Eine junge Frau allein in Schwarzafrika

Trostberg (fal). Urlaub am Indischen Ozean, beispielsweise auf Mauritius oder auf den Seychellen. Der Möglichkeiten gäb’s viele, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Zumal wenn man jung ist, wenn man was zu feiern hat, weil gerade die Berufsausbildung erfolgreich beendet wurde. Keine Alternative für Verena Penn (22) aus Trostberg: Sie hat für ein halbes Jahr Schwarzafrika bereist, und das nicht, um abzufeiern, sondern um zu arbeiten. Dazu wählte sie auch noch ein belastendes Betätigungsfeld: die Arbeit mit behinderten Kindern.
Die Arbeit mit behinderten Kindern – hier in der Privatschule nahe dem Ort Arusha – war für Verena Penn ein besonderes Anliegen.
Die Heilerziehungspflegerin arbeitet bei der Lebenshilfe in Altenmarkt mit geistig behinderten Menschen. Ihre Eltern Marianne und Reinhard Penn engagieren sich seit Jahren in Tansania. Vor zwei Jahren reiste sie mit ihren Eltern nach Afrika. „Ich war begeistert, wie lebensfroh die Leute da sind, trotz ihres niedrigen Lebensstandards“, erzählt Verena. Das gab dann vor einem Dreivierteljahr den Ausschlag, dass die Reise nach Ausbildungsende nicht nach Australien oder Kanada gehen sollte, sondern nach Tansania und Kenia. Sie schrieb Schulen und Einrichtungen an. Natürlich waren Freunde und Bekannte skeptisch: „Eine junge Frau allein in Schwarzafrika… ohne Organisation in soziale Projekte…“ Aber Verena zog das durch.

Ihre erste Praktikumsstelle bekam die Trostbergerin nach einem kurzen Telefonat in einem Dorf nahe Arusha, einer 400 000-Einwohner-Stadt in Nordost-Tansania. Arusha ist das Zentrum des tansanischen Tourismus und einer der wichtigsten Industriestandorte des Landes. In einem überfüllten Kleinbus, dem „Dalladalla“, kam Verena Penn im Dorf an, in dem es eine der wenigen Privatschulen gibt, die auch behinderte Kinder aufnehmen. „Behinderung ist in Tansania noch ein Tabuthema. Kinder mit Down-Syndrom werden oft ausgesetzt, Schwerbehinderte haben kaum Überlebenschancen“, erzählt Verena. Es gebe auch keine Fachärzte, die sich mit Behinderungen auskennen. Keine Diagnose – keine Behandlung. „Jetzt werden erste Schritte getan, geistig behinderte Kinder zu beschulen. Ein Versuch, Behinderten einen neuen Stellenwert zu geben.“

Die ersten Tage in der Schule waren schwierig. „Ich musste mich mit Händen und Füßen verständigen – außer der Schulleiterin Mary sprach niemand Englisch. Ich war kurzzeitig ziemlich überfordert.“ Die Lehrer leiteten sie nicht an – „Schwarze erwarten Anleitung von Weißen“. Aber Verena arbeitete sich ein, machte mit den Kindern Geh-, Gleichgewichts-, und Fingerübungen.

Nach drei bewegenden Wochen wechselte sie ins Usa River Rehabilitation Centre. Dort werden körperlich gehandicapte Frauen und Männer in verschiedenen Berufen ausgebildet. Die engagierte Leitung bietet Dorfarbeit an, vermittelt Mikrokredite und unterstützt die verarmte Bevölkerung. „Die Mitarbeiter gehen raus in die Dörfer, besuchen Familien mit behinderten Kindern, treten beratend auf, bieten Unterstützung an – von der klassichen Lebensberatung bis zur spezialisierten Hilfe.“

Beim so genannten VillageWork-Programm half Verena beim Prothesenbau und beim Anpassen. Gemeinsam mit Michal (19) aus Hamburg, einer anderen Praktikantin – „endlich Unterhaltung!“ – kam sie zu einem „Patenkind“, für das die beiden weiter die Hilfsmittel und das Schulgeld bezahlen. Der Siebenjährige braucht wegen eines Geburtsfehlers eine Beinprothese. Das aber ist weder für seine Familie noch für das Programm auf Dauer finanzierbar. Mit dem Geld, das Verena und Michal spenden, kann der Bub im Internat in Faraja, wo die Versorgung mit Prothesen deutlich besser ist, beschult werden. Bei ihren Ausflügen stieß Verena überall auf große Armut. Armut, die von einer 22-Jährigen nicht zu lindern ist. Aber sie versuchte zu helfen, wo sie konnte. Sie kam an einem Waisenhaus vorbei, in dem die Kinder nichts zu spielen hatten,und kaufte von den mitgebrachten Spendengeldern eine Schaukel.

„Die drei Monate in Tansania gingen viel zu schnell vorüber, ich musste ausreisen, das Visum gilt ja nur drei Monate.“ Die nächste Station war in Kenia, dazwischen eine aufregende Fahrt durch die afrikanische Nacht in einem uralten, klapprigen Bus mit wackelnden Fenstern. In Muhuru-Bay am Viktoriasee gibt es keinen Strom. Das Trinkwasser ist mit Bilharziose verseucht und muss auf kleinen Holzkohlefeuern abgekocht werden. Prompt wurde Verena krank. Mit Medikamenten aus der nächsten Dispensary, die kaum einen Euro kosten, für die meisten Afrikaner aber zu teuer sind, war das nach wenigen Tagen überstanden.

Um den vielen Waisen- und Dorfkindern eine Möglichkeit zum Schulbesuch zu eröffnen, gründete Hevrone Mairah vor wenigen Jahren seine Shining Star School. Viele Aids-Waisen wohnen hier in seiner Dorfgemeinschaft, ein Waisenhaus gibt es nicht. Ohne staatliche Unterstützung werden die meisten Kinder täglich nicht nur unterrichtet, sondern auch verköstigt. Dafür wurden an der Schule Ziegen angeschafft. Derzeit werden Klassenzimmer angebaut. Verena konnte mit Spendengeldern Holz kaufen und Schulmöbel schreinern lassen. „Der Anfang ist gemacht, aber es reicht noch nicht für alle Schüler“, erzählt Verena. Trotz aller finanziellen Engpässe ist der engagierte Schulleiter jedenfalls davon überzeugt, dass nur Bildungund nicht der schnell verdiente Groschen aus Kinderarbeit seinen Schülern einen Weg aus der Armut ermöglicht.

Nach der erneuten Einreise in Tansania folgte ein weiteres Volontariat im Faraja Diaconic Centre. An dieser Schule wird normal begabten, aber körperlich beeinträchtigten Kindern die Möglichkeit einer Beschulung gegeben. Hier arbeitete Verena die letzten zweieinhalb Wochen ihres SchwarzafrikaAufenthalts mit den Kindern in der Physiotherapie, der Bücherei und im Computerraum.

Verdient hat Verena bei ihrem Arbeitsaufenthalt übrigens nichts. Auch Kost und Logis hatte sie selbst zu tragen. „Das ist auch richtig so. Ich bin als Helfer gekommen, nicht als zusätzlicher Esser.“
Artikel vom 02.06.10
Weiterempfehlen Drucken