Das lange Martyrium des Gottlieb H.

Landkreis Mühldorf (dp). Die Menschen haben ihn oft nur kopfschüttelnd angeschaut, wenn er bei einer Hochzeit oder Beerdigung nie die Kirche betreten wollte und stattdessen schon ins Wirtshaus gegangen ist. Aber Gottlieb H. (61) konnte sich nicht erklären. Niemand hätte verstanden, wenn er gesagt hätte, dass ihm speiübel wird, wenn ein Pfarrer seinen Weg kreuzt. 50 Jahre lang hat er geschwiegen. „Vor Scham“, wie er sagt, und weil er einfach keine Worte fand. „Aber jetzt, jetzt muss alles raus. Denn jetzt müssen mir die Menschen doch glauben.“ Glauben, dass ihn ein Priester schwerstens sexuell missbraucht hat.
Gottlieb H. mit seiner Kätzin Sisi. Zu seiner Katze hat er volles Vertrauen: „Tiere sind immer ehrlich und treu.“ Foto: Herbert Reichgruber
Dass Gottlieb H., der im Landkreis Mühldorf lebt, nach so vielen Jahren sein Schweigen bricht und den Mut hat, seine Geschichte zu erzählen, hängt mit den Erklärungen des Bistums Regensburg zu den Missbrauchsfällen bei den Regensburger Domspatzen zusammen. Denn darin fällt auch der Name Georg Z. Der Oberpfälzer, der am 29. Juni 1949 zum Priester geweiht wurde, wirkte im Jahr 1959 als Internatsleiter bei dem weltberühmten Chor. Aber Gottlieb H. ist ihm nicht in Regensburg begegnet. Er kennt den Georg Z. aus einer anderen Welt: Er war sein Onkel, der Stiefbruder seines Vaters.

H. hat sein liebliches Gesäusel noch immer im Ohr. „Gottlieberl, Gottlieberl“, nennt ihn der Mann im schwarzen Anzug, wenn er in die heimische Oberpfalz zu Besuch kommt, und ihn zu liebkosen versucht. Gottlieb ekelt sich vor ihm, auch weil der Onkel ein Holzbein hat. Aber er kam ihm kaum aus. Doch es kommt schlimmer, viel schlimmer. Als Georg Z. wieder einmal bei den H.‘s in Heumaden bei Eslarn (Kreis Neustadt/Waldnaab) zu Gast ist, kann der hochwürdige Herr, der mit einem schicken Opel Rekord unterwegs ist, nicht mehr nach Hause fahren. Weil er mit dem Vater zusammen gesoffen hat. Aber viel Platz gibt es nicht. Vater, Mutter, fünf Kinder… – da meinen die Eltern, der Onkel könne doch bei Gottlieb, ihrem Ältesten, schlafen. Für eine Nacht gehe das schon.

Was folgt, ist für den neunjährigen Buben der blanke Horror. Georg Z. ist korpulent, der schmächtige Bub wird von ihm fast zerquetscht. Als er ihn vergewaltigt, will Gottlieb schreien. Aber Georg Z. hält ihm denMund zu. Am anderen Morgen steckt ihm der Onkel 20 Mark zu und sagt: „Brauchst niemand etwas zu erzählen, es glaubt dir ja sowieso keiner.“ Doch am Waschtag stellt die Mutter den Buben zur Rede, weil seine Unterhose voller Blut ist. Weinend erzählt Gottlieb, doch statt Trost bekommt er Schläge und den Rat: „Sag’s nicht dem Vater, sonst gibt’s noch mehr.“ Gottlieb versteht die Welt nicht mehr: Der Mann, der ihm so furchtbar weh tut, wird von seinen Eltern verehrt wie ein Heiliger. Wenn er zu Besuch kommt, wird aufgekocht wie an einem Festtag. Gottlieb versucht dem zu entkommen, wann immer es geht. Wenn der Opel heranfährt, macht er sich mit dem Hund („mein einziger Freund“) auf – doch er kann vor Georg Z. nicht fliehen. Immer wieder wird er von ihm vergewaltigt.

Dann geben ihn die Eltern weg. Er kommt zu Verwandten auf einen Hof in Öd bei Eslarn. „Die hatten keine Kinder, wir waren fünf. Da hieß es, geh’ dahin, erbst einmal den Hof.“ Aber dort wird alles nur noch schlimmer. Auf dem Hof wird eigenes Bier gebraut – das schmeckt auch Onkel Georg, der auch bei den neuen Pflegeeltern oft ein willkommener Gast ist. Aber er ist nicht der einzige Peiniger. Auch die Bauersfrau vergewaltigt Gottlieb. Hinzu kommen Schläge. Kommt er zu spät aus der Schule, gibt’s Prügel, melkt er zu wenig, wird er grün und blau geschlagen. Zwölf ist er, da denkt er zum ersten Mal an Selbstmord. Aber wie? Der Bauer hat ein Gewehr… Die Tiere geben ihm schließlich Trost. Weinend drückt er sich im Stall an die Kühe, wenn’s ihm schlecht geht. Und als er doch noch vom Stadl in die Tiefe springen will, besinnt er sich noch, weil ihn sein Hund so treu anschaut.

Angst, Prügel, Arbeit – so sieht das Leben des Buben aus. Vier Mal im Jahr darf er für drei Stunden mit dem Radl nach Hause – aber dort ist er auch nicht willkommen. Und dann taucht doch noch jemand auf, dem er vielleicht sogar vertrauen kann. Es ist der Firmpate. Er ist der erste, der im Jahr 1962 erkennt, dass dem Bub übel mitgespielt wird, und der auch handelt. „Er ist mit mir sogar zur Polizei. Doch die meinten, dass sie das alles nichts angehe.“ Immerhin redet der Pate den Eltern so ins Gewissen, dass sie ihn wieder heim holen.

Längst lebt Gottlieb in seiner eigenen Welt. Allein und ohne Freunde konzentriert er sich ganz auf die Schule. Alles geht ihm leicht von der Hand, er hat ein fotographisches Gedächtnis, bringt nur Einser und Zweier nach Hause. Aber dem Vater, der auf dem Bau arbeitet, passt nicht einmal das. Als „Klugscheißer“ verhöhnt er Gottlieb. Der revanchiert sich mit Verachtung. Und muss wieder büßen. Die Lehrstelle, die ihm die Großmutter bei der Raiffeisenbank besorgt, darf er nicht antreten. Der Vater will, dass er „was Richtiges arbeitet“. Und so landet Gottlieb bei einem Metzger im benachbarten Moosbach.

„Bei meiner ersten Schlachtung bin ich umgefallen“, erinnert sich Gottlieb H., und doch sagt er heute: „Diese Lehrstelle war mein großes Glück. Die Metzgersfamilie hat mich aufgenommen wie einen richtigen Sohn.“ Zum ersten Mal in seinem Leben erfährt er Anerkennung – und hat das Gefühl, gerecht behandelt zu werden. „Ich hatte ein eigenes Zimmer, genug Essen, eigenes Geld.“ Und ein eigenes Messer. Gottlieb ist im zweiten Lehrjahr, als er das Messer einpackt und sich auf den Weg macht. „Ich wollte das Schwein abstechen“, sagt er heute. Aber es kommt nicht zu der Tat. „Ich hab’ mir überlegt, dass ich damit mein ganzes Leben kaputt mache.“ Das Leben des Gottlieb H. ist danach geprägt von Arbeit. Der Metzgermeister arbeitet für die Südfleisch, erst in Weiden, dann in Waldkraiburg. Georg Z. hat er nur einmal wieder gesehen. „Als er nach einer Hochzeit in Eslarn mit zwei Ministranten aus der Sakristei kam. Ich bin sofort umgekehrt. Ich war völlig fassungslos.“

Das ist Gottlieb H. auch noch heute, wenn er an den Werdegang seines Peinigers denkt. Denn der ist eine große Nummer in der katholischen Kirche. Nach einem Musikstudium wird Georg Z. Diözesanmusikdirektor. Und wenn er heim nach Eslarn kommt, brüstet er sich damit, dass der Regensburger Bischof sein bester Freund sei. Überall rollt man ihm den roten Teppich aus, und daran ändert sich auch nichts, als Georg Z. im Jahr 1968 verhaftet und schließlich „wegen zehn Verbrechen der Unzucht“ zu 20 Monaten Knast verurteilt wird. Denn danach ist er schnell wieder oben auf – als Musikpräfekt im Studienseminar in Weiden. 1973 wird er mit 57 schließlich in den Vorruhestand versetzt. Jetzt hat er viel Zeit, um sich in seiner Oberpfälzer Heimat um das Musikwesen zu kümmern.

In Vohenstrauß betreut er schon länger eine Bubenkapelle… Dass es auch dort zu sexuellen Übergriffen kam, daran erinnert sich übrigens auch Papstbruder Georg Ratzinger. Am 17. Januar 1984 starb Georg Z. – in Eslarn hat man ihn aber noch nicht vergessen. Im Gegenteil: Georg Z. wird immer noch verehrt. Es gibt zwei mit je 150 000 Euro dotierte Stiftungen, die nach ihm und seiner Schwester benannt sind. Über eine darf die Gemeinde, über die andere die Pfarrei verfügen. Jährlich werden über sie je rund 6000 Euro ausgeschüttet – um notleidenden Kindern und Waisen zu helfen, wie es die Stifter wünschten. Gotthilf H. wird speiübel, wenn er das heute hört: „Da wird noch immer einer hofiert, der vielleicht dutzende Kinder missbraucht hat.“

Eslarns Bürgermeister Rainer Gäbl kann die Wut von H. gut nachvollziehen. Er schließt nicht aus, dass es in seiner Gemeinde eine Diskussion über Georg Z. geben wird, wenn sich vielleicht noch weitere Opfer melden. Möglicherweise, so Gäbl, habe man Georg Z. bisher falsch gesehen. Aber seine „überragenden musikalischen Fähigkeiten“ hätten „alles überstrahlt“. Sogar eine Straße sei nach Georg Z. benannt. „Vielleicht“, so Gäbl, „sollten wir nun über eine Umbenennung nachdenken.“

Gottlieb H. lebt heute im Landkreis Mühldorf. Allein. „Ich bin beziehungsunfähig“, sagt er traurig. „Innerlich hatmich Georg Z. zum Krüppel gemacht.“ Lange hatte er mit Alkoholproblemen zu kämpfen, manchmal bricht unkontrolliert die Wut aus ihm hervor. Deswegen stand er auch schon wegen Körperverletzungsdelikten vor Gericht.

Und wie steht der Mann, den seine Eltern ausgerechnet Gottlieb getauft haben, zum Glauben? „Wenn es einen Gott gäbe, hätte er mir geholfen“, ist er sich sicher. „Ich glaube an nichts.“ Und die Eltern? Hat er sich je mit ihnen ausgesöhnt? „Nein. Ich war nicht einmal auf ihrer Beerdigung. Als meine Mutter gestorben ist, hatte ich gerade den Auftrag, 700 Rinder zu töten. Wir hatten etwa die Hälfte erledigt, als der Anruf kam. Ich hab nur gesagt, ich hab einen Haufen Arbeit, lasst‘s mir mei Ruh.“

Gottlieb H. erwartet heute keine Entschuldigung mehr, schon gar nicht von der Kirche. „Aber vielleicht“, sagt er, „gibt es doch noch etwas Gerechtigkeit. Und die Menschen, die es nie wahr haben wollten, erkennen, was Georg Z. für ein perverser Sadist war.“
Artikel vom 15.03.10
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