Extremkletterer im Steinadler-Horst

Berchtesgaden. Prominente Unterstützung bekam das Steinadlerprojekt im Nationalpark Berchtesgaden: Der weltbekannte Extremkletterer Thomas Huber stieg am Mittwoch in den Steinadler-Horst im Saalachtal ein. Im Zeichen der Wissenschaft sammelte der Kletterer Beutereste und Federn ein, die hoffentlich Rückschlüsse zulassen auf das Schicksal eines vermutlich verendeten Jungvogels. Ein Team des Bayerischen Fernsehens hat die Aktion begleitet. Sendetermin ist bereits am heutigen Freitag um 17.30 Uhr in „Schwaben und Altbayern aktuell“.
Ein Team des BR begleitete den Extremkletterer Thomas Huber (Mitte, rechts) bei seinem Einstieg in den Steinadler-Horst im Saalachtal. Ulli Brendel (Mitte, links), Leiter des Steinadler-Projektes im Nationalpark, begutachtet die gesammelten Beutereste. Foto: Nationalpark Berchtesgaden
Thomas Huber aus Berchtesgaden ist der Mann für die schwer lösbaren Forschungsaufgaben im Nationalpark Berchtesgaden. Bereits zum zweiten Mal unterstützte der Extremkletterer das Team von Steinadler-Experte Ulli Brendel beim Einstieg in den Steinadler-Horst im Saalachtal. Hier war am Luegerhorn hoch über dem Ort Schneizlreuth ein Jungvogel geschlüpft, die Elterntiere hatten die Fütterung jedoch sechs Wochen später eingestellt. Um das Schicksal des jungen Steinadlers zu klären, stellte Thomas Huber sein Können erneut in den Dienst der Wissenschaft.

„Wir wollen natürlich wissen, warum der junge Steinadler gestorben ist“, erklärt ProjektleiterUlli Brendel. „Doch dazu mussten wir den toten Vogel bergen, was in dem extrem schwierigen Gelände am Luegerhorn keine einfache Aufgabe ist.“ Hier kam dem Nationalpark erneut Thomas Huber zu Hilfe, für den der Einstieg in den Steinadlerhorst fast ein Spaziergang war. Ausgerüstet mit Handschuhen, Taschenlampe und Plastiktüten sammelte der erfahrene Kletterer Beutereste und Federn ein und transportierte diese aus der Wand.

Ein toter Jungvogel lag nicht mehr im Horst in der rund 700 Meter hohen Wand. Ulli Brendel ist enttäuscht, vermutet jedoch, dass die Elterntiere den Kadaver selbstständig entsorgt haben könnten. In seltenen Fällen könne dies durchaus vorkommen. Über die Todesursache des Steinadlers kann Brendel somit nur Vermutungen anstellen: „Möglicherweise ist der junge Adler verhungert, denn im Juni gab es eine lange Phase mit schlechtem Wetter. Vielleicht haben es die Elternvögel in dieser Zeit nicht geschafft, den Jungvogel ausreichend zu ernähren“, mutmaßt Brendel.

Das Steinadler-Paar im Saalachtal war dabei kein Einzelfall: Rund 65 Prozent aller Steinadlerpaare in Bayern haben ihre Brut heuer abgebrochen. Das Steinadler-Team des Nationalparks Berchtesgaden beobachtet insgesamt 15 Steinadler-Paare in Bayern und im benachbarten Österreich. Von diesen 15 Paaren haben in diesem Jahr acht Paare einen Jungvogel ausgebrütet. Vier Paare mussten die Brut abbrechen, sodass bislang nur vier Bruten erfolgreich waren: Die Jungvögel in den Revieren Wimbach, Ettenberg, Dürrnbachhorn und Bluntau stehen kurz vor dem Ausflug.

Die Beutereste und Federn aus dem Horst am Luegerhorn werden an die Staatliche Vogelschutzwarte in Garmisch Partenkirchen überstellt. Hier analysieren Experten die Federn, die möglicherweise Rückschlüsse zulassen auf die Todesursache des Jungvogels. Über die Knochen und weitere Beutereste ermitteln Wissenschaftler die Zusammensetzung der Beutetiere, mit denen die Steinadler ihren Nachwuchs sechs Wochen lang gefüttert haben.

Für Thomas Huber ist es eine Ehrensache, die Steinadler-Forschung im Nationalpark mit seinem Können zu unterstützen. „Ich bin gern beim nächsten Mal wieder dabei“, verspricht Thomas Huber dem SteinadlerTeam. Für den weltbekannten Kletterer ist die Kooperation zwischen Kletterern und Naturschützern ein wichtiges Zeichen für die kameradschaftliche und ergebnisorientierte Zusammenarbeit zwischen zwei vermeintlich gegensätzlichen Interessensgruppen. Im Nationalpark Berchtesgaden ist Huber zudem Leiter einer Arbeitsgruppe, die ein derzeit Kletterkonzept für das Schutzgebiet erarbeitet.
Artikel vom 30.07.10
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