Pfarrer suspendiert

Von Herbert Reichgruber
Engelsberg/Garching. Pfarrer H. wird wohl nie mehr als Seelsorger arbeiten, da er gestern von der Erzdiözese MünchenFreising mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert wurde und bereits seit 11. März vom zuständigen Essener Bischof in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden war. Außerdem trat gestern sein Dienstvorgesetzter Prälat Josef Obermaier zurück. Begründet wurde die Suspendierung von H. damit, dass der 62-jährige Priester trotz Verbot weiterhin mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet hatte. Die Ereignisse um den ehemaligen Pfarrer von Engelsberg und Garching sorgten gestern deutschlandweit für Schlagzeilen.
Pfarrer H. hat auch in Bad Tölz wieder mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet, deshalb wurde er jetzt suspendiert.
„Der Priester war seit 2008 als Kur- und Tourismusseelsorger eingesetzt. Ihm war jede Kinder- und Jugendarbeit untersagt. H. hat gegen diese Auflagen verstoßen. Hinweise auf neuerlichen sexuellen Missbrauch liegen seit der Verurteilung im Jahr 1986 weiterhin nicht vor“, erklärte das Ordinariat gestern die Suspendierung.

In Zusammenhang mit den missachteten Auflagen trat auch der zuständige Dienst- und Fachvorgesetzte dieses Priesters, Prälat Josef Obermaier, zurück. Als Leiter des Seelsorgereferates der Erzdiözese übernehme er „damit die Verantwortung für gravierende Fehler in der Wahrnehmung seiner Dienstaufsicht“. Obermaier bot den Angaben zufolge Erzbischof Reinhard Marx am Montagmittag seinen Rücktritt an, den dieser annahm.

Die Staatsanwaltschaft Traunstein bestätigte gestern, dass sie nie gegen Priester H. ermittelt habe. Hinweisen, dass der Priester vor rund 16 Jahren ein fragwürdiges Verhältnis zu einem Buben aus Garching hatte, trat die Mutter des heute 31-jährigen Mannes entgegen: „Ich bin mir absolut sicher, dass nichts war.“ Die Verdächtigungen hatten damals im Vorfeld eines Pfarrfestes für Aufsehen gesorgt, und Pfarrer H. hatte dann sogar im Gottesdienst beteuert, dass nichts vorgefallen sei.

So wie Garchings Bürgermeister Wolfgang Reichenwallner haben auch der ehemalige und der derzeitige Bürgermeister von Engelsberg, Franz Ketzer und Martin Lackner, keine Hinweise, dass es in H.s Zeit im Pfarrverband zu Missbrauch von Kindern gekommen sei. „Ich hätte mir schon erwartet, dass die Administration in der Kirche offener gearbeitet hätte“, kritisierte aber Franz Ketzer gestern, dass er nie über frühere Verfehlungen des Pfarrers informiert worden sei. Das ehemalige Gemeindeoberhaupt erinnert sich zwar an Gerüchte in Sachen Missbrauch. Die seien aber damals eher „dem Bereich der Polemik“ zuzuordnen gewesen. Aus heutiger Sicht sei er froh, dass seine Söhne nie von H. unterrichtet wurden: „Mir wäre nicht ganz wohl, wenn er mit meinen Kindern gearbeitet hätte.“

Medien berichteten gestern übereinstimmend, dass Pfarrer H. in Essen einen elfjährigen Buben im Pfarrhaus zum Oralsex gezwungen hat. Dieses Opfer, der heute 41-jährige Wilfried F., brachte den sexuellen Missbrauch durch Pfarrer H. an ihm und weiteren Buben jetzt an die Öffentlichkeit (wir berichteten).

Auch die Priesterkollegen von H. aus der Region waren über dessen Vergangenheit nicht informiert, wie unter anderem der langjährige Dekan Helmut Kopp beteuert. Altenmarkts Pfarrer Josef Stigloher bewerte die erneute Einsetzung als Seelsorger als „schweren Fehler“: „Man muss sicher gehen, dass Kinder nicht einer Gefährdung ausgesetzt sind. Wenn es um unsere Kinder und die Jugend geht, kann man nicht vorsichtig genug sein.“

Und deshalb hält es der Altenmarkter Pfarrer auch für sinnvoll, diesen traurigen Anlass zu nutzen, die kirchlichen Strukturen zu hinterfragen und Themen wie das Zölibat kritisch zu diskutieren: „Und zwar muss hier die gesamte Kirchengemeinschaft zu Wort kommen, nicht nur die Amtsträger. Vor dem Hintergrund des Priestermangels einerseits, aber auch, weil man sich den Überlegungen nicht verschließen kann, dass die zölibatäre Lebensform durchaus die Gefahr bergen könne, dass Leute angezogen werden, die abnormale, sprich pädophile Veranlagungen haben. Veranlagungen, die man oft nur schwer erkennt, die sich bei den Betreffenden zum Beispiel in Priesterseminaren nicht augenfällig zeigen“.
Artikel vom 16.03.10
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