Über 2000 Jahre im Moor

Von Stefan Hensel
Waging am See. Baumstämme so weit das Auge reicht – auf den weitläufigen Parkplätzen des Strandbades Waging ist kaum Platz für Autos. Hunderte Stämme liegen fein säuberlich aufgereiht auf dem Gelände. Am morgigen Freitag findet die 15. Südostbayern-Submission statt. Die Rekordmenge von 580 Festmetern Holz steht zum Verkauf. Zwei große Stämme und ein kleinerer Stamm im hintersten Eck des Geländes sehen auf den ersten Blick wenig spektakulär aus, sie sind lediglich etwas unregelmäßiger als die anderen. Dennoch sind sie etwas ganz Besonderes, es handelt sich um sogenannte Mooreichen. Über 2000 Jahre waren die Bäume im Moor gelegen. Ein Bauer aus der Nähe von Grabenstätt hat sie kürzlich auf seinem Grund gefunden.
Gut 70 Zentimeter misst die Mooreiche im Durchmesser, die der Chef-Geologe des Landesamtes für Umwelt, Dr. Roland Eichhorn, präsentiert. Unter dem hellen Splintholz ist das wertvolle, dunkle Holz der 2000 Jahre alten Mooreiche zu erkennen. Foto: hs
Seit ihrem Fund wurden die Mooreichen aufwendig wissenschaftlich untersucht. Morgen bei der Wertholzversteigerung stehen auch sie zum Verkauf. Dr. Roland Eichhorn, Diplomgeologe und leitender Regierungsdirektor am Landesamt für Umwelt erklärt, wie es möglich ist, dass die Bäume über so lange Zeit konserviert wurden: „Die Bäume sind direkt in ein nacheiszeitliches Moor gefallen. Dort lagen sie luftdicht abgeschlossen und wurden so vor Verwitterung geschützt.

Derzeit geht man davon aus, dass die Bäume durch einen starken Sturm umgeworfen wurden. Die bis zu sechs Meter langen und 70 bis 80 Zentimeter dicken Stämme sind mittig gesplittert. „Dass massive Eichen einfach so brechen, kommt eigentlich nur bei Orkanen vor, da braucht es schon einen Sturm so wie Kyrill, der 2007 massive Schäden in ganz Europa anrichtete“, sagt Eichhorn. Für ihn sei der Fund der Mooreichen ein Glücksfall, so könne man mehr über die Zeit erfahren, in der die Bäume wuchsen und schließlich im Moor versanken. „Das macht einen Sturmtag zur Keltenzeit für uns ein Stück mehr nachvollziehbar“, ist Eichhorn fasziniert.

Die Bäume waren vermutlich an einem Hang gestanden und direkt in das darunter liegende Moor gefallen, als sie umknickten. Der heutige Besitzer des Geländes stieß beim Erneuern der Drainage einer Wiese auf die Mooreichen und baggerte sie aus. Auf seinen Wunsch hin wurde der genaue Fundort nicht öffentlich bekannt gegeben.

Das Holz der Mooreichen ist kohlschwarz und damit besonders wertvoll, erklärt Dr. Ernst Kroemer vom Landesamt für Umwelt. Dies liege an der Gerbsäure in der Eiche, dadurch werde das Holz im Lauf der Jahrhunderte so dunkel. Die Säure sei auch verantwortlich dafür, dass sich die Eichen so lange gehalten hätten. „Andere Bäume werden auch im Moor im Laufe der Zeit zersetzt, nur die Eichen halten sich“, sagt Kroemer.

Lediglich das sogenannte Splintholz, welches sich außen am Stamm befindet, ist hell und teilweise verwittert. An diesem Splintholz liegt es auch, dass sich das Jahr des Sturmes nicht exakt festlegen lässt. Die Wissenschaftler wissen nicht, wie viele Jahresringe dort schon komplett verwittert sind. Ansonsten kann man anhand der Jahresringe die Lebenszeit des Baumes auf das Jahr genau bestimmen.

Die Universität Hohenheim hat im Auftrag der TU München eine Altersbestimmung der zwei großen Grabenstätter Mooreichen durchgeführt und den Zeitpunkt ihre Umfallens auf den Zeitraum 106 bis 96 Jahre vor Christus eingegrenzt. Damals waren die Bäume bereits etwa 200 Jahre alt. Mindestens 20 zusammenhängende Jahresringe würden gebraucht, um das Alter eines Baumes exakt festlegen zu können, erklärt Kroemer. Das sei sogar genauer als die Radiokarbonmethode, bei der durch die Messung radioaktiver Strahlung das Alter bestimmt wird.

Bernhard Kurz, Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Traunstein, ist zuständig für diemorgige Wertholzversteigerung. Er geht davon aus, dass die Mooreichen einen vierstelligen Betrag pro Festmeter erzielen werden. Das dunkle Holz sei besonders für Furnier und Schmuck geeignet. Größere Stücke seien daraus schwierig zu fertigen, da das Mooreichenholz beim Trocknen leicht reiße. Auf der Südostbayern-Submission seien das die ersten Mooreichen, die zum Verkauf kommen, so Kurz. Er habe schon von solchen Bäumen im Norden Deutschlands gehört, aber in unserer Gegend würden Mooreichen äußert selten ans Tageslicht kommen.
Artikel vom 09.02.12
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