Die beiden Toten im Wald

Traunstein/Tacherting (kd). Für Schlagzeilen in Boulevardzeitungen wie „Mit 20 Stichen ermordet“ oder „Doppelmord in Tacherting“ sorgte letzten Sommer der Tod zweier Spätaussiedler. Die Leichen der 37 und 44 Jahre alten Familienväter waren am Sonntag, 9. August, in einem Waldstück in Wajon entdeckt worden. Kurz nach vier Uhr meldete ein Anrufer der Polizei zwei verletzte Personen an der Kraftwerkstraße neben der Fahrbahn im Gebüsch. Der Notarzt konnte nur noch ihren Tod feststellen. Binnen Stunden nahmen die Ermittler drei junge Männer als mutmaßliche Täter fest. Zwei inzwischen 23 und 21 Jahre alte Brüder und ein 22-Jähriger, alle Deutschrussen aus Tacherting, müssen sich ab 7. Juni sieben Verhandlungstage lang vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Karl Niedermeier verantworten.
Schockierende Bluttat in der Nacht zum 9. August 2009: In Tacherting wurden zwei Spätaussiedler erstochen. Das obere Bild entstand beim Polizeieinsatz am Morgen danach in Wajon. Unten: Am Tatort haben Angehörige und Freunde der Opfer Blumen und Kerzen aufgestellt. Fotos: hr/tt
Die Staatsanwaltschaft wirft den drei Angeklagten gemeinschaftlichen Totschlag in zwei Fällen vor. Die weiteren voraussichtlichen Prozesstermine sind 14. und 15. Juni, 5., 6., 12. und 13. Juli.

Den ersten Tatverdächtigen stöberte die Besatzung eines Polizeihubschraubers noch am frühen Sonntagmorgen per Wärmebildkamera in einem Maisfeld auf. Polizeisprecher Franz Sommerauer sagte damals: „Es ist zumindest sehr ungewöhnlich, dass sich jemand am Sonntag in der Früh um halb fünf im Maisfeld versteckt.“ Für einen weiteren Tatverdächtigen klickten die Handschellen in seiner Wohnung, der dritte wurde noch am gleichen Morgen auf der Straße festgenommen. An dem aufwändigen Polizeieinsatz samt Hundeführern und Hubschraubern waren um die 100 Kräfte beteiligt – von der Polizeiinspektion Trostberg bis zu Streifen benachbarter Dienststellen und dem Operativen Ergänzungsdienst Traunstein.

Die Kripo Traunstein als Sachbearbeiter wurde unterstützt durch die Kripo Mühldorf und den Kriminaldauerdienst. Für die Suchmaßnahmen nach Spuren beziehungsweise nach einem Tatwerkzeug waren Kräfte der Bereitschaftspolizei aus Dachau eingesetzt. Die Feuerwehr leuchtete die Fundstelle aus und sorgte für die Absperrmaßnahmen. An Ort und Stelle waren auch umgehend Vertreter der Staatsanwaltschaft Traunstein und des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität München. Bei der Obduktion noch am Sonntag stellte sich heraus: Die 37- und 44-jährigen Männer starben jeweils an zahlreichen Stichverletzungen und den Folgen stumpfer Gewalteinwirkung gegen die Oberkörper. Bereits am Montagnachmittag erging gegen die drei Tatverdächtigen Untersuchungshaftbefehl. Im Zuge der umfangreichen Vernehmungen von Polizei und Ermittlungsrichter räumten alle Tatverdächtigen in unterschiedlichem Umfang eine Beteiligung an der Tat ein.

Die Einzelheiten des Tatablaufs und die Motive zu klären, ist ab Juni Aufgabe des Schwurgerichts. An der Verhandlung nehmen neben den Angeklagten und ihren drei Verteidigern und zwei Nebenklägern mit ihren Anwälten auch fünf Gutachter teil – drei psychiatrische Sachverständige und zwei Rechtsmediziner. Unmittelbare Tatzeugen existieren nicht. Um die Tat und das Umfeld zu beleuchten, hat die Staatsanwaltschaft Traunstein fast 30 Zeugen benannt.

Die Opfer waren Schwager. Der Jüngere war Vater von vier, der ältere von drei Kindern. Beide Familien lebten zusammen in einem Sechsfamilienhaus im Tachertinger Ortsteil Schalchen. Dort soll am Samstagabend eine Grillparty im Familienkreis gelaufen sein. Die späteren Opfer sollen dieses Fest verlassen haben und auf ein zweites Fest in Wajon, ebenfalls Ortsteil von Tacherting, gewechselt sein. Dort feierten Russlanddeutsche so laut, dass sogar die Polizei gerufen wurde. Die Beamten mussten aber nichts weiter unternehmen und rückten wieder ab. Stunden später wurden nur wenige hundert Meter entfernt die beiden blutüberströmten Leichen entdeckt.
Artikel vom 20.03.10
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