„Wer nicht kämpft, hat schon verloren“

Wonneberg (he). Ab dem Jahr 2013 soll eine EU-Agrarreform die Zukunft der Landwirtschaft neu regeln – die Verhandlungen haben schon begonnen. Das Agrarbündnis „Meine Landwirtschaft“, getragen von rund 50 Organisationen, will das Seine dazu tun, dass es auch künftig „Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ gibt. Mit der Aktion „Bauer hält Hof“ hat sich das Bündnis jetzt auch im Landkreis Traunstein Gehör verschafft – auf dem Hof von Konrad und Agnes Thaller in der Gemeinde Wonneberg.
Auch eine Besichtigung des neuen Stalls der Familie Thaller gehörte zum Programm. Foto: he
Vertreter zahlreicher beteiligter Organisationen waren dabei: Bund Naturschutz, Misereor, Slow Food, Eine-Welt-Gruppen, BDM, Forum Ökologie, Zivilcourage, Attac, Imker, AbL, Direktvermarkter, Grüne, IG Milch. Deren Repräsentanten betonten, dass man in Zukunft eine Politik wolle, die den Menschen – in der heimischen Region wie auch in den Entwicklungsländern – in den Mittelpunkt stelle. Die Interessen der weltweit agierenden Ernährungskonzerne und sonstiger „global player“ sollten in den Hintergrund treten.

Für Moderator Hartmut Heinrich, „der letzte Landwirtschaftsdirektor im selbstständigen Landwirtschaftsamt Laufen“, hat die alte Agrarpolitik versagt. Jetzt sei es das Ziel, eine verantwortungsvolle, gerechte und nachhaltige Agrarpolitik zu bekommen. Um dieses Ziel voranzutreiben, habe sich eine breite Allianz aus den Bereichen Landwirtschaft, Verbraucherschutz, Entwicklungszusammenarbeit, Kirche, Umwelt-, Tier und Naturschutz zusammengetan, die Trägergemeinschaft „Meine Landwirtschaft“.

Konrad Thaller stellte den rund 60 Gästen seinen Hof vor. Seine Frau und er haben ihn 1988 mit 25 Milchkühen übernommen. Dies sei für Vollerwerb zu wenig gewesen, daher habe er viele Jahre hinweg nebenher Klauenpflege betrieben. Dann habe man Pachtflächen angeboten bekommen und die Familie entschloss sich, einen neuen Stall mit 58 Boxenplätzen zu bauen. Das Altgebäude sei für den Melkstand umgenutzt worden. Er wünsche sich einen kostendeckenden Milchpreis, damit sich die Investition auch rentiere, so Thaller. Dazu gehörten eine Mengenregelung bei der Milch und ein Systemwechsel, der es den Bauern ermögliche, den Konzernen auf Augenhöhe entgegentreten zu können. „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, zitierte er den verstorbenen Grünen-Chef Sepp Daxenberger.

Hans Leis vom BDM Garmisch-Partenkirchen fasste die Forderungen des Agrarbündnisses „Meine Landwirtschaft“ zusammen. Unter der Überschrift „Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ geht eine wichtige Forderung dahin, dass sich Landwirtschaft lohnen müsse, für die Bauern ebenso wie für die Verbraucher. Daher sollten bäuerliche Betriebe und Arbeit gefördert werden anstatt Konzerne zu subventionieren. Direktzahlungen der EU sollten an die Zahl der Beschäftigten und nicht an die Flächengröße gekoppelt werden, betonte Leis. Einer Überproduktion und der damit verbundenen Verschwendung sowie dem Preisverfall solle durch Mengensteuerung entgegengetreten werden. Auch in der Landwirtschaft solle es Mindestlöhne und Antidumpinggesetze geben.

Weil für eine gesunde Ernährung gesunde Tiere notwendig seien, sollte industrielle Tierhaltung nicht länger subventioniert werden. Eiweißfutter sollte wieder weitgehend in Europa erzeugt werden. Der Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen, patentierter Lebewesen und geklonter Tiere sollte verboten werden. Vielfalt soll an die Stelle von Monokulturen treten, eine Mindestfruchtfolge beachtet und die Verwendung von synthetischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln systematisch reduziert werden. Kleinteilige, effiziente und angepasste Energiegewinnung aus Abfallstoffen und Zwischenfrüchten wird befürwortet – statt Monokulturen für Sprit und Biogas. Auch an die Entwicklungsländer wird gedacht: Alle Exporte, die Kleinbauern in diesen Ländern bedrohen, sollten eingestellt und schon gar nicht subventioniert werden. Auch sollten Billigimporte von Futtermitteln und Agrarsprit unterbunden werden. Und für das, was tatsächlich importiert wird, sollten gerechte Preise gezahlt werden.

Eva Maria Heerde-Hinojosa von Misereor bestätigte: „Die Armut in den südlichen Ländern wird von uns täglich neu organisiert.“ Die EU-Agrarpolitik produziere „Bauernopfer“ hier und anderswo. Verantwortungsvolle Politik müsse die globalen Dimensionen in den Blick nehmen. Es sei ein Missverständnis zu glauben, dass wir die Welt ernähren sollten. Vielmehr sollte man Rahmenbedingungen schaffen, dass die Menschen in den Entwicklungsländern sich selber ernähren können.

Gertraud Gafus, stellvertretende Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), fasste zusammen: „Wir haben eine Richtung, und die ist richtig.“ Man hätte sich vor zehn Jahren nicht vorstellen können, dass etwa Bauern und Naturschützer zusammenarbeiten und auch die Südhalbkugel ein Thema sein würde. Als „enttäuschend und beschämend“ bezeichnete sie wie BDM-Kreisvorsitzender Sepp Hubert die Tatsache, dass trotz Einladung kein einziger Vertreter der Regierungsparteien gekommen sei. „Wir sind ein starkes Bündnis, werden getragen von der Gesellschaft. Da werden die hintanstehen müssen, die meinen, jetzt nicht mitmachen zu müssen.“
Artikel vom 12.11.11
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