Frostiger Dauereinsatz

Von Susanne Mittermaier
Südostbayern. Dieter und Katarzyna zählen derzeit nicht gerade zum beliebtesten Pärchen in Deutschland, denn es sind die Kältehochs, die die Region in ihren eisigen Griff genommen haben. Während „Dieter“ dafür sorgt, dass die Thermometer auch in den nächsten Tagen noch im zweistelligen Minusbereich hängen bleiben, bringt „Katarzyna“ vom Baltikum aus neue Schneefälle nach Südostbayern. Doch nicht das große Bibbern bereitet den Menschen Unbehagen. Die frostigen Temperaturen können in den unterschiedlichsten Bereichen des täglichen Lebens zu Schäden führen, die mitunter auch den Geldbeutel ganz schön strapazieren. Ihre Lokalzeitung hat Vertreter verschiedener Berufsgruppen gefragt, welche Auswirkungen die eisige Kälte auf ihre tägliche Arbeit hat.
Die Kältewelle hat auch ihre schönen Seiten, wie unser Foto von der Hirschauer Bucht zeigt, wo man zwischen den aus dem Chiemsee-Eis ragenden Treibholzteilen Schlittschuhlaufen und Eishockeyspielen kann. Foto: Sepp Niederbuchner
Während sich Schlittschuhläufer und Eisstockschützen über perfekte Eisdecken freuen, sorgen eingefrorene Wasserleitungen in den eigenen vier Wänden für wenig Begeisterung: Nicht nur, dass man dann auf heißes oder überhaupt Wasser verzichten muss; es besteht auch noch die Gefahr, dass die Leitungen defekt werden, da sich Wasser im gefrorenen Zustand ausdehnt und Rohre sprengen kann. Kein Wunder, dass Heizungsbauer und Installateure derzeit ins Schwitzen kommen, um die lange Liste von Anfragen zu bewältigen. „In den letzten Tagen hatten wir pro Tag sieben bis acht Fälle von eingefrorenen Wasserleitungen“, berichtet der Heizungs- und Installateurfachmann Hannes Wolferstetter aus Katzwalchen bei Palling - so viel wie in den letzten zehn Jahren nicht mehr. Erstes Mittel, um Leitungen wieder funktionsfähig zu machen, sind elektronische Auftaugeräte. Schwieriger wird es, wenn ein Heizkörper länger nicht aufgedreht oder zumindest auf Frostschutz gestellt worden ist. Dann kann es den Heizkörper zerreißen; Auftauen alleine bringt dann nichts mehr.

Doch nicht nur mit Wasser gefüllte Leitungen und Behältnisse sind in Gefahr: auch Öl reagiert entsprechend auf Kälte. Das darin enthaltene Paraffin wird zähflüssig. So können Leitungen und Filter von Heizungsanlagen verstopfen. Dann muss der Fachmann die Leitungen mit Druckluft durchblasen oder das zähflüssige Öl per Pumpe herausziehen. Einfach abwarten, bis es wieder wärmer wird, hilft nichts, denn das einmal „eingefrorene“ Öl kann sich dann nicht mehr verflüssigen.

Auch der Treibstoff bei Dieselfahrzeugen reagiert so auf die Dauerkälte. „Diesel versulzt ab etwa 15 Grad minus“, erklärt Karl Kufner vom Autohaus Freilinger in Traunreut. Zwar sollte der an Tankstellen in Deutschland verkaufte Dieselkraftstoff Temperaturen bis minus 22 Grad trotzen, „unseren Erfahrungen zufolge entstehen aber schon bei geringeren Temperaturen Probleme, entweder, weil der Fahrtwind für zusätzliche Kälte sorgt oder der Treibstoff nicht die Erfordernisse erfüllt“, so Kufner. Das Tückische ist, dass sich Probleme nicht immer schon beim Start ergeben, sondern erst nach ein paar Kilometern. „Da geht dann plötzlich der Motor aus, das Fahrzeug bleibt einfach stehen. Jeder Versuch, das Auto neu zu starten, greift ins Leere, denn das zähflüssige Diesel fließt nicht mehr durch den Filter. Es ist, als ob man versucht, ein Auto mit leerem Tank zu starten.“

Abhilfe können sogenannte Fließverbesserer schaffen, die ähnlich wie Frostschutzmittel für Kühl- und Scheibenwischanlage funktionieren. Das Problem: Diese sind seit letzter Woche europaweit ausverkauft.

Gibt ein Dieselfahrzeug unter der Fahrt „den Geist auf“, sollte man auch die Zündung nicht zu oft betätigen, denn das kann zusätzlich noch die Batterie strapazieren. Da ist es günstiger, gleich die Werkstatt zu kontaktieren. Bei kalten Temperaturen überbeansprucht werden laut Karl Kufner auch die Motoren von Fahrzeugen und zwar dann, wenn man irrigerweise annimmt, den Motor dadurch aufzuwärmen, indem man ihn entsprechend „hochjagt“: Hohe Drehzahlen auf den ersten 50 Kilometern sollten unter allen Umständen vermieden werden.

Kältehoch „Dieter“ macht aber nicht nur Autofahrern zu schaffen, wie der technische Leiter der Traunreuter Stadtwerke, Franz Hagenauer, von den Einsätzen seiner Mitarbeiter in der letzten Woche berichtet: Sind Kellerfenster bei der momentanen Kälte nicht geschlossen, können Wasserzähler einfrieren und explodieren. Die Zähler müssen dann ausgetauscht werden, was zu Kosten von 200 Euro für den Verbraucher führen kann.

Auch die Kläranlagen der Stadt müssen ständig überprüft werden: Besonders die Absperrventile sind in Gefahr, bei diesen Temperaturen einzufrieren. Als Gegenmaßnahme werden Heißluftgeräte eingesetzt, mit denen die Ventile aufgetaut werden. „Bei der Anlage im Traunsteiner Wald ist das noch nicht so problematisch, aber die Anlage in Stein ist quasi der Kältepol der Stadt Traunreut. Dort haben wir in der Nacht auf Sonntag minus 24 Grad gemessen“, berichtet Hagenauer, der momentan statt der üblichen zwei sechs Mitarbeiter rund um die Uhr im Einsatz hat. In der Steiner Kläranlage ist auch noch eine Kunststoffpolsterung auf die Oberfläche gelegt worden, damit das Eis sich nicht so ausdehnen kann, dass die Betonwände dadurch gesprengt werden.

Doch auch bei „Katastrophen“ außerhalb des eigentlichen Zuständigkeitsbereichs der Stadtwerke stehen die Mitarbeiter mit ihrem Service zu Diensten. So konnten die Stadtwerke zum Beispiel bei einem Problem in einem Wohnblock in der Adalbert-Stifter-Straße aushelfen. Dort hatte die Heizung nicht mehr richtig funktioniert und Hausmeister und Hausherr konnten das Problem nicht beseitigen. Die Mitarbeiter der Stadtwerke fanden dann heraus, dass im Haus ein Ventil verstopft war und reparierten dieses.

Während die Traunreuter im Dauereinsatz sind, haben die Stadtwerke Trostberg bisher keine außertourlichen Aufträge zu erledigen, wie Leiter Stefan Bratzdrum berichtet. Dass die Seen nun zugefroren sind, sorgte auch für viel weniger Besucher im Eisstadion.

Keine Einsätze im Zusammenhang mit den eisigen Temperaturen hatten erstaunlicherweise Polizei und Feuerwehr in Traunreut und Trostberg zu verzeichnen. Der einzige „Eisfall“, von dem Christian Schuster, Gerätewart bei der Traunreuter Feuerwehr berichtet, war ein Ereignis, das er über Funk bei den Traunsteiner Kollegen mitgehört hat: In der Kreisstadt hatte sich eine Frau beim Rauchen vor der Haustür selbst ausgesperrt, dummerweise nur mit einem T-Shirt bekleidet und dann die Feuerwehr angerufen.
Artikel vom 07.02.12
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