Alpiner Klassiker mit Geheimnissen

Von Bernhard Ziegler
Wolkenstein. Geradezu herausfordernd schön und imposant thront der Langkofel über dem Grödnertal. Kein Wunder, dass der bergfanatische Luis Trenker keine Gelegenheit ausließ, von diesem Wahrzeichen Grödens zu schwärmen, und auch als Filmkulisse musste dieser Dolomitenberg immer wieder herhalten. Gerade wenn die Morgennebel um seine steil aufschießenden Felsflanken wabern und die aufgehende Sonne das Gestein fast rosa färbt, wird er zur magischen Postkartenschönheit.
Herrliche Kletterei und wunderschöne Fotomotive ergeben sich beim Anstieg auf den Langkofel. Foto: Bernhard Ziegler
Natürlich zieht so ein Gipfel die Bergsteiger an wie ein Magnet. Doch der Langkofel will erobert werden, will seinen Mythos bewahren und gibt sein Geheimnis nicht jedem ohne Weiteres preis. Weniger poetisch gesprochen heißt das, dass der Langkofel ein Berg für Bergsteiger ist. Bergwanderer dürfen ihn bewundern, sie können ihn in einer dreieinhalbstündigen schönen Tour umrunden (gut sechs Stunden würde man für die Umrundung des ganzen Massivs inklusive Plattkofel brauchen), doch der Gipfelanstieg bleibt eine alpine Unternehmung. Der Langkofel wurde nicht, wie viele andere Dolomitenberge, mit Drahtseilen und Eisenstiften entweiht. Es gibt keine Markierungen und die Route verlangt klettertechnische Fertigkeiten bis zum oberen III. Grad (UIAA). Doch das ist nicht alles: auch geübte Bergsteiger bekommen an diesem Berg oft Probleme mit der Orientierung. Die Route ist nämlich verzwickt und erschließt sich einem nicht immer auf Anhieb.

Wie war das wohl damals am 13. August 1869, am Tag der Erstbesteigung des Langkofel? Welche Erkundigungen hat Paul Grohmann wohl vorher unternommen, wie schwierig war es für ihn in einer Terra Incognita ohne jegliche Steigspuren unterwegs zu sein. Und dennoch hat der Wiener Alpinist eine Route gefunden und den Gipfel als erster bestiegen. Aus dem sogenannten Cunfinboden ging’s ins Langkofelkar und von dort über eine steinschlaggefährdete Rinne direkt ins Amphitheater. Die Route von dort zum Gipfel verlief dann ungefähr entlang der auch heute noch üblichen Normalroute.

Und heute? Da nimmt man bequem den Lift und fährt mit den ersten Kabinen des jungen Tages hinauf in die Langkofelscharte mit der Demetzhütte. Dann steigt und klettert man über das Fassaner Band zum Amphitheater. Flavio Moroder, der Chef der Grödner Bergschule Catores, begleitet mich. Auch wenn mich die klettertechnischen Schwierigkeiten nicht sehr herausfordern, so bin ich doch beinahe mit jedem Schritt dankbarer, einen kompetenten und vor allem ortskundigen Führer zu haben. Der Langkofel bewahrt sein Geheimnis wirklich gut; während der Berg von außen wie ein geschlossenes, kompaktes Massiv aussieht, erweist er sich innen als kariöser Backenzahn.

Ob es da oder dort hinaufgeht, ob man links oder rechts einem Felseneck ausweicht, wo Sicherungsmöglichkeiten sind und wo nicht, all das ist alles andere als einfach zu finden. Und so kommt es, dass an diesem herrlichen Juli-Tag außer uns nur zwei andere Bergsteiger unterwegs sind.

Weil Flavio den Weg wie seine Hosentasche kennt, erreichen wir den Gipfel relativ rasch und noch deutlich vor der Mittagsstunde. Etwa 650 Höhenmeter sind zu bewältigen, das scheint auf dem Papier recht wenig. Doch die Wirklichkeit ist anders. Man gewinnt die Höhen überwiegend mit Klettern, dazwischen warten immer wieder zeitraubende Querungen. Und so ist der Langkofel auch konditionell nicht zu unterschätzen.

Fast sagenumwoben ist auf der Tour die sogenannte Untere Eisrinne. Flavio erzählt mir, dass diese Passage schon immer zur besonderen Charakteristik des Langkofel gehörte. „Wie sind die Verhältnisse in der Eisrinne?“ – das war die erste und oft die alles entscheidende Frage, wollte man diesen herrlichen Dolomitenberg besteigen. Doch die Ausaperung der Gletscher macht auch am Langkofel nicht halt. Während man im Frühsommer oft noch ganz gute Verhältnisse vorfindet, ist die Rinne später im Jahr meist beinhart ausgeapert und auch steinschlaggefährdet. Und so hat man links neben der Rinne eine Alternativroute über den Felsgrat eingerichtet. Über diesen kann man in wunderbarer Kletterei ausweichen, und noch dazu Steigeisen und Pickel zu Hause lassen.

Überhaupt bietet diese klassisch anmutende Route wunderbare Genusskletterei. Anhaltend schön geht es über gut gestufte Felsen; Griffe und Tritte braucht man nicht lange zu suchen und weil die Route wirklich nicht überlaufen ist, sind die Felsen auch nicht abgespeckt, sondern griffig.

Das Gipfelpanorama am Langkofel ist vom Allerfeinsten: Beim Steinmandl auf 3181 Meter Seehöhe hat man einen traumhaften Ausblick vom Ortler bis zur Marmolada, meistens. Heute dagegen gewährt uns der Langkofel nur eine eingeschränkte Aussicht, denn entgegen aller Wetterprognosen schießen die Gewitterwolken schon um Mittag in die Höhe. Erste Donner lassen keine Zweifel mehr aufkommen, dass sich die Wetterfrösche heute geirrt haben. Wir beeilen uns beim Abstieg, was in diesem Gelände nicht ganz einfach ist, ohne ein Risiko einzugehen. Der Abstieg am Langkofel erfordert ebenso viel Zeit wie der Aufstieg und mindestens so viel Konzentration. Das gilt insbesondere für die Orientierung, die erstaunlicherweise jetzt nicht einfacher ist, ja beinahe erscheint sie mir im Abstieg noch schwieriger. Und wieder bin ich froh, dass Flavio jeden Schritt und Tritt kennt, denn es beginnt zu hageln und in Strömen zu regnen. Um Zeit zu sparen, wird, wo es Sinn hat, abgeseilt. Der Bergführer weiß genau, wo das ist, und auch wo die dazu nötigen Ringe eingerichtet wurden. Eine Seilschaft ohne Ortskenntnis hätte jetzt sicher andere Schwierigkeiten, doch wir erreichen sicher und ohne Probleme das Langkofelkar. Patschnass reihen wir uns dort in die Reihe der vor dem Wetter flüchtenden Wanderer ein und eilen zur Demetzhütte hinauf.

Weil die Seilbahn wetterbedingt den Betrieb eingestellt hat, sammeln sich hier die triefenden Wanderer und Bergsteiger en masse und verwandeln die Gaststube in ein römisches Dampfbad. Doch das Warten wird einem auf der Demetzhütte versüßt, denn hier gibt es wirklich leckere Südtiroler Spezialitäten. Während draußen die Sturzbäche aus den Wänden schießen, gönnen wir uns drinnen die Nudeln nach Toni-Demetz Art und stoßen mit einem Bier auf ein kleines alpines Abenteuer an.
Artikel vom 21.08.10
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