Wieder gefiederte Untermieter

Von Thomas Thois
Trostberg. Farbenfrohe Vogelhäuschen werden verschmäht, schmucke Starenkästen links liegen gelassen, denn der letzte Schrei am Wohnungsmarkt unserer gefiederten Freunde sind: Postkästen. Nur eine Woche, nachdem wir über das in einer Zeitungsrolle in Hörpolding nistende Gartenrotschwanz-Pärchen berichtet haben, ist nun ein Holzbriefkasten in der Herzog-Ludwig-Straße in Trostberg zum Brutplatz umfunktioniert worden.
Klein, aber hungrig: Der Kohlmeisen-Nachwuchs im Postkasten von Josefine Baschek in der Herzog-Ludwig-Straße. Foto: tt
Wo bis letzte Woche noch Briefe, Fernsehzeitung und Trostberger Tagblatt Platz fanden, zwitschern jetzt munter vier frisch geschlüpfte Kohlmeisen. „Eine schöne Sache, wir hatten ja vor zwei Jahren schon mal Meisen-Nachwuchs im Postkasten“, freut sich Josefine Baschek (63) über den neuerlichen Einzug der gefiederten Untermieter.

Die Elterntiere haben den geräumigen Holzpostkasten als ungewöhnliche Unterkunft auserkoren, das Innere fast bis zur Hälfte mit Moos, Gräsern und kleinen Zweigen befüllt und eine komfortable Brutstätte eingerichtet, in der sich die Vierlinge vergangene Woche durch die Eierschalen ans Licht der Welt kämpften. „Es ist schon erstaunlich, dass es den Meisen da so gut taugt“, wundert sich Josefine Baschek. „Immerhin haben wir in unserem Garten ja drei richtige Vogelhäuschen stehen, aber die sind alle leer.“

Die Vögel scheinen sich in ihrem unkonventionellen Domizil mitten in der Siedlung in einer überdachten Garageneinfahrt wohl zu fühlen. „Pausenlos bringen die Eltern Futter heran, und ich stelle als kleine Unterstützung auch noch immer ein Schälchen mit Mehlwürmern dazu“, sagt die fürsorgliche Gastgeberin, die zudem Brief- und Zeitungsausträger per Nachricht auf einem roten Zettel dazu angehalten hat, die Post vorübergehend in ein weißes Stoffsackerl zu legen, solange bis der Vogelnachwuchs flügge geworden ist. „Das dauert aber sicher noch ein paar Wochen“, so Josefine Baschek. Wobei die noch winzigen, wie ein flaumiges Knäuel anmutenden Jungen den Schnabel aber schon ganz schön weit aufreißen, wie die 63-Jährige bei der kurzen „Wohnungsbesichtigung“ während des Fototermins feststellte.

Ansonsten wird der Kohlmeisen-Nachwuchs mit dem großen Kohldampf aber so wenig wie möglich gestört. „Es sollen ja alle vier gut durchkommen“, weswegen Josefine Baschek und ihre Tochter Christina (25) derzeit auch ein wachsames Auge auf ihre drei Katzen werfen. „Aber ,Cindy‘, ,Angie‘ und ,Sammy‘ sind ja reine Hauskatzen, die kommen normal gar nicht in die Nähe des Nistplatzes.“ Und Yorkshire-Terrier „Sherry“ sowie die vier Schildkröten, die bei den tierlieben Bascheks auch noch zu Hause sind, dürften die Kohlmeisen-Familie ja eher nicht in ihrem Beuteschema haben...
Artikel vom 06.07.11
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