„Regiogeld nicht belächeln!“

Von Thomas Thois und Nikolaus Nützel
Traunstein/Berchtesgadener Land. Regionalgeld-Initiativen in ganz Deutschland hoffen wegen der Finanzkrise auf neuen Zulauf. „Wenn es so weiter geht wie bisher, haben wir in Zukunft eine ganz ordentliche Zahl von Regionalwährungen“, stellt Professor Gerhard Rösl von der Fachhochschule Regensburg fest. Er hat im Auftrag der Bundesbank eine Studie zu Lokalwährungen wie „Chiemgauer“, „Sterntaler“, „Kirschblüten“ oder „Tauberfranken“ erstellt. Nach seiner Zählung gibt es derzeit deutschlandweit rund 25 solche Projekte, etwa 50 seien in Vorbereitung.
Eine neue Studie zweifelt die Bedeutung von Regionalwährungen für die Gesamtwirtschaft an und spricht von „vernachlässigbaren Skurrilitäten“. Diese Einschätzung gilt nicht für den Chiemgauer, sind dessen Macher überzeugt, denn das südostbayerische Regiogeld habe sich als „effektives Instrument der lokalen Wirtschaftsförderung“ etabliert.
Viele der Initiativen berichten von regem Zustrom. Die „Regiostar“-Genossenschaft beispielsweise, die im Berchtesgadener Land den „Sterntaler“ ausgibt, meldet zweistellige Zuwachsraten. Rund 60 000 Sterntaler sind inzwischen in Umlauf. Worum es den Regionalgeld-Initiativen geht, formuliert der RegiostarVorstand Franz Galler so: „Geld zum Mittel für einen sozialen Austausch machen.“

Die Genossenschaft gibt Gutscheine aus, bei denen ein „Sterntaler“ den Gegenwert von einem Euro hat. Diese Gutscheine gelten nur in Läden und Betrieben, die an der Initiative teilnehmen. Christiane Fischer-Urlbauer, die in ihrem Hotel und Restaurant nahe Piding im Berchtesgadener Land gerne auch Sterntaler statt Euros annimmt, wünscht sich beispielsweise für den Tourismus, „dass das Geld lieber in Deutschland bleibt, als dass es nach Spanien oder in die Türkei geht.“

Geld solle nicht dazu dienen, Profite und Zinsen zu maximieren, fordern die Regionalwährungs-Initiativen. Sie folgen deshalb der „Schwundgeld“-Idee des Kaufmanns Silvio Gesell. Er hat vor rund hundert Jahren ein System entwickelt, bei dem Geld in regelmäßigen Abständen mit Wertmarken versehen werden muss. Wer das nicht tut, sondern das Geld hortet, erleidet finanzielle Einbußen.

Walter Neubert, der in München versucht, eine Regionalwährung mit dem Namen „Regio“ voranzubringen, hatte gehofft, dass gerade in der Finanzkrise die Idee vom Geld, das ohne Zins als reines Tauschmittel funktioniert, einen raschen Aufschwung erleben würde. Doch der erhoffte Zustrom sei bislang ausgeblieben, räumt er ein: „Es könnte dem Regio besser gehen.“ Das merkt der städtische Angestellte auch bei SpezialMassagen, die er nebenberuflich anbietet. Bislang zahlen sämtliche Kunden mit Euro, keiner mit dem Regio. Auch Fritz Schlund, der in München eine Bio-Großbäckerei mit drei Filialen betreibt, hat nur selten Regio-Scheine in der Kasse. Er findet das bedauerlich, aber nicht verwunderlich. „In der Großstadt ist es viel anonymer als etwa im Chiemgau, hier setzen sich solche Ideen nicht so schnell durch“, meint er.

Der Regensburger Wirtschaftswissenschafts-Professor Rösl hat andere Erklärungen, warum Regionalwährungen auch in der Finanzkrise nur langsam vorankommen. Er hält sie für überflüssig. „Wenn Sie Biobauern oder andere Unternehmer in Ihrer Region unterstützen wollen, dann können Sie das doch auch mit Euros tun“, sagt Rösl. Und gegen Exzesse in der Finanzwelt setzt er auf bessere Kontrollen und mehr Transparenz statt auf Regionalgeld. Dessen Bedeutung für die Gesamtwirtschaft fasst Rösl in zwei Worten zusammen: „Vernachlässigbar klein.“ Denn auch in der Summe aller Regionalgelder belaufe sich der Gegenwert erst auf einige hunderttausend Euro. Dabei erlebt die Regiogeld-Bewegung widersprüchliche Entwicklungen. In Augsburg wird beispielsweise derzeit eine neue Lokalwährung mit dem Namen „Lechtaler“ auf den Weg gebracht. Im Hamburger Stadtteil Altona hingegen ist das Spezialgeld-Projekt mit dem Namen „Alto“ Ende September offiziell wieder eingestellt worden, zwei Jahre nach dem Start.

Franz Galler von der „Regiostar“-Genossenschaft in Ainring im Berchtesgadener Land lässt sich von solchen Nachrichten nicht verdrießen. Für den gelernten Bankkaufmann, der seit 35 Jahren als Finanzberater arbeitet, ist klar: „So wie bisher kann es im Geldsystem nicht weitergehen.“ Und wenn jemand Initiativen wie den Sterntaler als Skurrilität abtut, zuckt Galler mit den Schultern: „Wenn zu mir einer sagt, der spinnt, dann ist das für mich eher ein Kompliment.“

Auch Gallers Traunsteiner Kollege Christophe Levannier sieht die Kritik von Professor Rösl sportlich: „Wir nehmen das als Ansporn, denn wir wissen, dass unser Chiemgauer sich schon sehr gut etabliert hat. Der Professor ist da eher der Theoretiker, wir sind die Praktiker, die den wirtschaftlichen wie auch den sozialen Erfolg jeden Tag vor Ort erleben.“ Allein seit Ende 2008 sei die Zahl der in Umlauf befindlichen Chiemgauer von 300 000 auf derzeit gut 414 000 gestiegen. Ökonomisch gesehen sei der Aufwärtstrend in Zahlen belegbar, aber genauso wichtig ist für Levannier das Gemeinschaftsgefühl, das der Chiemgauer erzeuge, der ideelle Aspekt, den man nicht belächeln solle und der dafür sorge, dass das Geld in der Region ausgegeben wird. „Nebenbei werden noch fast 200 Vereine mit drei Prozent des Umsatzes gefördert.“ Der 42-jährige Traunsteiner betont, dass der Chiemgauer im Vergleich zu anderen Regionalwährungen in Deutschland überdurchschnittlich gut funktioniere, „dank der engagierten Leute, die im Organisationsteam sind“. So gilt der Chiemgauer nicht umsonst als der Star unter den Regionalgeldern: 2008 wurden 1 072 818 Euro in Chiemgauer umgetauscht.

Außerdem kooperieren die südostbayerischen Erfolgswährungen: „Sterntaler im Berchtesgadener Land und Chiemgauer im Landkreis Traunstein und Rosenheim sind über die Rechenzentrale vernetzt und eins zu eins umtauschbar“, sagt Levannier. „Man kann also mit der Chiemgauer-Karte in Freilassing Sterntaler bekommen und umgekehrt. Mit diesem Zusammenschluss haben wir von der Größe her ein ideales Gebiet, um Geldkreisläufe regional zu bewerkstelligen.“

Die Wirtschaftskrise sorge zudem für einen deutlichen Zulauf zum sicheren Regiogeld, „auch wenn wir betonen, dass wir den Euro nicht ersetzen, sondern nur eine sinnvolle Komplementärwährung sein wollen“, so Levannier. „Und es gibt auch viele Wirtschaftswissenschaftler, die die Regionalinitiativen sehr positiv bewerten und sie als effektives Instrument der lokalen Wirtschaftsförderung sehen“.
Artikel vom 20.10.09
Weiterempfehlen Drucken