Laut „New York Times“ beschwor Psychiater Werner Huth (80) die katholische Kirche Anfang der 80er Jahre geradezu: Der wegen Kindesmissbrauchs vorbelastete Pfarrer aus dem Bistum Essen, der bei ihm in Behandlung war, dürfe auf gar keinen Fall wieder mit Kindern arbeiten. Jedoch habe ihn dieErzdiözese München und Freising ignoriert, schilderte Huth dem US-Blatt am Donnerstag in München in einem telefonischen Gespräch. „Ich habe damals gesagt: ,Um Gottes Willen, er muss dringend von der Arbeit mit Kindern ferngehalten werden‘. Mit der ganzen Geschichte war ich sehr unglücklich.“
Wie berichtet, bringt der Fall auch Papst Benedikt XVI. in Bedrängnis, denn zu der Zeit, als sich der Pfarrer nach seiner Versetzung aus Essen im Erzbistum München und Freising einer Therapie unterziehen sollte, war Joseph Ratzinger dort Erzbischof, er saß im Ordinariatsrat des Bistums, dem Gremium, das diesem Umzug damals zustimmte.
Psychiater Huth hatte, wie er der „New York Times“ berichtete, drei Bedingungen aufgestellt: Kein Alkohol, kein Kontakt zu Kindern – und ein weiterer Priester zur ständigen Aufsicht. Doch der gefährdete und gefährdende Pfarrer durfte kurz nach Beginn der Therapie parallel wieder Gemeindearbeit mit Kontakt zu Kindern leisten. Davon allerdings soll Kardinal Ratzinger nichts gewusst haben.
Fünf Jahre später wurde der pädophile Priester erneut wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt, ehe er sein seelsorgerisches Wirken in der Pfarrei Garching-Engelsberg begann.
Psychiater Werner Huth empfahl laut dem Medienbericht eine Einzeltherapie, die der Pfarrer abgelehnt habe. „Er wollte lieber an den Gruppentherapien mit acht Leuten teilnehmen.“ Gegen sein Alkoholproblem habe ihm Huth Medikamente verschrieben. Doch der pädophile Geistliche sei ihm in den Therapiestunden nicht sonderlich motiviert vorgekommen. „Er machte die Therapie aus Angst, seinen Posten zu verlieren – und aus Angst vor Strafe“, sagte Huth der „New York Times“.
Der 1929 geborene Huth hat die Kirche nach eigenen Angaben regelmäßig über den Verlauf der Therapie unterrichtet. Doch die Gebote, die er aufgestellt hatte – kein Kontakt zu Kindern, kein Alkohol und jederzeit ein weiterer Priester zur Aufsicht – seien nur sporadisch beachtet worden. Huth hatte nach seinen Worten keinen persönlichen Kontakt mit Joseph Ratzinger und wusste nicht, inwieweit dieser über seine Warnungen informiert war. Huths Haupt-Ansprechpartner zu dieser Zeit sei Bischof Heinrich Graf von Soden-Frauenhofen gewesen, der im Jahr 2000 starb, nachdem er seinen Altersruhesitz im Pfarrhaus in Engelsberg genommen hatte.
Für den Prozess 1986 holte das Gericht das Gutachten eines weiteren Therapeuten ein, berichtet die Online-Ausgabe der „New York Times“. So sei Therapeut Johannes Kemper (66) zu dem Schluss gekommen, dass bei H. der Alkohol eine „große Rolle“ gespielte habe: „Vor dem sexuellen Missbrauch trank er, und unter dem Einfluss des Alkohols sah er sich zusammen mit Jugendlichen Pornovideos an.“
In dem „New-York-Times“-Bericht unter der Schlagzeile „Doctor Asserts Church Ignored Abuse Warnings“ schildern die Autoren Nicholas Kulish und Katrin Bennhold nochmals den gesamten Fall, etwa, dass der heute 62-jährige Pfarrer H. 1980 sofort nach der Therapie in die Seelsorgearbeit mit Erwachsenen, aber auch Kindern zurückgekehrt sei und Generalvikar Gerhard Gruber die Verantwortung für diesen „schweren Fehler“ übernommen habe.
Während die „New York Times“ berichtet, dass es laut Garchings Bürgermeister Wolfgang Reichenwallner und Kirchenverantwortlichen seit 1986 keine neuen Anschuldigungen in Sachen sexuellem Missbrauch gegeben habe, sorgte unter der Woche ein Bericht von „Spiegel Online“ für Gesprächsstoff. Hier werden Garchinger – unter geändertem Namen – zitiert, die sich an Verdachtsmomente gegen den Pfarrer erinnern wollen. Unter anderem die Cousine eines Ex-Ministranten, die behauptet, dass dieser seiner Mutter gegenüber einmal gesagt habe: „Immer küsst uns der Pfarrer auf den Mund. Ich will das nicht!“
Das Fernsehmagazin „Spiegel TV“ wird den Fall in der Sendung am morgigen Sonntag um 23.35 Uhr auf RTL aufgreifen: „Das Schweigen der Hirten – Bischöfe vertuschen Missbrauch“.
Psychiater warnte vor Pfarrer – vergebens
Von Thomas Thois
Garching/Engelsberg/New York. Der Einsatz des pädophilen Pfarrers H. im Erzbistum München-Freising und die jahrelange Vertuschung des Falles – auch während dessen 21-jährigen Wirkens in Garching und Engelsberg – sorgen weltweit für Aufsehen. Gestern berichtete die „New York Times“, eine der renommiertesten US-Tageszeitungen, über neue Aspekte des Falles. Demnach habe der Psychiater von Pfarrer H. die katholische Kirche Anfang der 80er Jahre eindringlich, aber vergebens davor gewarnt, den Geistlichen wieder mit Kindern arbeiten zu lassen. Auch „Spiegel-Online“ hat den Fall aufgegriffen.
Garching/Engelsberg/New York. Der Einsatz des pädophilen Pfarrers H. im Erzbistum München-Freising und die jahrelange Vertuschung des Falles – auch während dessen 21-jährigen Wirkens in Garching und Engelsberg – sorgen weltweit für Aufsehen. Gestern berichtete die „New York Times“, eine der renommiertesten US-Tageszeitungen, über neue Aspekte des Falles. Demnach habe der Psychiater von Pfarrer H. die katholische Kirche Anfang der 80er Jahre eindringlich, aber vergebens davor gewarnt, den Geistlichen wieder mit Kindern arbeiten zu lassen. Auch „Spiegel-Online“ hat den Fall aufgegriffen.
Der Missbrauchsskandal in katholischen Einrichtungen zieht weite Kreise: Im Fall des pädophilen Pfarrers H., der 21 Jahre in Garching und Engelsberg tätig war, hat sich nun dessen ehemaliger Psychiater zu Wort gemeldet und gegenüber der „New York Times“ berichtet, dass er vor 30 Jahren eindringlich, aber vergebens davor gewarnt habe, H. wieder mit Kindern arbeiten zu lassen. Foto: dpa
Aktuelle Bildergalerien
Meist gelesen
Volksmusik lebt!
Kleinanzeigen
K1 Kulturzentrum Traunreut
Sudoku
|
|
Sie wollen
|








