„Wir sind erschüttert“

Altötting/Berchtesgadener Land. Überrascht zeigte man sich gestern im Landratsamt Berchtesgadener Land von der Entwicklung im Altöttinger Waffenskandal, der immer weitere Kreise zieht. „Wir sind erschüttert“, sagte der Pressesprecher der Kreisbehörde in Bad Reichenhall, Christoph Abress. Derzeit würde den Vorwürfen nachgegangen.
Der Waffenskandal im Altöttinger Landratsamt zieht – wie gestern berichtet – immer weitere Kreise. Bei einer Razzia im Amt und einer Hausdurchsuchung in der Privatwohnung eines Sachbearbeiters der Abteilung Waffen- und Sprengstoffrecht waren rund 150 Waffen entdeckt worden, Landratsamtsmitarbeiter Rainer M. (48) aus Kirchweidach wurde festgenommen, weil er sich an den Waffen bedient hatte, die von Landkreisbürgern nach dem Amoklauf von Winnenden freiwillig zur Vernichtung abgegeben worden waren. Außerdem wurde bekannt, dass der 48-Jährige weitere Waffen in seinem Besitz hatte, die angeblich aus dem Bestand des Landratsamtes Berchtesgadener Land stammen und ebenfalls bereits katalogisiert und zum Teil mit Preisen ausgezeichnet gewesen sein sollen. Ein Sachbearbeiter der Behörde in Bad Reichenhall soll Rainer M. die Waffen kostenlos überlassen haben.

Diesen Vorwürfen geht man nun in Bad Reichenhall nach. Ob tatsächlich Waffen aus dem Landratsamt Berchtesgadener Land nach Altötting gegangen seien, könne noch nicht gesagt werden, so Pressesprecher Christoph Abress. Üblicherweise würden eingezogene oder abgegebene Waffen an das Landeskriminalamt weitergereicht. Bei den Massenabgaben in jüngster Vergangenheit habe das LKAaber nicht alle Waffen abnehmen können. Diese seien dann der Vernichtung zugeführt worden, versichert Abress. „Wir haben für jedes Teil eine Laufkarte, auf der sich der Weg jeder Waffe genau nachvollziehen lässt“, versichert der Pressesprecher. Wenn am Ende „vernichtet“ auf der Karte stehe, dann könne man mit Sicherheit davon ausgehen, dass die betreffende Waffe auch vernichtet worden sei, weil dieser Vorgang immer im Beisein mehrerer Mitarbeiter stattgefunden habe. Mehr, so Abress, könne er im Augenblick nicht sagen, man müsse die Untersuchungen im Amt abwarten.

Dass er mit den Waffen habe handeln wollen, bestreitet der Kirchweidacher Rainer M., der allerdings vom Landratsamt aus auch noch andere Geschäfte betrieb – etwa eine InvestmentGesellschaft, die Finanzprodukte verkaufte, und eine Sponsoren-Vermittlung für Sportvereine und Sportler. Als eine der Telefonnummern der Firma ist im Internetauftritt der Gesellschaft die Durchwahl von Rainer M. im Landratsamt Altötting zu finden.

Mittäter oder Mitwisser im Altöttinger Landratsamt will Rainer M., wie gestern berichtet, nicht gehabt haben. Der Zugangzur Waffenkammer des Amtes war ihm angeblich alleine möglich. Eine Kontrolle darüber, was dort eingelagert oder mitgenommen wird, sei deshalb nicht möglich gewesen. „Da waren wir zu blauäugig, weil das jahrelang problemlos funktioniert hatte“, gestand Altöttings Landrat Erwin Schneider. Jetzt habe sein Amt aber sofort reagiert. Wie Pressesprecher Klaus Zielinski mitteilte, wurde der Zugang zur Waffenkammer ab sofort geändert. Jetzt können dort Einzelpersonen nicht mehr aus- und eingehen: „Ab sofort gilt das Vier-Augen-Prinzip.“ Außerdem habe das Landratsamt den inhaftierten Mitarbeiter beurlaubt.

Sowohl der Pressesprecher der Polizeidirektion Oberbayern-Süd, Franz Sommerauer, als auch der Pressesprecher der in dem Fall federführenden Staatsanwaltschaft Traunstein, Volker Ziegler, wollten sich gestern mit Hinblick auf die weiter auf Hochtouren laufenden Ermittlungen nicht zum aktuellen Sachstand äußern. Inzwischen hat der Burghauser Rechtsanwalt Erhard Frank bestätigt, dass Rainer M. sein Mandant ist. „Ich habe bereits Akteneinsicht beantragt“, sagte Frank am Montag. Ehe ihm die Unterlagen nicht vorlägen, könne er sich aber zu dem Fall nicht äußern.
Artikel vom 09.03.10
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