Wenn auch viele Mitglieder der „alten“ Orffschen Fangemeinde mit dabei waren, so waren dazu gewiss viele weitere gekommen, für die Carl Orff kein solcher Begriff ist. Und gerade die dürften mitbekommen haben, welch abwechslungsreiche, atmosphärische, ungewohnte und unter die Haut gehende Musik den Orffschen Werken inne wohnt.
Gleich zu Anfang, als die Hexen - Schüler des Gymnasiums und der Realschule Traunreut in Schwarz-Weiß-Lichteffekten aufscheinend, mit Handbewegungen ihre Beschwörungen begleitend und von der temperamentvollen Oberhexe (Bettina Nowak) aufgehetzt - mit ihrem Zauber das ungeborene Kind vernichten wollen, wurde diese unterweltliche Szenerie von „Zaubermusik“ begleitet: Schlagwerk in allen Variationen, Gong und Schellen, Pauken und Trommeln, der schrille Ton eines Wasserglases, auf dessen Rand ein Finger kreist, das Rauscheln von Kugeln und manch anderes mehr.
Das alles vereinigte sich zu einem faszinierenden Klangerlebnis, bei dem einem der Ausdruck wieder in den Sinn kam, den Pfarrer Thomas Schlichting bei seiner Einführung gebraucht hatte: „der Urrhythmus der Erde“. Und neben den neun Musikerinnen, die gewiss das Doppelte an Instrumenten beziehungsweise Klangkörpern zu bedienen hatten, muss auch die Leistung des musikalischen Gesamtleiters Richard Kalahur herausgehoben werden. Mit eleganter Stabführung, minutiöser Genauigkeit, ständig im Blickkontakt mit den Seinen trägt er Sänger und Musiker förmlich mit, hat sie in der Hand.
Sehr irdisch wurde es auf der Bühne nach dem Hexenspuk, als sich die Hirten in einer Höhle zusammenfanden, um Schutz zu suchen vor dem Schneesturm. Da kamen die unterschiedlichen Charaktere der Menschen ganz deutlich zum Ausdruck, nachdem sie auf ihrem Weg der heiligen Familie begegnet und ihr wieder den rechten Weg gewiesen hatten. Während den einen das recht egal war und sie nur ihre Ruhe haben wollten, beschäftigte dies einige andere ganz nachdrücklich - und entsprechende Träume taten das Ihrige. Hier gibt es die lustige Schlussszene, als sich zwei der Hirten (Gerhard Ficker und Heinz Schmidt) über den „Pax bei de hominibus“ zankten. Dann kam als weiterer Höhepunkt der große Chor, der das Weihnachtsspiel mit der Verkündigung der Geburt des Kindes zu Bethlehem beendete.
Der Chor, aus etwa 80 Sängern bestehend, war optisch und akustisch ein wichtiger Teil des Spiels. In ihren weißen Kleidern, in unterschiedlicher Intensität von Scheinwerfern angestrahlt, war dies zum einen ein eindrucksvoller Anblick. Und wenn sich dann alle Stimmen erhoben, wurde dies zu einem eingängigen Klangerlebnis - und ein Kompliment an alle: Orff zu singen, ist nicht unbedingt sehr melodiös, hier spielt mehr das Wort und der Rhythmus die große Rolle. Aber das bewältigten die Sänger ganz hervorragend.
Und als Solisten schalteten sich die schönen Stimmen von Uta Bodensohn und Klaus Reier dazwischen. Die große Schar der Sänger - bestehend aus den Mitgliedern des Kirchenchors Palling, des Sängerchors Traunreut und eines eigens dafür zusammengefügten Projektchors von Kindern beinahe aller Traunreuter Schulen - eröffnete das Osterspiel mit Trauergesängen nach Art der Klageweiber über den Tod des Herrn, in Abwechslung mit Engelsgesängen, die zu Ruhe mahnten für den Schlaf des Herrn.
Waren dies die Engel, also die überirdischen Kräfte, so traten als nächstes irdische und unterirdische Kräfte auf: die römischen Soldaten und der Teufel (Hans-Bernhard Kesy in grausig-roter Fratze). Beide Kräfte, so unterschiedlich sie auch sein mochten, waren sich in einem Ziel einig: die Auferstehung des Herrn zu verhindern, darauf zu achten, dass keiner den großen Stein vor dem Grab entferne. Die vielsprachigen temperamentvollen Beschwörungen des Teufels - eine Paraderolle für den Sänger Kesy, der immer mehr auch den Schauspieler in sich entdeckt - werden wieder von außerirdisch klingender Musik begleitet, von leisen, aber eindringlichen Tonwellen.
Bei den Soldaten „outen“ sich - wie zuvor bei den Hirten - wieder die unterschiedlichen Gemüter: die, die ihren Dienst nach Vorschrift verrichten, sich mit Kartenspiel unterhalten, und diejenigen, die ihre Eindrücke des lebenden Jesus noch verarbeiten müssen. Weder sie noch der gerade noch ob seines gewonnenen Kartenspiels triumphierende Teufel können aber die Auferstehung verhindern - die wiederum von den Engelschören jubilierend besungen wird.
In den drei Sprachen, die den Hauptteil des Stücks ausmachen: griechisch, lateinisch und bayerisch, oder wie wiederum Pfarrer Schlichting diese Sprachvielfalt eingängig zusammenfasste: „Christos anesti, Christus surrexit, Christus ist auferstanden. Habt’s mi?“ Der Teufel rast, muss sich aber geschlagen geben. Die singenden Engel lassen das Spiel ausklingen. Und endgültig klang das Spiel aus mit dem wohlverdienten Applaus des Publikums im vollen Saal.
Orff ist in Traunreut angekommen
Von Hans Eder
Traunreut. Jetzt hat das k1 „Orff nach Traunreut gebracht“, wie dessen Leiter Thomas Kazianka in seiner Begrüßung sagte. Möglicherweise war er sich der Tragweite dieser Feststellung gar nicht bewusst: Carl Orff, Komponist von Weltruf und Traunreuter Ehrenbürger, war bisher in der Kernstadt noch in keiner Weise angekommen, während er sich in Traunwalchen und Pertenstein zu Hause und bestens aufgenommen fühlen durfte. Mit der Aufführung des „Diptychons“, des kombinierten Weihnachts- und Osterspiels, hat Orff in Traunreut-Stadt - wenn man diese Parallele zum Osterspiel ziehen darf - eine prächtige Auferstehung erlebt, gesehen und applaudiert 320 Besuchern.
Traunreut. Jetzt hat das k1 „Orff nach Traunreut gebracht“, wie dessen Leiter Thomas Kazianka in seiner Begrüßung sagte. Möglicherweise war er sich der Tragweite dieser Feststellung gar nicht bewusst: Carl Orff, Komponist von Weltruf und Traunreuter Ehrenbürger, war bisher in der Kernstadt noch in keiner Weise angekommen, während er sich in Traunwalchen und Pertenstein zu Hause und bestens aufgenommen fühlen durfte. Mit der Aufführung des „Diptychons“, des kombinierten Weihnachts- und Osterspiels, hat Orff in Traunreut-Stadt - wenn man diese Parallele zum Osterspiel ziehen darf - eine prächtige Auferstehung erlebt, gesehen und applaudiert 320 Besuchern.
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