In dem Stück geht es um zwei völlig verschiedene Männer, die das Schicksal zusammenführte. Der junge Ross Gardiner, gespielt von Andreas Leitmeyr, muss als Verursacher eines Verkehrsunfalls Sozialdienst beim Opfer leisten, dem 86-jährigen Mr. Green (Gerhard Ficker). Der alte, schrullige, einsame Mann will den jungen Besucher zunächst überhaupt nicht in seiner Wohnung haben und versucht, ihn mit all seiner Häme und Bösartigkeit zu vertreiben. Auch Ross Gardiner hat eigentlich gar keine Lust, den Alten jeden Donnerstag zu besuchen. Der Richter zwingt ihn aber dazu – als Wiedergutmachung für den von ihm verschuldeten Unfall.
Woche für Woche nähern sich die beiden einander an. Als Mr. Green erfährt, dass sein Besucher wie er selbst Jude ist, der ihm noch dazu immer koscheresEssen mitbringt, schließt er ihn schließlich in sein Herz und genießt es, ihm an einem Abend der Woche Geschichten zu erzählen, die meistens von seiner geliebten, verstorbenen Frau handeln. Der junge Mann hilft ihm als guter Zuhörer nicht nur dabei, seine Trauer zu verarbeiten. Er macht auch sauber und sorgt dafür, dass der Alte wenigstens regelmäßig eine warme Mahlzeit bekommt.
Einen gewaltigen Bruch in der gerade aufkeimenden Freundschaft zwischen den beiden gibt es allerdings, als Ross Mr. Green gesteht, dass er schwul ist. Nun verschließt sich der alte Jude wieder und bringt alle gängigen Vorurteile vor, die ihm zum Thema Homosexualität einfallen. Ross lässt jedoch nicht locker und zwingt den Alten, ihm zuzuhören. Nach und nach wird deutlich, dass jeder von ihnen im Grunde genommen sehr einsam ist und seine wahren Gefühle im Innersten einschließt. Als Ross hinter das Geheimnis von Mr. Green kommt, der seine Tochter verstieß, weil diese einen Goj, einen Nichtjuden, heiratete, hilft er ihm, aus seiner jahrelangen aus purer Sturheit verursachten Einsamkeit heraus und es gibt sogar ein Happyend.
Gerhard Ficker, der Vorsitzende des Theaterchen „O“, spielt den mürrischen alten Mann nicht einfach nur, er verkörpert Mr. Green mit all seinen Facetten auf großartige Art und Weise. Er ist der sture Alte, der gläubige Jude, der trauernde Witwer und schließlich der am Boden zerstörte Vater. Er stellt die Figur so voller Überzeugungskraft dar, dass die Theaterbesucher unweigerlich alle Höhen und Tiefen mit ihm durchleben und durchleiden. Der junge Schauspieler Andreas Leitmeyr, der bereits mit dem Ensemble „[rmc]² – die Theaterformel“ mehrmals im „O“ auftrat, zeigt in dem Stück ebenfalls große Wandlungsfähigkeit. Er beeindruckt als zunächst etwas schüchterner, zurückhaltender Besucher, gibt den interessierten Zuhörer und auch den leidenden Liebenden, der wegen der Widerstände in seiner nächsten Umgebung dem Liebhaber den Laufpass gab und seitdem einsam sein Leben fristet. Eindrucksvoll und einfühlsam untermalt werden die einzelnen Szenen von Mona-Lisa Pertl, die im Hintergrund mit ihrer Klarinette jüdische Musik spielt. Regie hat Marc Bouvet.
Auch wenn nur zwei Personen auf der Bühne stehen, ist das Stück stets unterhaltsam und spannend mit intelligenten Dialogen über Themen wie die Judenverfolgung, Diskriminierung durch Vorurteile, Homosexualität und Konflikte zwischen den Generationen. „Besuch bei Mr. Green“ wurde 1996 in Massachusetts uraufgeführt und erhielt 2001 als „Lehrstück für Toleranz und Akzeptanz in Bezug auf Minderheiten“ den Kultur-Preis Europa.
Die Premierenbesucher belohnten die eindrucksvolle schauspielerische Leistung und das hervorragende Stück mit anhaltendem Applaus. Eine Besucherin meinte gar: „Ich hab schon lange kein so gutes Theaterstück mehr gesehen.“
Wer ebenso wie das Team des Theaterchen „O“ ein wenig wehmütig an den bevorstehenden Abriss des alten Hauses in der Wichernstraße denkt, kannnoch bis Anfang April die Gelegenheit nutzen und „Besuch bei Mr. Green“ in der heimeligen Atmosphäre des Theaters sehen. Bis 3. April sind Aufführungen jeden Mittwoch, Freitag und Samstag um 20 Uhr. Kartenvorbestellung: Tel. 0 86 69/ 50 00.
Theater-Besuch bei Mr. Green lohnt sich
Traunreut (mix). Mit dem Stück „Besuch bei Mr. Green“ von Jeff Baron läuft derzeit die letzte Spielsaison im alten Gebäude des Theaterchen „O“. Das Zweipersonenstück hinterließ bei der Premiere am Freitagabend ein schwer beeindrucktes Publikum, das dem Wechselspiel zwischen den beiden so unterschiedlichen Charakteren auf der Bühne voller Anspannung folgte.
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