Der DAV sprach vergangene Woche in einer Pressemitteilung sogar schon von einem drohenden „Pistenkrieg“. Vor allem die Liftbetreiber ärgern sich häufig über die neue Klientel, die kein Geld in die Kasse bringt, aber die Infrastruktur trotzdem nutzt.
Gerade in hellen Vollmondnächten haben wir 200 bis 300 Leute am Hochfelln“, sagt Wolfgang Helldobler, Leiter der Tourist-Info in Bergen. Mit dem Großteil habe er keine Probleme, aber es gebe halt einige, diesich an keine Regeln halten. „Die gehen zu viert nebeneinander da hoch, wo andere abfahren, haben einen freilaufenden Hund dabei oder steigen sogar übers Stahlseil der Pistenraupen drüber“, schildert er.
Doch das Stahlseil, an dem das Raupenfahrzeug in steilem Gelände gesichert ist, könne schnell zur tödlichen Gefahr werden. Und für die Raupenfahrer sei diese Sorge eine psychische Belastung. Eine Karte für die Seilbahn – die ohnehin nur Freitag, Samstag und Sonntag fährt – lösen die Tourengeher nicht. Als, damit zumindest ein wenig Geld rein kommt, am Ausgangspunkt für die Touren, am Parkplatz Kohlstatt zwei Euro Parkgebühr eingeführt wurden, sei der Aufschrei groß gewesen. „Und wenn’s fünf Euro kosten würde? Dafür bekommen sie ja auch eine superpräparierte Piste und einen lawinengesicherten Hang“, so Helldobler.
„Das ist ein Zug der Zeit, mit dem wir zwar nicht zufrieden sind, aber wo wir nichts tun können“, sagt Andreas Brandner, Geschäftsführer des Skigebiets Steinplatte. Immer wieder gebe es Zwischenfälle, weil „Skifahrer nicht mit Gegenverkehr rechnen“, aber trotzdem: das größere Probleme habe er nach Einbruch der Dämmerung, wenn die Alpinfahrer weg sind und die Piste präpariert wird. Denn die Seilwinden seien höchstgefährlich. „Für Tourengehen bei Nacht habe ich kein Verständnis, da kann ich bitterböse werden“, so Brandner.
Ärgerlich sei auch, dass die abendlichen Tourengeher über die gerade frisch präparierte Piste abfahren und ihre Spuren bis zum nächsten Morgen vereisen. „Und der zahlende Gast bekommt dann eine schlechte Piste“, kritisiert Brandner. Während es in vielen Skigebieten schon Parkplatzgebühren gibt, die beim Kauf einer Liftkarte rückerstattet werden, will er das an der Steinplatte nicht einführen. Auf den finanziellen Aspekt, so Brandner, komme es ihm weniger an, als auf die Unfallgefahr und die rechtliche Absicherung der Pistenraupenfahrer. Zwischenfälle habe es schon genug gegeben, aber die seien bislang zum Glück immer glimpflich ausgegangen. Auch die Bergwacht Chiemgau bestätigt: Diesen Winter gab es noch keine Einsätze zu Unfällen, die durch Tourengeher auf der Piste verursacht wurden.
In Italien ist der Gesetzgeber streng. Da sind bereits alle Skigebiete für Tourengeher gesperrt. Doch beim DeutschenAlpenverein setzt man weniger auf Verbote, als auf Appelle an die Vernunft. Unter www.alpenverein.de hat der DAV Regeln zusammengestellt, an die sich jeder freiwillig halten sollte. Dazu gehört nicht nebeneinander gehen, nur am Pistenrand gehen, auf den Skibetrieb achten, sich an die Beschilderung halten. Auf der DAV-Homepage finden sich auch lokale Regeln für viele Skigebiete in den bayerischen Alpen. So zum Beispiel für den Jenner, wo der so genannte „Hohlweg“ auf der Hauptskiabfahrt für Tourengeher zeitweise gesperrt ist. Dafür gibt es am Jenner am Donnerstag einen langen Tourentag auf ausgewiesenen Pisten, an dem tourengehen bis spätabends ausdrücklich erlaubt ist.
Die gültigen DAV-Regeln für Skitouren auf den Pisten hat eine Experten-Runde 2003 aufgestellt, „aber seither ist diese Art von Tourengehen brutal beliebt geworden“, so Thomas Bucher, Pressesprecher beim DAV. Es müsse unbedingt eine Lösung her und nach dieser Saison werde es wohl erneut einen runden Tisch zu dem Thema geben.
Viele Tourengeher der „alten Schule“ können ohnehin nicht nachvollziehen, warum man freiwillig diesen Sport da ausübt, wo die Natur nicht unberührt ist und sich die Masse tummelt. Der Trostberger Franz Kaiser kennt den Reiz beider Varianten: „Ich bin auch lieber da unterwegs, wo keine Leute sind“, sagt er. Und trotzdem schwitzt er sich regelmäßig auch neben der Piste hoch: „An der Kampenwand, am Jenner, am Hochfelln oder am Unternberg kann ich mit meinen Kindern gemeinsam kommen und während die lifteln, mache ich eine Tour.“ Auch bei Neueinsteigern ohne Erfahrung oder Wissen über die Lawinengefahr sei es verständlich, wenn sie sich am Rand der Piste sicherer fühlen. Seine Erfahrung ist, dass immer mehr Sportler beides machen – alpin Skifahren wie auch Tourengehen. „Da muss doch auch ein gutes Miteinander möglich sein“, findet er. Allerdings betont Franz Kaiser: „Ich verstehe auch die andere Seite. Gerade bei den kleinen Liften, die immer fast am Sterben sind.“ Deshalb sei er gerne bereit, zwei bis drei Euro für den Parkplatz zu zahlen. Sehr gute Erfahrungen als Pisten-Tourengeher habe er mit dem Unternberg in Ruhpolding: „Da haben sie’s geschafft, dass sie Tourengeher nicht aussperren.“
„Wir kanalisieren die Tourengeher“, verrät Cornelia Hartmann von der Tourist-Info Ruhpolding, was am Unternberg anders läuft. Soll heißen Dienstag und Donnerstag hat die Alm bis 23 Uhr offen, unten an den Schleppliften gibt’s Flutlicht und Tourengeher sind ausdrücklich willkommen. Die Piste wird an diesen Tagen erst von Mitternacht bis 3 Uhr früh präpariert. Mehr noch: Erst für diese Saison wurde ein Skitourenlehrpfad installiert – mit Schildern, die über ökonomisches Spuren, DAV-Regeln, Einschätzung und Messung der Hangsteilheit und-exposition, Lawinenarten und die Voraussetzungen zur Schneebrettbildung informieren. An einem „Checker“ kann jeder testen, ob das eigene Ortungsgerät für den Notfall funktioniert. Gelbe Hinweisschilder des DAV weisen Tourengehern den für sie besten Weg.
Hohe Kosten für eine Klientel, die keine Einnahmen bringt, sollte man meinen. Aber weit gefehlt: Den Lehrpfad, so Hartmann, hat ein Sponsor bezahlt, und seit mehr Tourengeher da sind, mache die Alm wieder deutlich mehr Geschäft. Das freilich ist in Ruhpolding der Unterschied: Hier fließen die Einnahmen der Bahn wie auch der Gaststätte in die gleiche Kasse – nämlich die der Gemeinde. In anderen Gebieten haben die Liftbetreiber nichts davon, dass die meisten Tourengeher sich nach dem Aufstieg in der Hütte kräftig stärken.
Drohender „Pistenkrieg“
Von Katrin Detzel
Ruhpolding/Bergen/Berchtesgadener Land. Ein Naturerlebnis, gekrönt von einer Abfahrt durch unberührten Schnee. So sah Tourengehen ursprünglich aus. Inzwischen gibt es einen neuen Trend zum Skitourengehen mitten im Skigebiet: Kräftig auspowern, aber ohne aufwändige Wetterstudie oder Lawinengefahr – effektiv, zeitsparend, bequem und laientauglich. Doch dieses „neue Tourengehen“ bringt – auch in den Chiemgauer und Berchtesgadener Bergen – Konfliktpotential und Gefahren mit sich.
Ruhpolding/Bergen/Berchtesgadener Land. Ein Naturerlebnis, gekrönt von einer Abfahrt durch unberührten Schnee. So sah Tourengehen ursprünglich aus. Inzwischen gibt es einen neuen Trend zum Skitourengehen mitten im Skigebiet: Kräftig auspowern, aber ohne aufwändige Wetterstudie oder Lawinengefahr – effektiv, zeitsparend, bequem und laientauglich. Doch dieses „neue Tourengehen“ bringt – auch in den Chiemgauer und Berchtesgadener Bergen – Konfliktpotential und Gefahren mit sich.
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