Stimmungshoch im Regentief

Von Thomas Thois
Reit im Winkl. Bei der An- und Auffahrt in die finstere, wolkenverhangene Bergkette hatten es die kühnsten Optimisten nicht erwartet: dass man diesen so aussichtslosen Samstag nicht etwa frierend, durchnässt und betrübt in aufgeweichten Schlammwiesen verbringen, sondern ein wundersam trockenes, ganz und gar entspanntes und begeisterndes Festival erleben würde.

Regenwolken, Nebelschwaden und für die Jahreszeit unverfroren kühle Temperaturen – in diesem meteorologischen Belagerungszustand waren es wohl die höheren musikalischen Mächte, die die Winklmoos auf 1200 Metern zu einer uneinnehmbaren Hochburg sonniger Stimmung machten. „Danke, lieber Gott, dass’ net grengt hot“, zeigte sich Stefan Dettl dann auch himmelwärts erkenntlich. Wobei der Dank fürs unverhoffte Wetterglück auch dem LaBrassBanda-Sänger selbst gebührte sowie all seinen Mitmusikern beim Finale des Chiemgau Alm Festivals. Denn was die sechs Bands fast zehn Stunden lang an kraftstrotzender, mitreißender Bühnenpräsenz auffuhren, war an sich schon eine Naturgewalt, bei der dann halt auch den Regenwolken die Spucke wegblieb.

So bekamen die 4000 wetterfesten Festivalgäste tatsächlich nur ein paar Tropfen ab. Und was wie ein Survival-Trip in eine unwirtliche Gebirgswelt begann, wurde zum Musikgenuss in Wohlfühlatmosphäre.

Maßgeblichen Anteil daran hatten die Veranstalter, weil sie diese alpine Premiere perfekt organisiert hatten. Die TransportLogistik mit Shuttlebussen und Seilbahn klappte einwandfrei. Kaum Wartezeiten an Gondeln und Parkplätzen, Gastroständen und Toiletten, obwohl die asphaltierte Festivalfläche auf dem Almboden sehr gut ge-, aber nicht überfüllt war. Und was besonders angenehm auffiel: Vom Parkplatzeinweiser im Tal bis zum Verkäufer am formidablen Kuchenbüfett der Reit im Winkler Bergwacht traf man ausnahmslos auf freundliches, hilfsbereites Personal.

Herzlich willkommen auf der Winklmoos – das galt eben nur nicht fürs Regentief, denn das scheiterte chancenlos an der Schallmauer aus Techno und Hip-Hop, Blasmusik und Britpop. Die vielen mitgebrachten Regenschirme konnten zugeklappt bleiben. Und man hatte freie Sicht, zwar nicht auf die Gipfel Richtung Dürrnbachhorn, aber immerhin auf das Bühnenspektakel, das mit den Chiemgauer Soundtüftlern von L‘egojazz und den niederbayerischen Balkan-„ZiehGäunern“ schon famos begann und sogar in den Umbaupausen überzeugte, weil das DJ-Team International Bohemia geschmeidig die Pausen füllte – mit Attwenger, Fettes Brot oder Keller Steff.

LaBrassBandas London-Bekanntschaft „Animal Noise“ brillierten bei ihrem ersten Auftritt außerhalb der Insel mit großartigem Britpop und der Eddie-Vedder-Stimme ihres schmächtigen Sängers.

Bei Supervision versprach schon das Aufwärmprogramm in den feschen schwarz-goldenen Trainingsanzügen Einiges. Dem Soundcheck mit Blondie- und LaBrassBanda-Zitaten ließen die Innviertler dann ihren endslässigen „Voigas“-Ska folgen. Dauer-Devise: „Mia spuin jetzt a ganz a horte Scheibn!“ Eine Steinplatte also? Weil die echte ja nicht zu sehen war im Wolkendunst und die MundwerkCrew beim Freestyle-Rap mit Sepplhut zurecht fragte: „D‘Ehre auf der Winklmoos. Aber die Sonne? Wo ist sie bloß?“

Die Antwort folgte: um 20 Uhr war Sonnenaufgang. Alles überstrahlend und so heiß wie sonst nichts – LaBrassBanda heizten der Alm so richtig ein. „Mia haun heit brutalst eini“, stellte Stefan Dettl gleich mal klar, und was folgte, war Spielfreude pur. Samt Ehrenrunde übers komplette Festivalgelände, denn die fünf Blechbanditen brachen zu einer blasmusikalischen Bergtour mitten durchs Publikum auf, wobei sie so steil gingen, dass sogar die Zuschauer am seitlichen Grashang noch Tuchfühlung mit der schwer blasenden Fünfer-Seilschaft aufnehmen konnten.

Erst als der letzte furiose Bläsersatz verklungen war, wagte es die Regenfront nochmal, sich mit ein paar Tropfen auszuweinen, machte dann aber – weggeblasen von LaBrassBanda & Friends – gleich ganz Platz für den Sommer. Hoffentlich!

Expedition ins Festivalgelände: LaBrassBanda bliesen der Winklmoosalm nicht nur auf der Bühne den Marsch.
Artikel vom 01.08.11
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