„Das Thema ist nicht neu“, erklärt der 61-Jährige. Er beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Schlachtung, Tierschutz und Fleischqualität. Schon oft habe er das Problem angesprochen – unter anderem auf Kongressen – aber „über die Jahre hat sich keineswegs was zum Besseren gewandelt“. Erst nach einem Bericht in den ARD-Tagesthemen vergangene Woche hat die Öffentlichkeit von den Missständen erfahren.
Troeger, der sein Abitur am Chiemgau-Gymnasium in Traunstein gemacht hat, ist Leiter des Kulmbacher Instituts für Sicherheit und Qualität bei Fleisch beim MRI. Im Alter von fünf Jahren zog er mit seiner Familie von Hof nach Traunreut, nach dem Abitur studierte er Veterinärmedizin, arbeitete am Institut für Fleischhygiene an der Freien Universität Berlin, und an der Kulmbacher Bundesanstalt für Fleischforschung, promovierte, erhielt einen Ruf als Professor zurück nach Berlin, kehrte 1994 schließlich als Institutsleiter zurück nach Kulmbach. Sein Vater und seine Schwester leben noch heute in Traunreut.
Was bei der Schlachtung schief läuft, schildert er anschaulich und laienverständlich: Schweine werden zunächst betäubt, dann am laufenden Band mit einem Hohlmesser „entblutet“. Das Problem: Da das Blut direkt durch einen am Hohlmesser befestigten Schlauch abläuft, sieht der so genannte „Stecher“ nicht, ob genug Blut abläuft. Hat er die großen Blutgefäße im Brustbereich verfehlt, verblutet das Schwein nicht. Das Tier kommt dann auf dem weiterführenden Fließband eventuell wieder zu sich – was aber mangels Kontrolle keiner bemerkt. So landet es noch lebend entweder in einem heißen Brühbad oder im heißen Dampf. Hier sollen die Borsten gelockert werden. „Wir haben Schweine in solchen Maschinen schreien hören. Ein Bad in 60 Grad heißem Wasser ist ein echtes Verbrühen. Wie häufig so etwas vorkommt, belegen Untersuchungen: Etwa ein Prozent der Tiere ist am Ende der Entblutungsstrecke noch nicht tot. „Bei 56 Millionen Schweinen, die 2009 in Deutschland geschlachtet wurden, kann sich das jeder hochrechnen“, so Troeger.
Ähnlich schlecht sei die „Trefferquote“ bei Rindern: Bewegen diese nur leicht den Kopf, trifft der Bolzenschuss, mit dem sie getötet werden, nicht direkt ins Stammhirn und das Tier muss mehrfach geschossen werden – bei vier bis sieben Prozent der Schlachtungen spricht Troeger von einem solchen „Fehlschuss“. Dabei gebe es eine Lösung: Eine Halterung, in der der Kopf vor dem Bolzenschuss fixiert wird – leider gebe es dies deutschlandweit nur im Kulmbacher Schlachthaus.
Auch für die Schlachtung von Schweinen sieht er eine einfache Lösung: Entweder eine Waage für vor und nach der Entblutung, um festzustellen, ob der Blutverlust groß genug ist, oder eine Kontrolle, die bemerkt, ob Tiere wieder aufwachen und sich bewegen. Doch das werde derzeit kaum umgesetzt. Auch Biofleisch zu kaufen, helfe da nichts: „Es gibt bei uns nur konventionelle Schlachthöfe, keine eigenen für Biotiere.“ Persönlich beziehe er sein Fleisch von einem Direktvermarkter in einem kleinen Dorf in Franken, der selber und in geringem Umfang schlachtet. „Aber so einen muss man erst mal finden“, so Troeger.
Dass beim Thema Tierschutz in Schlachthöfen enormer Forschungsbedarf herrscht, macht er auch in dem Beitrag zu „Frontal“ deutlich, der heute Abend im ZDF läuft. Gemeinsam mit einem im Thema erfahrenen Fachjournalisten habe er dafür versucht, die Missstände aufzuführen, Lösungsansätze zu finden und die rechtliche Seite zu beleuchten. Und noch ein weiterer Missstand wird darin aufgezeigt: Die Betäubung vor der Schlachtung, die bei Schweinen meist mit Gas erfolgt. „Die Tiere haben, bis sie endlich bewusstlos sind, 15 bis 20 Sekunden lang starke Erstickungsprobleme“, so Troeger. Weniger grausam wäre ein Elektroschock, bei dem Kopf und Herz gleichzeitig durchströmt werden. Was Troeger mit seinem Schritt in die Öffentlichkeit erreichen will, ist nicht Panikmache unter den Verbrauchern, sondern die Erkenntnis „dass in diesem Bereich enormer Forschungsbedarf besteht und sich unbedingt etwas ändern muss“.
„Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Und das wissen alle. Nur der Verbraucher will esnicht wissen“, reagiert Gregor Magg von der Trostberger Metzgerei Magg wenig überrascht auf das, was Professor Troeger jetzt anprangert. Wer BilligFleisch kauft, müsse sich bewusst machen, wie es zu diesem Preis kommt: enge und lange Transporte von Schlachtvieh und Akkord-Schlachtungen mit Hilfskräften und zu wenig Personal seien eine Maßnahme der Kostenminimierung. „Nur wenn ich ein Tier artgerecht und mit Respekt vor dem Tier zu Tode bringe, dann ist auch die Qualität des Fleisches gut“, so Gregor Magg, der im Familienbetrieb fürs Schlachten zuständig ist. Seine Herangehensweise ans Schlachten hat ihm im Jahr 2004 sogar im „Greenpeace Magazin“ eine Reportage unter dem Titel „Metzger mit Gefühl“ eingebracht. 150 Schweine werden im Trostberger Schlachthaus an drei Schlachttagen die Woche getötet. „Aber das ist nicht entscheidend. Mit genügend und gutem Personal können auch viele Tiere geschlachtet werden“, so Magg.
„Bei uns wird so geschlachtet, wie ich das will“, betont er – und das bedeutet: Er weiß, wie die Tiere gehalten werden, weil er die Bauernhöfe kennt. Das Schlachtvieh wird über kurze Wege von 15 bis 20 Kilometern transportiert. Bis zum Schluss bleiben die Tiere zu zweit zusammen und alles läuft „mitRuhe und sorgsam“ ab. Nach der Betäubung mit Elektroschock komme der „finale Stich“. „Der muss sein, aber mit größtmöglichem Tierschutz und handwerklicher Kunst“, so Magg. Die Tiere entbluten erst komplett liegend, ehe sie aufgehängt werden. „Die Kontrolle ist da und der Chef bei jedem Schlachttag dabei“, so Gregor Magg.
Sebastian Röckenwagner, Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Schlachtvieh Traunstein und Geschäftsführer der Schlachthof-Betriebs GmbH hat den Tagesthemen-Beitrag mit Klaus Troeger vergangene Woche zwar gesehen, kann sich aber eine solche Vernachlässigung des Tierschutzes kaum vorstellen: „Es wird laufend überprüft. Bei uns sitzt der Tierarzt über der Tötungsbox und verfolgt alles“, erklärt er. Die Kontrollen von McDonalds seien sehr streng, das Veterinäramt komme regelmäßig – „und das ist uns gerade recht“, betont Sebastian Röckenwagner. Jeder Ablauf sei exakt vorgegeben, über jeden Fehlschuss müsse Buch geführt werden. Im Traunsteiner Schlachthof werden ausschließlich Rinder und einige Schafe geschlachtet – und das nicht am Fließband-Akkord: „Vergangene Woche waren es 880 Schlachtungen insgesamt“, so Röckenwagner.
Die Erzeugergemeinschaft hat erst 2004 den städtischen Schlachthof gepachtet und ihn „unter riesen Auflagen“ modernisiert. Der Umbau sei 2007 fertig geworden und man habe sich dabei nach Hygiene- und Tierschutzauflagen beraten lassen. Für Rinder gebe es die Kopf-Fixierung, „da kann nichts daneben gehen“, ist Röckenwagner überzeugt.
Debatte um Schlacht-Methoden
Von Katrin Detzel
Traunreut/Kulmbach. Für Entsetzen und Ekel sorgte vergangene Woche die Nachricht, wie wenig der Tierschutz in deutschen Schlachthäusern beachtet wird. Der Fleischforscher Klaus Troeger vom Kulmbacher Max-Rubner-Institut (MRI) hatte öffentlich gemacht, dass wegen mangelnder Kontrollen viele Schweine beziehungsweise Rinder noch leben, wenn sie gebrüht beziehungsweise zerteilt werden. Professor Troeger, der seine Kindheit und Jugend über in Traunreut gelebt hat, spricht von einem „KontrollDefizit, wenn man die Tierschutz-Schlachtverordnung bedenkt“. Er ist zu diesem Thema auch am heutigen Dienstag ab 21 Uhr im Fernsehmagazin „Frontal“ im ZDF zu sehen. Ihre Lokalzeitung hat in zwei Schlachthöfen der Region nachgefragt: Beide betonen, dass bei ihnen nicht gegen den Tierschutz verstoßen werde und auch die nötigen Kontrollen durchaus eingehalten werden.
Traunreut/Kulmbach. Für Entsetzen und Ekel sorgte vergangene Woche die Nachricht, wie wenig der Tierschutz in deutschen Schlachthäusern beachtet wird. Der Fleischforscher Klaus Troeger vom Kulmbacher Max-Rubner-Institut (MRI) hatte öffentlich gemacht, dass wegen mangelnder Kontrollen viele Schweine beziehungsweise Rinder noch leben, wenn sie gebrüht beziehungsweise zerteilt werden. Professor Troeger, der seine Kindheit und Jugend über in Traunreut gelebt hat, spricht von einem „KontrollDefizit, wenn man die Tierschutz-Schlachtverordnung bedenkt“. Er ist zu diesem Thema auch am heutigen Dienstag ab 21 Uhr im Fernsehmagazin „Frontal“ im ZDF zu sehen. Ihre Lokalzeitung hat in zwei Schlachthöfen der Region nachgefragt: Beide betonen, dass bei ihnen nicht gegen den Tierschutz verstoßen werde und auch die nötigen Kontrollen durchaus eingehalten werden.
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