Erst richtig ins Licht der Öffentlichkeit gehoben wurde das Verfahren durch die Medien, die sich am ersten Prozesstag Anfang Februar fast rauften um die besten Plätze für Fotos und TVAufnahmen. Einer der insgesamt fünf Verteidiger nutzte die Gelegenheit, sich unaufgefordert bei den Fernseh- und Rundfunkleuten als Interviewpartner anzubieten. Auch der entführte 57-jährige Amerikaner, inzwischen selbstständig mit einer Elektronikfirma in Speyer, scheute die Kameras und Mikrofone nicht und gab sich selbstbewusst. Zu Fragen nach einem betrügerischen Schneeballsystem, wie es ihm die Angeklagten vorwerfen, schwieg der Nebenkläger allerdings.
Gegen ihn hat übrigens einer der Verteidiger mittlerweile Strafanzeige erstattet. Auf 19 Seiten geht es um die angeblichen Machenschaften, durch die Angeklagten ihr Geld verloren haben sollen. Die Neugierde der Zuhörer ist aber noch nicht befriedigt: Das Schriftstück wurde noch nicht verlesen.
Der Medienrummel war schon am zweiten Prozesstag Vergangenheit. Zugenommen hat hingegen die Schar der Zuhörer – Familienangehörige und Freunde der Angeklagten, Bürger aus der Region, schließlich Prozess erfahrene regelmäßige Gerichtsbesucher wie Rentner, die sich so oft die Zeit vertreiben. Ihnen entgeht kaum etwas.
Jeweils zwei Polizeibeamte führen die Angeklagten, die in Gefängnissen in Bad Reichenhall, Mühldorf, Traunstein und München sitzen, vor. Bei den Männern waren anfangs Bauchgurte, die Hände daran mit Handfesseln befestigt, zu sehen. Inzwischen tragen sie nur noch Handschellen für die wenigen Meter zwischen den Polizeibussen und dem Schwurgerichtssaal mit schusssicherer haushoher Fensterfront.
Die Gerichtsbesucher beobachten die Begrüßung der Angeklagten. So suchen der mutmaßliche 74-jährige Haupttäter und seine 80-jährige Ehefrau, immersofort Sprechkontakt. Mit Staunen und Raunen reagierten die Zuhörer, als sie hörten, wieviel Geld die Dame ihrem wegen Körperverletzungsdelikten vorbestraften Gatten zur Geldanlage in Florida anvertraut hatte – über zwei Millionen Dollar. Diesen Betrag soll der später entführte 57-Jährige in den Sand gesetzt haben.
Ein Zuhörer bekam mit: Mit der Firma der Witwe soll es steil bergab gegangen sein, nachdem sie den 74-Jährigen kennen lernte. Und: Die 80-Jährige soll aus allen Wolken gefallen sein, als sie hörte, dass sie Ehefrau Nummer sieben war.
Mit Umarmungen von Freunden und Familie wird regelmäßig auch die zweite Frau auf der Anklagebank, eine 64-jährige frühere Ärztin, willkommen geheißen. Die Zuschauer reagierten in den Prozesspausen mit empörten Kommentaren: „Dass eine Ärztin bei so was mitmacht, ist völlig unverständlich. Sie hätte angesichts der Umstände und der Verletzungen sofort die Polizei verständigen müssen.“
Interessantes Detail aus Zuhörersicht war: Erst auf mehrmaliges Nachhaken der Staatsanwälte rückte die Ärztin mit Informationen über Konten im Ausland und vielfachen Immobilienbesitz heraus.
Meist nur mit seinem Verteidiger sprach bisher der zweite Mann auf der Anklagebank, ein in Deutschland geborener, mit einer Amerikanerin verheirateter Vater von insgesamt sechs Kindern aus zwei Ehen. Der 61-Jährige, dem der Geschädigte Provisionen aus Angestelltentätigkeit in Höhe von 690 000 Dollar schulden soll, hat noch am ehesten die Sympathie der Zuhörer auf seiner Seite – nachdem er ein weitgehendes Geständnis abgelegt, vor allem den verharmlosenden und schwadronierenden 74-Jährigen schwer belastet hat. Dass er in den Entführungsplan nicht eingeweiht war, wie der 61-Jährige beteuerte, nehmen ihm die Leute auf den Zuhörerstühlen übrigens mehrheitlich nicht ab.
Ein bisschen konträr ist die Diskussion der Beobachter, wenn es um die moralische Seite der Geiselnahme geht. Dazu ein Einheimischer: „Klar, wenn du soviel Geld drin hängen hast und kriegst nichts zurück, dann stinkt dir das gewaltig. Dass man versucht, das Geld wieder zu bekommen, versteh’ ich.“
Aber niemand heiße die Umstände der Entführung mit Fesseln, Knebeln, Einsperren in einer Kiste, fünfstündigem Transport im Autokofferraum und Tribunal gegen den Geschädigten gut. Die Täter hätten wohl von Anfang an geplant, massiv gegen das eventuell wehrhafte Opfer vorzugehen: „Warum hatte man sonst den großen Geißfuß im Wagen?“
Und weiter: „Die Geschichte ist ziemlich nebulös. Wenn das Geld auf ehrliche Weise verdient wäre, hätten die Angeklagten ja wohl die Justiz in Florida und in Deutschland auf ihrer Seite gehabt. Sie hätten ihr Geld einklagen können.“
Die Spekulationen blühen
Traunstein/Chieming (kd). Konträren Diskussionsstoff bietet der Geiselnahmeprozess vor dem Landgericht Traunstein den zahlreichen Prozessbeobachtern. Eine ganze Reihe von Zuhörern verfolgt regelmäßig die auf sechs Tage angesetzte Verhandlung – und haben sich so ihre eigenen Meinungen gebildet.
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