Überseer Überflieger

Von Thomas Thois
Übersee. Die BR-Abendschau gerockt, die überdurchschnittlich anspruchsvolle Wochenzeitung „Die Zeit“ verzaubert und das Fachmagazin „Musikexpress“ überzeugt: LaBrassBanda holen richtig aus, um am heutigen Freitag ihr neues Werk „Übersee“ auf den Markt zu werfen. Gemessen an der Medienresonanz in der Woche der Albumveröffentlichung könnte es tatsächlich der ganz große Wurf werden für die fünf Blasmusik-Avantgardisten, die sich in den letzten Jahren zu den führenden Botschaftern des Chiemgaus in der großen weiten Musikwelt gemausert haben. Nachdem ihr Sound sowohl die Klänge ihrer Heimat verwertet, als auch in die Ferne schweift, hätten sie keinen besseren Titel finden können als: „Übersee“.
Fürs aktuelle Bandfoto machten sich LaBrassBanda einen feuchte Gaudi am heimischen Wasserfall. Mit ihrem zweiten Album „Übersee“, von dem wir drei Exemplare auf unserer heutigen Jungen Seite verlosen, starten sie ab heute durch. Foto: Trikont
Dass sie es in ihrer kurzen, aber steilen Karriere vom Geheimtipp zu – wie die „Abendzeitung“ diese Woche befand, – „Bayerns derzeit wichtigstem und erfolgreichstem Musikexport“ geschafft haben, beweist auch die Tatsache, dass sie den Circus Krone zweimal ausverkauft haben. Am heutigen Freitag und am morgigen Samstag ist die 2000 Zuschauer fassende Münchner Konzertarena voll besetzt, wenn LaBrassBanda ihr zweites Album nach „Habedieehre“ vorstellen. Nur für den Zusatztermin am 7. November gibt es noch Restkarten.

Aufgenommen haben die fünf studierten Vollblutmusiker Stefan Dettl (Trompete, Gesang), Oliver Wrage (Bass), Andreas Hofmeir (Tuba), Manuel da Coll (Schlagzeug) und Manuel Winbeck (Posaune) „Übersee“ natürlich in Übersee, ihrem Heimatort, in einem unscheinbaren Industriekomplex, wo sich im ersten Stock ihr Aufnahmestudio befindet. Mit dem Albumtitel setzen sie ihrer Heimat ein musikalisches Denkmal. Und die Kritiker sind begeistert. So verteilt das Fachmagazin „Musikexpress“ vier von sechs Sternen und schreibt: „Mit seinem zweiten Album dürfte dem Quintett die Musikwelt zu Barfüßen liegen“.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ befand kürzlich: „Brachial muss es scheppern: LaBrassBanda aus Bayern blasen alle Genregrenzen über den Haufen.“ Dabei gibt Frontmann Dettl nicht allzuviel auf Kritikerlob und Schmeicheleien. „I kenn mi da net so guat aus“, sagt er zum feuilletonistischen Dauerversuch, den einzigartigen Sound durch das Auf- und Zumachen verschiedenster Stil-Schubladen – ob Polka, Techno, Mariacchi, Ska, Gypsy, Landler oder Balkanbeats – zu erfassen. „Ich würde da nicht alles immer so kategorisieren. Wir wissen, dass wir wahnsinnig gern Musik machen, bayerische Musik, und wir nehmen halt einfach alle Stile her, die uns unterkommen und gut gefallen, und versuchen, sie mit unseren Instrumenten auf die Bühne zu bringen.“

Die Texte kommen stets im schönstem Bairisch daher, so dass die Zuhörer bei den vielen Konzerten im Ausland schon ab und an nachfragen, über was die Band denn da so singt. „Aber es ist nicht so wichtig, dass man beim ersten Mal gleich alles versteht, das kann ma dann auf der CD ja nachlesen“, sagt Stefan Dettl. „Um was es geht, dass erschließt sich oft aus der Musik und der Gestik. Das Bauchgefühl muss passen, dann wird getanzt.“

Also sind dann auch meist alle Sprachbarrieren wie weggeblasen, wenn LaBrassBanda ihren völkerverbindenden Blasmusik-Stilmix zum Besten geben – in den letzten drei Jahren in nicht weniger als 250 Konzert-Locations auf dem halben Planeten: Sie wurden beim legendären Roskilde-Festival von Zehntausenden Dänen bejubelt und bejodelt und im simbabwischen Harare oder im russischen Nowosibirsk gefeiert. Auch für die Fußball-EM in Österreich machten sie auf ihrer spektakulären Moped- und Bulldog-Oldtimertour dicke Backen. Und selbst hippe Londoner IndieClubs wurden von der Blechlawine aus dem bayerischen Voralpenland erfasst. „Eine tödliche Kombination von großen Riffs, Arrangements im Lalo-SchifrinStil und Tanzflächenfüllern“, schwärmte etwa das Londoner Magazin „Songlines“. „Man sollte all die epigonalen GypsyOrchester vergessen, um sich den puren Treibstoff dieses süddeutschen Funk zu gönnen.“

LaBrassBanda legen unbändigen Fleiß an den Tag, was Zahl und Güte ihrer Liveauftritte angeht. Und sie haben keinerlei Berührungsängste, wie etwa ein Gastspiel im Mozarteum in Salzburg zeigte, wo sie mit Studenten an Wasserbehältern, Sensen und anderen Instrumenten experimentierten, um den Klang einer sommerlichen Alm einzufangen. Welt- und klangoffen gehen sie durchs Musikerleben. Und deshalb tauchen in Stefan Dettls ewiger Top-TenBestenliste Pink Floyd neben Anton Bruckner und Miles Davis neben Claude Débussy auf.

„Wir kommen natürlich von der klassischen Schiene. Und deshalb haben wir – auch wenn man uns das nicht mehr ansieht – schon etliche hundert Auftritte in Anzug und Frack hinter uns“, stellten die Bandmitglieder bei ihrem famosen Liveauftritt am Montag in der BR-Abendschau klar, als die Moderatorin die Frage nach dem Banda-Dresscode – T-Shirt, Lederhose und barfuß - stellte. Schlagfertig reagierte Stefan Dettl auch, als er mit einer Straßenumfrage konfrontiert wurde, in der Passanten das freizügige Bandfoto (siehe Titelseite) gezeigt bekamen. Moderatorin: „Eine Dame hat gesagt, das sind die Backstreet Boys. Könnt Ihr damit leben?“ Dettl: „Wer is des? Kenn I net!“

Gut möglich, dass die fünf Blechbanditen, die alle um die 30 Jahre jung sind, die Backstreet Boys tatsächlich nicht kennen, weil sie ja nur hören und spielen, was ihnen wirklich gefällt. Zumindest in Bayern dürften die Überseer Überflieger mittlerweile aber bekannter sein als die ausrangierte TeenieKapelle. Und vor allem dürfte ihre Musik eine vielfach längere Halbwertszeit haben, wie auch unsere CD-Besprechung (mit Verlosung!) auf der Jungen Seite zeigt.
Artikel vom 23.10.09
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