Untröstlich war Margarethe Mühlhauser an jenem Ostermontag im Jahr 2008, an dem ihre kleine Hofkapelle nach einem Verkehrsunfall nur noch ein Haufen Schutt war. Schließlich hatte das kleine Gotteshäuschen, das so gefährlich nah an der Straßenkreuzung stand, für sie und ihre Familie einen hohen ideellen Wert. Bereits vor sieben Jahren ließ ihr Ehemann, Altbauer Lorenz Mühlhauser, das baufällig gewordene Gotteshäuschen wieder herrichten. „Die Kapelle wies starke Salzschäden auf und es war kein richtiges Fundament vorhanden. Sie war regelrecht in den Dreck hineingebaut“, erinnert sich Kirchenmaler Daniel Braun aus Nußdorf, der die Sanierungsarbeiten an dem 1891 erbauten Gebäude übernahm. Zudem wurde die neugotische Kapelle im Winter stets mit Schnee zugeschoben, und Efeu hatte sich in das Mauerwerk eingearbeitet.
Da sich die Arbeiten an der im Innenraum befindlichen Lourdes-Madonna in der Steingrotte jedoch hinzogen, durfte Lorenz Mühlhauser sen. die Einweihung nicht mehr miterleben. Er starb am 10. Januar 2004. Ein halbes Jahr später ließ seine Familie die Kapelle in seinem Gedenken weihen. Mühlhausers Witwe Margarethe verbrachte fortan viel Zeit in der Kapelle, sperrte sie morgens auf und abends wieder zu und kümmerte sich um frische Blumen. Für die heute 95-Jährige war die Kapelle ein wichtiger Ort des Gedenkens geworden – bis zum Ostermontag 2008. „Wir waren gerade beim Mittagessen. Auf einmal läutete es an der Tür“, erinnert sich Lorenz Mühlhauser junior. „Als ich aufmachte, fragte der Mann, ob die Kapelle da vorne uns gehöre. Als ich dies bejahte, meinte er, er sei gerade mit seinem Auto hineingefahren.“ Ungläubig kam die Familie aus dem Haus, um nach ihrer Kapelle und möglichen Verletzten zu sehen. „Die Oma hat noch ums Eck geschaut und meinte: ‚Es fehlt nicht so weit‘“, so Lorenz Mühlhausers Frau Franziska. Doch es fehlte weit. Glücklicherweise kamen zwar alle Insassen der beiden beteiligten Autos mit leichten Verletzungen davon, aber die „EderKapelle“ wurde regelrecht über den Haufen geschoben.
Nachdem der erste Schreck verdaut war, wurde erneut der Restaurator Daniel Braun gerufen, der schon die erste Sanierung vorgenommen hatte. „Wir waren uns alle gleich einig, dass wir die Kapelle wieder aufbauen“, so Lorenz Mühlhauser. „Wir wussten nur nicht, wo wir sie hinstellen sollten.“
Nachdem im Frühjahr 2009 alle Angelegenheiten bezüglich der Versicherung und des Denkmalschutzes, unter dem die alte Kapelle stand, geklärt waren und ein neuer Standort gefunden worden war, konnte der detailgetreue Nachbau des „unsterblichen“ Gotteshäuschens beginnen.
Lorenz Mühlhauser selbst legte das Fundament für das neue Gebäude, das nun etwa 50 Meter näher am Hof und weit weg von der gefährlichen Kreuzung errichtet werden sollte. Daniel Braun engagierte einen Schreiner, Zimmerer, Schlosser, Steinmetz sowie einen Waginger Maurer, der auf Gewölbebau spezialisiert ist. „Die Kapelle hatte nämlich eine Besonderheit – ein Segmenttonnengewölbe, das nicht sehr einfach zu mauern ist.“
Die wenigen Dinge aus der alten Kapelle, die den Unfall einigermaßen schadlos überstanden hatten, wie der Altar und das Gitter, fanden auch im neuen Gebäude ihren Platz. Alles andere mussten Daniel Braun und seine Kollegen in mühevoller Kleinstarbeit rekonstruieren. Beispielsweise musste die Lourdes-Madonna nachgeschnitzt und neu abgegossen werden, da vom Original viele Gliedmaßen und Details im Schutt verloren gegangen waren. Auch die schwere Holztür wurde originalgetreu nachgeschnitzt, da es die alte Tür beim Aufprall völlig verzogen hatte.
Das Endergebnis, die neue Kapelle, die vor einigen Wochen eingeweiht wurde, lässt sich sehen. Daniel Braun konnte die aufwendigen Malereien im Innenraum der Kapelle mit einer Mischung aus Kalkfarbentechnik und Leimfarbenmalerei ebenso schön wie im alten Gebäude rekonstruieren. Auch die Sterne aus 23 ¾ Blattgold an der Kapellendecke fehlen nicht. Auch Familie Mühlhauser ist glücklich mit dem Ergebnis, und Margarethe Mühlhauser kümmert sich nun wieder liebevoll um das kleine Gotteshäuschen.
Nun hoffen sie, dass Daniel Braun nicht so bald wieder anrücken muss, jedoch: „Katastrophensicher ist sie jetzt natürlich auch nicht. Passieren kann immer etwas, der Baum daneben könnte umfallen, hageln kann es auch immer. Aber die Voraussetzungen für eine lange Lebensdauer sind nun besser gegeben. Und immerhin stand das alte Gebäude auch über 100 Jahre“, meint Franziska Mühlhauser.
Das „unsterbliche“ Gotteshäuschen
Tacherting (ska). Unermüdlichen Einsatz für den Erhalt religiöser Tradition zeigt die Bauersfamilie Mühlhauser aus Brandstätt bei Tacherting. Nachdem ihre vor einigen Jahren erst renovierte neugotische Hofkapelle bei einem Verkehrsunfall völlig zerstört wurde, beschloss sie, ihr kleines Gotteshäuschen wieder aufbauen zu lassen. Nun erstrahlt die „Eder-Kapelle“ in neuem Glanz an einer anderen, sichereren Stelle.
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