich die eben noch Fremden wieder auf den Weg machen und den Kraftort verlassen, sind sie tatsächlich eine Gruppe. Es geht vorbei an den Almhütten, am Brunnen mit dem „guten Wasser“, dem heilkräftige Wirkung nachgesagt wird, vorbei an Kuh und Arnika. Das Sträßlein ist inzwischen nur noch ein gut befestigter Wanderweg. Die Gespräche werden privater, vertrauter. Wir treten ein in den Wald – und nach 40, 50 Metern schrecken wir ein Birkhuhn auf: Geräuschvoll schwingt es sich mit schwerem Flügelschlag in die Lüfte.
Durch den Bergwald, in dem uns Annette von der harten Arbeit der Holzknechte erzählt, geht’s weiter zur Diensthütte Pflegereck, wo die Holzknechte hausten und ihr Holzknechtmus zubereiteten – einen Brei aus Wasser und Mehl mit einer Prise Salz, schwimmend ausgebacken in Schmalz.
Keiner der Teilnehmerinnen will so recht das Wasser im Mund zusammenlaufen. Das ändert sich sofort, als Annette ihren Rucksack auf dem dicken Holztisch vor der Hütte auspackt: Frisches, knuspriges Brot hat sie dabei, goldgelbe Bauernbutter und rotglänzende Radieschen. Beim gemeinsamen Mahl wächst die Gruppe weiter zusammen. So weit, dass man danach den markierten Wanderweg verlassen kann und sich „in die Büschen schlägt“.
Das ist natürlich nicht wörtlich gemeint. Das Ökosystem Alm ist sensibel, die Mutterbodenschicht sehr dünn. Die Gruppe schlägt einen schmalen, sehr schmalen, geheimnisvollen Weg ein, der selbst Einheimischen weitgehend verborgen geblieben ist. Es geht an der Baumgrenze entlang, Sonnenstrahlen brechen durch die Wolkendecke, die Beine streifen an feuchte Grashalme. Wir erhaschen einen Blick durchs Achental auf den Chiemsee.
Der nächste Wegabschnitt ist ein meditativer. Annette fordert ihre Begleiterinnen auf, einen Gegenstand, einen Stein, einen Handschmeichler einzustecken, in sich zu gehen, sich auf sich zu konzentrieren, Ballast abzuwerfen, auf das Singen und Zwitschern der Vögel zu horchen, die Natur auf sich wirken zu lassen. Schweigend stapfen wir weiter. Rechts vom 20 Zentimeter breiten Pfad, der nicht durch ein Geländer oder ein gespanntes Seil gesichert ist, fällt das Wiesengelände steil ab. Richtig steil. Doch die konzentriert marschierenden Frauen lässt das unbeeindruckt.stressfrei.“ Es komme aufs schöne Naturerlebnis an, darauf, dass die Teilnehmerinnen einen entspannten Tag erleben wollen, der zugleich geistig und körperlich fordert.
Wir gelangen an eine kleine Grotte, die sich an einem Kalkabriss gebildet hat. Jemand hat eine Marienfigur und ein Kreuz hinterlassen, eine Kerze flackert. Mitten in der freien Natur hat sich vor uns unvermutet ein Raum aufgetan, der schon beinah sakral wirkt. Ein weiterer Kraft- und Glücksort auf unserem Weg rund um die Oberhemmersuppenalm. Nach einer kurzen, besinnlichen Rast werden wir wieder gefordert. Es hat zu regnen begonnen, unter dem schützenden Dach der Grotte streifen wir unsere Regenjacken über. Gemeinsam tropfen wir auf dem schmalen Steig weiter, das Wasser rinnt an uns runter, die Hosen saugen es auf. Wir sind nass bis kurz vor den Knochen. Doch niemand mault. Warum sollte man sich übers Wetter aufregen? Wird’s deshalb besser? Nein, es geht weiter, stetig weiter.
Wenn’s glitschig wird, halten wir uns an Wurzeln fest, fassen wir die Äste der Sträucher am Wegesrand und ziehen uns daran über die zahllosen Rinnsale. „Da beobachte ich bei meinen Gruppen immer wieder die Verblüffung der Frauen darüber, dass sie das können.“ Ganz selbstverständlich, als hätten sie noch nie etwas anderes gemacht, als sich durchs Gelände zu kämpfen. Wobei hier die Verkrampftheit des Kampfes fehlt. Da gibt’s kein Murren, wer ausrutscht, dem wird aufgeholfen, ruhig und besonnen. Jede unterstützt jede. Wo andere Workshops und Teamfindungsseminare benötigen, braucht Annette grade mal vier Stunden gemeinschaftlichen Wanderns.
Der Regen wird schwächer und urplötzlich stehen wir wieder auf dem breiteren, markierten Wanderweg. Wir haben den Pfad am Hang verlassen, vor uns weitet sich der Blick über die Alm. Die Klamotten dampfen, bei knapp 25 Grad und strammen Schritten trocknen wir vor uns hin. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zur Hindenburghütte. Links von uns schrillt aus einer Senke ein scharfer Pfiff. In etwa 250 Meter Entfernung entdecken wir es: Auf einem Findling thront das Murmeltier. Ein weiterer Pfiff, Aufruhr am Waldrand – und alle Mankerl sind verschwunden.
Nach fünf Stunden haben wir den Kreis geschlossen, die Tour ist zu Ende. Eine Tour für Frauen, der nichts „Mädchenhaftes“ anhaftet, eine Tour, die klar macht, dass Spiritualität und Esoterik nicht dasselbe sind. Eine anspruchsvolle Wanderung, die Trittsicherheit und Grundkoordination erfordert, eine lehrreiche Wanderung, in der die Führerin die richtige Dosis an historisch, botanisch und geologisch Wissenswertem weitergibt. Frauen wandern anders. Vielleicht nicht besser, keinesfalls aber schlechter und wahrscheinlich bewusster. Anders eben. Mann muss sie nur lassen. Und ihm würd’s nicht schaden, sich auch mal auf diese Gangart einzulassen.
Entschleunigung statt Gipfelstürmerei
Von Andreas Falkinger
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