Herr Daxberger arbeitet im Hintergrund, wie immer wieder betont wird. Bitte stellen Sie diese Tätigkeit einmal vor!
Karl Schleid: „Der Großteil der Stadträte weiß schon, was Herr Daxberger macht, weil er jährlich im Haupt- und Finanzausschuss berichtet. Ich bekomme monatlich einen Bericht. Große Aktionen berichten wir auch dem Stadtrat. Es ist nicht so, dass da keine Informationen fließen würden.“
Was genau ist die Aufgabe des sogenannten Koordinators?
Schleid: „Herr Daxberger ist nicht, wie irrtümlich oft angenommen, Citymanager. Ein Citymanager würde Strukturen erarbeiten. Dafür haben wir ein Einzelhandelsgutachten. Herr Daxberger ist von uns gebeten worden, den frei stehenden Ladenraum entsprechend mit zu vermarkten und Einzelhändler, die Interesse haben, sich in Trostberg anzusiedeln, zu beraten, Kontakte herzustellen und die Gespräche zu begleiten.“
Was befähigt gerade Herrn Daxberger dazu?
Schleid: „Herr Daxberger ist in Trostberg verwurzelt und kennt als ehemaliger Sparkassendirektor die Strukturen. Und es ist – gerade auch im Bereich der Wirtschaftler – eine Vertrauensbasis vorhanden. Darum legen wir sehr viel Wert darauf, dass Herr Daxberger seine Aktivitäten nicht öffentlich vermarktet. Weil genau dann die Vertrauensbasis angekratzt würde. Zum Beispiel haben Mietpreise nicht öffentlich zu erscheinen. Es gibt einen Mietpreisspiegel, den wir nicht festlegen, sondern der sich aus den tatsächlichen Preisen ergibt.“
BDS-Vorsitzender Klaus Stelzner forderte, die Stadt möge darauf einwirken, dass die Mietpreise sinken.
Günter Daxberger: „Das wird ja durch meine Vermittlungstätigkeit versucht. Ich muss noch einmal betonten: Bei mir geht nichts raus. Vertrauen ist das Wichtigste, sei es bei Hauskauf, -verkauf oder Geschäftsansiedlungen. Ich habe Investoren, die wollen ihre Aktion nicht einmal beim hiesigen Notar beurkunden lassen, damit ja niemand etwas erfährt.“
Sind die Investoren in Trostberg besonders sensibel?
Daxberger: „Wenn man vor fünf oder sechs Jahren in Trostberg durch die Altstadt gegangen ist, hat man noch Häuserruinen gesehen. Und heute dürfen wir stolz sein auf die teilweise sanierte Innenstadt. Wir haben in der Zeit etliche Stadthäuser an Investoren verkaufen können. Und viele wollen ihre Kapitalanlage eben nicht an die große Glocke hängen.“
Inwiefern wirken Sie auf die Preise ein?
Daxberger: „Es ist immer ein Kunststück, Verkäufer und Käufer unter einen Hut zu bringen. Wir hatten Jahre, in denen viele gemeint haben, wenn sie ein Haus in der Innenstadt haben, sind sie Millionär. Aber die Zeiten haben sich geändert, und das in die Köpfe der Verkäufer reinzubringen, ist nicht ganz einfach. Und auch bei den Mieten: Zehn Euro für einen Quadratmeter zu bekommen, ist eine Utopie. Ich kann Ihnen sagen, dass es in der Innenstadt genügend gewerbliche Objekte zwischen vier und fünf Euro pro Quadratmeter zu mieten gibt. Das ist eine Basis, die keinen Geschäftsmann mehr hindern sollte, da reinzugehen.“
Wie erklären Sie sich dann die vielen Leerstände?
Daxberger: „Wenn Sie heute durch die Stadt gehen, sehen Sie vielleicht zehn leere Schaufenster. Und von sechs bis acht kann ich Ihnen die Hintergründe sagen: Die einen wollen gar nicht vermieten, die anderen können nicht. Im Endeffekt findet man heute in der Altstadt vielleicht drei Läden, die zu vermieten wären. Für einen Außenstehenden sieht das Bild anders aus, das ist klar. Wir wollten mit dem BDS Wirtschaftsverband eine Aktion starten, dass man solche leeren Schaufenster dekoriert, damit die Stadt nicht so tot ausschaut. Doch von dieser Seite kommt wenig.“
Schleid: „Wir haben mal versucht, mit dem Wirtschaftsverband eine Kooperation zu starten. Wir haben als Stadt versprochen, am Ortseingang etwas zu verändern und der Wirtschaftsverband wollte die Schaufenster etwas freundlicher gestalten. Wir haben zum Beispiel das Trafo-Haus gegenüber vom PurVital hergerichtet. Im Bereich Schaufensterdekoration ist nichts geschehen, aus welchen Gründen auch immer. “
Warum sind die leer stehenden Objekte so schwer zu vermieten?
Schleid: „Wir haben ein Leerstandverzeichnis, das habe ich im Mai 2009 erstmals erstellen lassen. Hier steht bei dem einen ,Verkauf angestrebt‘, beim nächsten habe ich drei Fragezeichen – der weiß nicht, wie er mit seinem Objekt umgehen will –, dann: ,Eigentümer will keine Vermietung,‘ ,Eigentümerin ist sehr wählerisch‘.“
Daxberger: „Wir haben einige Altstadthäuser, in denen Laden und die darüber liegende Wohnung unmittelbar verbunden sind. Welchen Laden soll man unten ansiedeln, wenn der Eigentümer immer durchgehen muss, wenn er in seine Wohnung will? So etwas ist unvermietbar.“
Man könnte das baulich verändern.
Schleid: „Könnte man schon. Aber das muss schon der Eigentümer machen. Da fehlt es an der Bereitschaft. Ich habe mal flapsig gesagt: ,Der Leidensdruck der Hauseigentümer ist anscheinend nicht groß genug, um tatsächlich etwas zu tun.‘ Wir haben ja fast alle Objekte im Altstadtbereich denkmalgeschützt. Aber in den Köpfen der Anlageberater ist leider nicht verwurzelt, dass man durchaus auch durch eine Investition in einem Sanierungsbereich sehr gute Renditen erzielen kann – mit Abschreibemöglichkeit bei entsprechendem Verdienst von bis zu 100 Prozent. Altstadtwohnungen sind gefragt. Wir hatten dazu schon Veranstaltungen im Postsaal, da waren über 100 Interessierte da. Trotzdem schafft man es nicht, dieses Bewusstsein herbeizuführen.“
Gäbe es denn Interessenten für Geschäftseröffnungen?
Schleid: „Womit ich ein Problem habe, ist das Hin- und Herschieben von Verantwortung. Die Einzelhandelswelt sagt, die Stadt müsse Läden in
die Stadt bringen. Es gibt ein Einzelhandelsgutachten, das wir zusammen mit dem BDS für viel Geld von einer Handelberatungsfirma haben erstellen lassen. Der erste Satz in diesem Gutachten lautet: ,Für die Behebung der Angebotslücken sind in erster Linie die Einzelhändler selbst gefragt.‘ Unser Thema als Stadt ist ein vernünftiges Marketing und das Citymanagement. Also die baurechtlichen Voraussetzungen zu schaffen und Hilfestellungen zu geben, wenn einer umbauen will. Wir versuchen schon sehr viel. Wir haben ein kommunales Altstadt-Sanierungsprogramm. Wenn heute jemand saniert, zahlen wir bis zu 5000 Euro pro Gewerk. Das ist eine freiwillige Leistung. Schade, dass solche Dinge wenig wahrgenommen werden.“
Die Einzelhändler sollen noch weitere Einzelhändler, also Konkurrenz, akquirieren?
Schleid: „Genau das sagt das Gutachten aus. Denn wer hat denn die Kontakte in den Einzelhandel? Die Verbände. Darum sind sie ja organisiert, im Bund der Selbstständigen, im Einzelhandelsverband. Das wären die Kontakte, die man hierzu viel mehr nützen könnte als man es bisher tut. Wie soll das die Stadt machen?“
Daxberger: „Wir haben irgendwann mal eine Wunschliste aufgestellt über den Branchenmix. Da haben wir gesagt, jeder aktiviert seine Kontakte. Ich versuche es von meiner Seite. Leider kommt von der anderen Seite nichts. Nach Trostberg käme aber auch kein großer Filialist. Manche Leute sagen, wir bräuchten zum Beispiel einen K & L. Den werden wir nicht bekommen. Das sind Träume.“
Dafür sind die Ladenflächen zu klein.
Daxberger: „So ist es. Die Leute sagen: ,Dann müsst Ihr zwei oder drei Häuser nebeneinander verbinden.‘ Wer soll denn das machen? Einen Investor dafür finden Sie nicht. Es gibt so viele kluge Ratschläge, aber niemanden, der da aktiv mitwirkt.“
Sie haben versucht, Filialisten anzusprechen?
Daxberger: „Ja. Den Großen sind wir zu klein. Mit 11 500 Einwohnern lachen sie dich aus. Da gab es jüngst auch Versuche, weil wir ja eine Schulstadt sind, McDonald’s oder Burgerking zu kontaktieren. Die antworten teilweise nicht einmal. Da ist nichts zu wollen. Trostberg ist einfach nicht der Nabel der Welt.“
Mühldorf ist nicht viel größer, da geht so etwas schon.
Daxberger: „Mühldorf hat eine andere Struktur und ist eine Kreisstadt. Es krankt ja heute in vielen kleinen Städten in der Innenstadt. Aber es nützt nichts, wenn man nur jammert.“
Schleid: „Das beste Beispiel für uns ist eigentlich der Metallwarenmarkt. Es heißt ja seit Jahren: ,Sucht euch einen Baumarkt!‘ Alle Baumarktvertreter, mit denen wir reden, sehen das Einzugsgebiet und die Kaufkraft und sagen: ,Da gehen wir nicht hin.‘ Vor einem Jahr haben wir einen interessierten Einzelhändler Gott sei Dank im Einkaufszentrum beim Bichlmeier in Mögling untergebracht. Jetzt haben wir ein Geschäft, wo man seine Nägel und Schrauben bekommt, wo man einen Sack Zement bestellen kann, wenn er ihn gerade nicht da hat. Aber nach einem Jahr muss man ehrlicherweise sagen: Der Trostberger nimmt ein Angebot nur sehr schwer an. Natürlich ist das Sortiment noch nicht optimal. Aber er hat signalisiert, dass er es umstellt, je nach Bedarf. Aber man gibt ihm gar nicht die Chance, den Bedarf festzustellen.“
Die Leute fahren lieber gleich zu einem großen Baumarkt in der Umgebung.
Schleid: „Ja. Wir haben ein bisschen den Nachteil der Lage: dieses große Traunreut, dann Altötting, Mühldorf, Traunstein, und Salzburg ist auch nicht weit. Also sind wir ziemlich eingekreist. Natürlich haben wir ein wunderbares Alztal, andererseits beengt das natürlich die Entwicklung. Im Alztal ist es eben nicht möglich, einen Markt anzusiedeln, der auch immense Parkplatzflächen braucht. Der Sprung mit einem Gewerbegebiet über die Hangkante ist uns im Flächennutzungsplan letztes Jahr erstmals gelungen. Ich habe auch Interessenten, wir sind daran, das zu entwickeln. Aber das ist halt auch nicht die Innenstadt. Leider sieht man nicht, was außenrum passiert. Ein Beispiel ist die Königswiese, die laut Gutachten und auch laut einem Bebauungsplan aus den 70er Jahren entwickelt werden sollte. Jetzt haben wir das realisiert. Und wie war die Resonanz in Trostberg? ,Wahrscheinlich ist es nichts.‘ Oder: ,Da muss man dagegen klagen.‘ Das ist schon eine Eigenheit von Trostberg. Außerhalb sieht man uns besser, als wir uns selber sehen. Dieses positive Denken geht mir nach wie vor ab.“
Was wird dafür getan, positives Denken anzuregen?
Schleid: „Um das positive Denken herbeizuführen, habe ich auch den Wirtschaftsempfang ins Leben gerufen. Man soll sich kennen lernen, das Wir-Gefühl soll gefördert werden. Die ersten zwei Empfänge, die wir hatten, haben gezeigt, dass wir in Trostberg eine ungemeine Bandbreite an wirtschaftlichen Aktivitäten haben, dass die Selbstständigen selber aber teilweise nichts voneinander wissen.“
Während der Gespräche, die Herr Daxberger und die Stadt führen, soll nichts an die Öffentlichkeit, um diese Verhandlungen nicht zu gefährden. Aber die Ergebnisse müssen doch vorzuweisen sein.
Daxberger: „Der Haupt- und Finanzausschuss weiß, was ich letztes Jahr geschafft habe. Es ist müßig, jetzt alles aufzuzählen. Ich sage Ihnen nur ein paar Punkte: Die Königsweise ist durch gemeinsame Anstrengungen realisiert worden. Ich bin stolz auf das, was da jetzt entsteht. Ich habe seit mindestens zwei bis drei Jahren geeigneteRäume für die Christliche Glaubensgemeinschaft gesucht. Sie möchten nicht glauben, wie lange so etwas dauert. Jetzt haben wir Räume im Gebäude der Volksbank gefunden. Dann haben wir zum Beispiel ein Fitnessstudio in Trostberg. Der Betreiber war eigentlich Richtung Traunreut orientiert. Aber in Eglsee läuft das super. Wir haben außerdem irgendwann einen Stadtmarkt bekommen. Warum ist das gescheitert? Weil niemand da eingekauft hat. Dann der Buchladen in der Altstadt... Es wären viele Käufe und Verkäufe nicht passiert ohne Koordination.“
Es gibt ja auch den Vorschlag, mehr Wohnen in der Altstadt zu fördern, um Leben in der Altstadt zu haben.
Schleid: „Ich propagiere das schon seit Jahren: Nicht in jeden leeren Laden muss wieder ein Geschäft hinein. Man muss auch den Strukturwandel mitmachen. Es zeigt sich ja, dass die Altstadtwohnungen auch bei jungen Leuten, die kein Haus brauchen, weil sie beruflich sehr ehrgeizige Ziele haben, begehrt sind. Da gehört aber auch dazu, dass man Freizeitaktivitäten in der Altstadt zulässt. Dass man sich nicht bei jedem Fest – es ist ja nicht jede Woche ein Fest – beschwert. Natürlich muss man gegenseitig ein bisschen schauen, auch bei Gaststätten.“
Ist es sinnvoll, Ansiedlungen auf der grünen Wiese in Trostberg zu verhindern?
Schleid: „Wenn man die Entwicklung auf der grünen Wiese, die für die Innenstädte schädlich ist, als Kommune A nicht haben will, der Investor aber sagt, ich brauche eine entsprechende Ladengröße und Parkplätze, sagt die Kommune B: Wir nehmen den selbstverständlich. Dann zieht der Händler die ganze Kaufkraft auch von Kommune A ab und zahlt die Gewerbesteuer in der Kommune B. Wenn sich aber Kommune A und B einig sind, und beide sagen, ,bei uns nicht’, dann geht der Händler vielleicht in die Kommune C, aber es beginnt etwas zu wachsen. Diese interkommunale Zusammenarbeit muss man anleiern. Da müssten wir als Städte und Gemeinden alle zusammenarbeiten, dann hätten wir es in der Hand, diese extensiven Entwicklungen in Richtung grüne Wiese wieder einzufangen. Das Konkurrenzdenken muss weg. Mir schwebt zum Beispiel vor, ein gemeinsames Gewerbegebiet mit Nachbargemeinden zu entwickeln und die Gewerbesteuer aufzuteilen. Das sind Visionen, aber nur die bringen uns weiter.
An welchen Visionen wird noch gearbeitet?
Schleid: „Wir haben eine kommunale Arbeitsgruppe im Hause, die sich aus den Fraktionssprechern und den weiteren Bürgermeistern zusammensetzt. Wir arbeiten derzeit wieder intensiv mit dem Einzelhandelsgutachten. Und auch die Zusammenarbeit mit dem Bund der Selbstständigen, in dem unsere Unternehmen organisiert sind, wurde intensiviert.“
Leerstand ist nicht gleich Leerstand
Trostberg. Schon seit mehr als zehn Jahren ist Günter Daxberger für die Stadt Trostberg als Koordinator tätig, der helfen soll, die Innenstadt zu beleben. Unsere Lokalredakteurin Lucia Hargaßer sprach mit ihm und Bürgermeister Karl Schleid über seine Ergebnisse, Schwierigkeiten und Chancen der Altstadt.
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