Gähnend sieht Herr Schlapp des Sonntags aus dem Fenster auf den wolkenverhangenen Himmel. Sein Kreislauf ist fast auf dem Nullpunkt und seine Stimmung auch. Gerne wäre er mal wieder zum Radeln gegangen, oder noch lieber in die Berge – aber bei dem Wetter? „Dass es auch ausgerechnet immer am Wochenende so schlecht sein muss“, grummelt er vor sich hin. „Nein, da verpasst man nichts.“ Unausgeglichen und mit einem Speckring mehr um den Bauch geht Herr Schlapp dann am Montag wieder in sein Büro.
Ganz anders Familie Frisch. Sie ließ sich durch die dicke Wolkendecke nicht abschrecken und ist schon früh am Morgen Richtung Tegernsee aufgebrochen. Mit dem Auto fahren sie nach Enterrottach und dann über die Mautstraße bis zu einem kleinen Parkplatz gegenüber dem Schild, das den Weg zur Bodenschneid weist. Papa Frisch hat diese Tour ausgesucht, weil sie kurz und einfach ist, also auch bei diesem Wetter machbar. Der Weg führt größtenteils durch dichten Bergwald, der bei einem kurzen Regenschauer wie ein natürlicher Regenschirm wirkt. An einem heißen Tag wären die Bäume selbstverständlich willkommener Sonnenschutz.
Mit festen Bergschuhen an den Füßen und Regenkleidung, Tee und Brotzeit im Rucksack bricht Familie Frisch auf. Der Weg durch den herrlichen Mischwald ist durch einen morgendlichen Regenschauer stellenweise etwas batzig und das Wurzelwerk, das sich manchmal wie Fangarme über den Steig zieht, schlüpfrig. Da muss man schon ein wenig aufpassen, wo man hintritt.
Aber nicht nur, weil sie sich auf den Weg konzentrieren, sind die Frischs still geworden auf ihrer Wanderung zur Bodenschneid. Nein, auch weil die Stimmung bei diesem Wetter so ganz anders ist, als an einem strahlenden Sonnentag. Fast andächtig steigen sie immer höher hinauf, während einige Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen und der Waldboden einige Nebelschwaden ausatmet. Der Geruch von nassem Laub und feuchtem Waldboden unterstreicht die moosige Beschaulichkeit. Ein einfaches Spinnennetz an einem morschen, mit Flechten überzogenen, toten Baum, benetzt mit ein paar Regentropfen, erscheint wie ein großes Kunstwerk der Natur.
„Schau mal Mutti, wie Perlen“, durchbricht der kleine Michi die Stille und deutet auf die im Licht schimmernden Wassertropfen auf einem Eichenblatt. Belebt von der Sonne, beginnt die Umgebung kurzzeitig zu funkeln wie eine Schatzkammer. Eine Windböe beendet dieses Naturschauspiel und sofort beginnt ein neues, eines, das das Laub erzittern lässt.
Die Bäume wiegen sich im Wind, der Himmel verdunkelt sich und ein kurzer Regenschauer geht nieder. Jetzt kommen auch die Regenjacken zum Einsatz. Doch schon nach kurzer Zeit ist alles vorüber, die Familie Frisch beginnt zu schwitzen in ihrer wetterfesten Kleidung und so wandern die Anoraks wieder zurück in den Rucksack.
Nach etwa einer Stunde verlässt man plötzlich den Wald und steht vor einer herrlichen Almwiese, der Bodenalm. Der Frühling hat hier ganze Arbeit geleistet und alles in ein blühendes Blumenmeer verwandelt. „Ein idealer Platz zum Brotzeitmachen“, meint Frau Frisch und setzt sich auf einen Holzpflock vor der großen Hütte inmitten der paradiesischen Frühlingswiese. „Und Kinder, den Tegernsee kann man auch sehen von hier oben.“
Nach der Brotzeit wird der Gipfel in Angriff genommen. Über einen Waldsteig geht es steil, aber unschwierig in einer weiteren Stunde zum Kreuz auf 1667 Meter hinauf. Der Blick von hier oben auf den Tegernsee ist besonders reizvoll. Doch auch die bekannten und beliebten Wanderberge Risserkogel und Blankenstein kann der Ortskundige nun entdecken.
Nachdem sich die Familie Frisch ins Gipfelbuch eingetragen und die herrliche Aussicht bewundert hat, steigt sie in etwa eineinhalb Stunden wieder ab. Papa Frisch möchte noch in der Monialm einkehren und das haben sie sich auch alle verdient. Oder doch besser ins Bräustüberl am Tegernsee und das frische, süffige Bier kosten? Beides ist keine schlechte Idee, will man die Tour noch mit einer zünftigen Brotzeit abrunden.
Auf dem Nachhauseweg im Auto beginnt es dann plötzlich zu schütten. Doch man höre und staune! Keiner der Familie Frisch kann sich über das Wetter aufregen. Alle sind sich einig: es war ein gelungener Ausflug, auch bei diesem Wetter – oder gerade bei diesem Wetter? Ein bisschen vom Erlebten haben sie nämlich alle nach Hause mitgenommen: der kleine Michi in die Schule, die Mutter in ihre Firma und der Papa in sein Büro, wo ihm der missmutige Herr Schlapp über den Weg läuft. Doch mit so einem erfüllten Wochenende im Rücken kann ihm der nicht die Laune verderben.
Ein Plädoyer für Schlechtwettertouren
Von Bernhard Ziegler
Rottach. Bisher hat uns der Sommer ja nicht gerade verwöhnt. Doch selbst schuld, wer sich von ein paar Regentropfen abschrecken lässt und den Sonntag wieder bewegungsfaul vor dem Fernseher verbringt. Oder riskiert man es doch, dass man eine kleine Dusche abkriegt und erhält zum Lohn dafür eine Portion taufrische Natur in den bayerischen Vorbergen. Auch wenn sich die Sonne mal nicht zeigt, kann eine Wanderung in den Alpen wunderschön sein, das haben die letzten Wochen immer wieder gezeigt.
Rottach. Bisher hat uns der Sommer ja nicht gerade verwöhnt. Doch selbst schuld, wer sich von ein paar Regentropfen abschrecken lässt und den Sonntag wieder bewegungsfaul vor dem Fernseher verbringt. Oder riskiert man es doch, dass man eine kleine Dusche abkriegt und erhält zum Lohn dafür eine Portion taufrische Natur in den bayerischen Vorbergen. Auch wenn sich die Sonne mal nicht zeigt, kann eine Wanderung in den Alpen wunderschön sein, das haben die letzten Wochen immer wieder gezeigt.
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