Ja und Nein zur Frauenquote

Von Lucia Hargaßer
Traunstein/Trostberg/Rosenheim. Der Streit um eine gesetzliche Frauenquote in Chef-Etagen geht quer durch die Regierungskoalition und auch durch die Bevölkerung. Brauchen wir eine gesetzliche Regelung? Ja, sagt Finanzberaterin Sabine Hauswirth aus Rosenheim, eine der Top-Finanzberater Deutschlands, denn nur so ändere sich die Gesellschaft. Nein, sagt der JU-Kreisverband Traunstein, der eine Diskriminierung von Frauen, die sich der Familie verschreiben, fürchten.
Finanzberaterin Sabine Hauswirth ist für eine gesetzliche Regelung bei der Frauenquote.
Bundeskanzlerin Angela Merkel stoppte einen Vorstoß von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (beide CDU), eine 30-Prozent-Quote für große Unternehmen einzuführen. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) ist für eine „gesetzliche Pflicht zur Selbstverpflichtung“, wenn es bis 2013 nicht gelungen ist, den Anteil von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten zu verdreifachen.

  Die Debatte in der Politik spiegelt sich auch in unterschiedlichen Ansichten in der Bevölkerung. Nach einer Emnid-Umfrage im Auftrag der „Bild am Sonntag“ befürworten 87 Prozent der Bundesbürger, dass sich Frauen künftig ebenso stark auf ihre berufliche Karriere konzentrieren wie Männer. Bei den Männern liegt die Zustimmung sogar bei 88 Prozent. Eine verbindliche Frauenquote lehnen 56 Prozent ab, 41 Prozent halten sie für richtig. Jedoch glauben 53 Prozent auch nicht, dass der Frauenanteil in den Vorständen auf freiwilliger Basis deutlich gesteigert werden kann. 

Schon vor zehn Jahren hatten sich die Unternehmen in einem Abkommen mit der Bundesregierung verpflichtet, aus freien Stücken mehr für die Förderung für Frauen in Führungspositionen zu tun. Das Ergebnis: In den Vorständen der 100 wichtigsten Konzerne Deutschlands lag der Frauenanteil im vergangenen Jahr bei 2,2 Prozent. Mehr als 90 Prozent haben keine einzige Frau in der Konzernführung. Frauen finden nach wie vor äußerst selten den Weg ins deutsche Topmanagement, auch wenn sie inzwischen 50 Prozent der Hochschulabsolventen ausmachen.

Der Landkreis bricht nach der Einschätzung der Gleichstellungsbeauftragten am Landratsamt Traunstein, Birgit Heim, nicht aus dieser Statistik aus. Bei AlzChem Trostberg beispielsweise gibt es keine Frauen in oberen Führungspositionen (Geschäftsführung), in mittleren und unteren Führungsebenen sind sie mit 12,2 Prozent vertreten.

Nach Meinung der Jungen Union Traunstein werde sich der bislang noch geringe Anteil an weiblichen Führungskräften in den nächsten Jahren automatisch erhöhen. Die hohe Quote an weiblichen und vor allem sehr erfolgreichen Studienabsolventen werde auch ohne staatlichen Eingriff dazu führen, dass die Zahl der Frauen in Führungsgremien stetig zunehme, schreiben die Nachwuchs-CSUler in einer Pressemitteilung. Allerdings benötige es auch Zeit, bis ein Studienabsolvent oder eine Absolventin in die Führung eines Weltkonzerns aufrücke. Aus diesem Grund dürfe man nicht einfach die Zahl heutiger Absolventinnen mit der Zahl heutiger Topmanagerinnen vergleichen. Gerade hier sei es von großer Bedeutung, das Problem an der Ursache zu bekämpfen und Frauen die Möglichkeit zu geben, Beruf und Familie bestmöglich zu vereinbaren.

Nach Ansicht der Nachwuchspolitiker verstärkt die aktuelle Diskussion vor allem Trend, den gesellschaftlichen Status nur am beruflichen Erfolg zu definieren. „Wenn sich eine Frau ganz bewusst und aus einem selbstbewusstem Selbstverständnis heraus dafür entscheidet, die eigene Kraft nicht nur in die eigene Karriere sondern auch in die Familie zu stecken, ist das eine starke Entscheidung, die von der Gesellschaft auch anerkannt werden muss“, fordert der JU-der Kreisvorsitzende Sigi Walch.

Natürlich seien auch aus Sicht des jungen Unternehmers mehr weibliche Führungskräfte nur zu begrüßen. Dies aber über einen Zwang durchzusetzen, halte er für den falschen Weg. „Wichtiger ist es, Frauen gezielt zu fördern und bessere Möglichkeiten zu schaffen, wie Frauen, auch nach einer Schwangerschaft wieder leichter zurück in den Beruf können. Wir müssen die Rahmenbedingungen für Frauen verbessern, aber nicht irgendeinen neuen Zwang schaffen“, so Walch weiter.

Bereits in der Diskussion um die Einführung einer Frauenquote in der CSU sei zu erkennen gewesen, dass gerade junge Frauen Quoten ablehnten, weil sie diese als diskriminierend empfinden. Diese Meinung unterstützt auch Magdalena Haas, Ortsvorsitzende der JU TachingTengling. Immerhin würden ihrer Meinung nach Frauen auch in der Familie zeigen, dass Sie in der Lage seien, große Verantwortung zu tragen. Nun gelte es nicht, diese Leistungen durch gesetzliche Regelungen herabzuwürdigen, sondern vor allem diesen Frauen die Struktur zu schaffen, die eigenen Stärken auch im Beruf einbringen zu können.

Magdalena Haas fügt hinzu, dass mit Einführung einer Quote nicht nur beruflich erfolgreiche Frauen abgestempelt, sondern auch die Leistungen der Vollzeitmütter gesellschaftlich herabgesetzt würden. „Gleichberechtigung wird nicht durch Sonderreglungen erreicht“, schließt der JU-Vorsitzende.

Ganz anders sieht das Sabine Hauswirth. Die Rosenheimerin hat zum zehnjährigen Firmenjubiläum ihrer „Finanzwerkstatt“ einen besonderen Erfolg erzielt: Die 48-Jährige ist unter die Top 100 der bundesdeutschen Finanzberater gewählt worden. Der Wettbewerb „Finanzberater des Jahres“ wird jährlich von dem renommierten Wirtschaftsmagazin Euro und branchenerfahrenen Partnern durchgeführt. Die ausgebildete Betriebswirtin für betriebliche Altersvorsorge und Diplom-Verwaltungswirtin (FH) bietet als Schwerpunkte die Finanzplanung für Führungskräfte und Unternehmer sowie Beratung in der Geldanlage und Altersvorsorge für Profisportler. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Beratung von Vereinen aller Art bezüglich der Haftung im Ehrenamt und der Unfallversicherung für Mitglieder. In der Branche hat sich Hauswirth durch zahlreiche Fachartikel und mit ihrem Fachbuch über Entgeltumwandlung in Unternehmen einen Namen gemacht.

Die Beraterin erachtet eine Frauenquote in Chefetagen als „dringend notwendig“. Sie glaubt nicht, dass sich in Deutschland ohne eine gesetzliche Regelung etwas bewegt. „Ich bin nicht umsonst selbstständig“, sagt Hauswirth und ist sich sicher, dass sie es in einem Beratungsunternehmen oder in einer Bank nie so weit gebracht hätte. „Die Gläserne Decke, an der Frauen anstoßen, wenn sie nach oben wollen, ist vorhanden“, betont die 48-Jährige. An den vorliegenden Zahlen sei nicht zu rütteln. „Ich komme aus dem gehobenen Verwaltungsdienst, wo klar war, dass man als Frau nicht automatisch befördert wird – trotz Gleichstellungsgesetz.“

Vor etwa zehn Jahren hat sich die Rosenheimerin selbstständig gemacht. „Damals waren die Kinder so alt, dass es machbar schien“, erklärt die Mutter zweier Söhne, die heute 18 und 10 Jahre alt sind. Nebenbei absolvierte sie ein Studium als Betriebswirtin für betriebliche Altersvorsorge. „Ich habe das alles nur deshalb geschafft, weil ich selbstständig war und meine Zeit selbst einteilen konnte.“ Sie hatte lange Zeit in ihrem Home Office gearbeitet, und war damit auch in ihrer Familie präsent. In der freien Wirtschaft, glaubt sie, wäre sie auf der Karriereleiter nicht weit gekommen. „Sich der Familie und der Karriere gleichzeitig zu 100 Prozent zu widmen, geht nicht“, weiß die 48-Jährige. Deshalb habe sie nur sehr langsam Fortschritte gemacht, aber stetig. Darauf sei die Beförderungsstruktur in der freien Wirtschaft nicht angelegt. Viele Frauen können sich in den für die Karriere entscheidenden Jahren allein der Kindererziehung widmen und damit den Anschluss verpassen.

Wichtig sei auch, dass sie von ihrem Ehemann große Unterstützung erfahren habe, sagt Hauswirth. Denn erfahrungsgemäß begleiten Frauen die Karriere ihres Mannes meist mit mehr Toleranz als umgekehrt.

Sabine Hauswirth zweifelt nicht daran, dass Frauen besser sein müssen als Männer, um den gleichen Job zu bekommen. Doch Kinder und Karriere – das koste Energie. Die Betriebswirtin betont: „Frauen sind hochqualifiziert, auch wenn sie nicht besser sind als Männer.“ Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müssten die Unternehmen längst umgedacht haben, meint die Beraterin. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Familienministerin Kristina Schröder (beide CDU) haben hochrangige Wirtschafts- und Arbeitnehmervertreter für diesen Dienstag zu einem Gespräch über „familienbewusste Arbeitszeiten“ eingeladen. Es ist Teil einer Initiative, die das Familienministerium und die Industrie- und Handelskammern im Oktober 2010 angesichts des Fachkräftemangels gestartet hatten.
Artikel vom 10.02.11
Weiterempfehlen Drucken