Rechtsradikalismus vor der Haustür erkennen

Inzell (vm). „Wer vergisst, hat keine Zukunft“, sagte VizeLandrat Sepp Konhäuser vor etwa 50 Besuchern bei der Eröffnung der Ausstellung „Rechtsradikalismus in Bayern“. Die Wanderausstellung des Bayernforums der Friedrich Ebert Stiftung ist bis 28. November in der Kritischen Akademie Inzell zu sehen.
Mit Slogans wie „Odin statt Jesus“ ködern die Rechtsextremen von den Kirchen enttäuschte Menschen. Foto: vm
Konhäuser ging auf rechtsradikale Tendenzen und bürgerliche Gegenbewegungen in der Region ein. Er begrüßte es, dass es vor zwei Jahren gegen ein NPD-Treffen in Traunstein eine Gegendemo aus allen Parteien gab, „so dass die Leute geduckt in ihr Veranstaltungslokal gehen mussten“. Heuer im Mai sei das Konzert einer rechtslastigen Bremer Hooligan-Band in Ruh-polding vom Diskothekbesitzer abgesagt worden – dank der Zivilcourage, dem Druck aus der Bevölkerung und dem Schulterschluss zwischen Gemeinde, Landratsamt und Polizei.

Positiv würdigte Konhäuser auch zwei Gedenkfeiern an der Gedenkstätte Surberg: die des Bunds der Antifaschisten im Kreis Traunstein zur Erinnerung an das Schicksal der KZ-Häftlinge und die des Kreisjugendrings zur Erinnerung an die Reichspogromnacht.

Auch auf Schulhöfen der Region seien schon so genannte „Schulhof-CDs“ angeboten worden. Horst Schmidt vom Bayernforum der FriedrichEbert-Stiftung erläuterte, was es mit diesen kostenlos verteilten Tonträgern auf sich hat: „Sie enthalten Musik rechtsradikaler Bands, wobei hier die meist menschenverachtenden, frauen- und demokratiefeindlichen Texten etwas bereinigt sind. So sollen Schüler geködert werden, die Konzerte dieser Bands zu besuchen, wo dann die originalen Texte erklingen.“

Seit 1990 befasst sich das Bayernforum mit der Problematik, die man damals für eine rein ostdeutsche hielt. Doch bei den ersten Recherchen in der Oberpfalz, in Oberbayern und Niederbayern habe man viele rechtsextreme Aktivitäten gefunden, so Schmidt. Wesentliche Merkmale seien die Akzeptanz der Gewalt und die Annahme der Ungleichwertigkeit der Menschen. Heute habe die Staatsregierung, die anfangs eher von Linksextremen Gefahr witterte, eine eigene Homepage zum Thema (www.bayern-gegen-rechtsextremismus.de).

Die Ausstellung, deren zweiter Schwerpunkt die Stärkung der Demokratie ist, wandert seit 2006 in mehreren Exemplaren durch ganz Bayern und war schon an 300 Orten. Einer Karte kann man rechtsextreme Tendenzen in der Region entnehmen. Demnach gibt es im Raum Traustein und im Raum Bad Reichenhall jeweils rund 15 rechts Skinheads. Regelmäßige NPD-Treffen gibt es in Traunstein, Bad Reichenhall, Rosenheim, Mühldorf und Altötting.

Weitere Themen der Schautafeln sind die Jugendszene, Lifestyle, Kleidung und Symbole. Da verfassungsfeindliche Symbole verboten sind, betreibt die rechtsradikale Jugendszene ein Versteckspiel mit Zahlencodes. So steht die 18 für den ersten und achten Buchstaben des Alphabets, also A und H, die Initialen von Adolf Hitler. Ebenso kann man sich über die Frauen- und Intellektuellenszene, die Internet- und Musikzene – das Einstiegstor für Jugendliche ab zehn Jahren -, das Weltbild, das Netzwerk und diverse Vorfälle informieren.

Die vier letzten Tafeln geben Anregungen, was jeder Bürger dagegen tun kann, etwa, rechtsradikalen Jugendlichen klare Grenzen setzen, aber die Türenoffen halten. Fantasievolle Gegenaktionen sind ebenfalls aufgeführt, etwa ein Bürger-Kehraus nach einer Nazi-Demo in Marktheidenfeld, ein „Fest für Freiheit und Toleranz“ in Straubing oder eine Plakataktion unter dem Motto „Bunt statt braun“ mit den Kurzportraits verschiedener Vereine im Kreis Ebersberg.
Artikel vom 10.09.10
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