Das Priesteramt für die Liebe aufgegeben

Stein a. d. Traun (mix). Franz Gineiger wurde 1964 zum Priester geweiht, legte sein Amt jedoch nach nicht einmal zehn Jahren wieder nieder, um seine Frau Gretl zu heiraten und eine Familie zu gründen. Der „Priester ohne Amt“ legt großen Wert darauf, immer seinen Weg zu gehen und ehrlich zu sagen, was er denkt, auch wenn er damit manchmal aneckt.
Franz Gineiger aus Stein
Franz Gineiger, Jahrgang 1937, stammt aus einer großen, erzkatholischen Familie und war das zehnte von 15 Kindern. Zwei seiner Schwestern gingen ins Kloster, und einer der Buben sollte auf Wunsch der Eltern Pfarrer werden. So war es damals in vielen Familien üblich. „Und ich war brav und hab’ ja gesagt“, erzählt Franz Gineiger, der damals die Chance nutzte, um zu studieren, was nur sehr wenigen möglich war.

Nach der Priesterweihe und während vier Jahren als Kaplan wurde in dem jungen Mann der Wunsch immer stärker, in die Mission zu gehen. Vier Jahre lang war er in Bolivien für eine Pfarrei mit zehn Bergdörfern zuständig. Dort in Südamerika reizte ihn vor allem die Möglichkeit, so arbeiten zu können, wie er es für richtig hielt. „Man muss die Leute annehmen, wie sie sind. Dort halten sie meist viel auf die Religion, haben aber beispielsweise nie gelernt, die Bibel zu lesen.“

Bei einem Urlaub in seiner Missionarszeit, den er in Brasilien verbrachte, lernte Franz Gineiger seine spätere Frau Gretl kennen, die dort als Krankenschwester arbeitete. Als sie zurückging nach Deutschland, hielt es auch den jungen Priester nicht mehr in Südamerika. Er kehrte ebenfalls heim, und die beiden heirateten 1973.

„Kirchlich heiraten darf man natürlich nur, wenn man auf die Ausübung der priesterlichen Aufgaben für immer verzichtet“, erklärt er. Und wenn ihm auch damals unterschwellig empfohlen wurde, er solle die Frau, die er liebt, als Haushälterin einstellen, so wollte er doch den ehrlichen, offenen Weg gehen und eine Familie mit ihr gründen. Die beiden haben vier Kinder bekommen und sind inzwischen stolze Großeltern von drei Enkeln. „Ich hab’ damals einfach gemerkt, dass das nicht mein Weg ist“, erinnert sich Franz Gineiger heute. Er hat nach seiner Zeit als Priester zunächst eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht, war später Erzieher und Religionslehrer. Mit dem, was die Kirche predigt, kam der sehr offene und kritische Mann nicht immer zu Recht: „Die Kirche soll doch die Probleme der Leute mittragen, soll ihnen im praktischen Leben helfen und ihnen nicht etwas aufdiktieren.“

Auch zum Thema Zölibat hat der Steiner eine eigene Meinung: „Ich hab’ nichts gegen das Zölibat und habe großen Respekt vor jedem Priester, der es einhält. Aber ich hab’ was dagegen, dass es verpflichtend ist.“ Und was Frauen und Kirche angeht, meint er: „Die Frauen dürfen in der Kirche zwar die Arbeit machen, aber sagen dürfen sie nichts. Die katholische Kirche respektiert die Rechte der Frauen nicht. Meiner Meinung nach sind die Frauen nicht das Problem der Kirche, sondern sie wären die Lösung.“ Er könnte sich gut vorstellen, dass Frauen auch in der katholischen Kirche zum Priestertum zugelassen werden. Außerdem wünschte er sich eine bessere Zusammenarbeit der christlichen Konfessionen.

Franz Gineiger war schon immer sehr kritisch und engagiert. Er ist seit 1983 Mitglied der Grünen und war einer der ersten Grünen-Kreisräte im Landkreis. Dabei sei es ihm in erster Linie um die Einhaltung der Menschenrechte gegangen, für die sich die Grünen einsetzten. „Die menschlichen Werte sind das Wichtigste, das hab ich in Südamerika gelernt.“ Er war Mitbegründer der Friedensbewegung Pax Christi, hat die Traunsteiner Gruppe von Amnesty International vor 30 Jahren gegründet, ist ehrenamtlich im Weltladen tätig und setzt sich sehr für die Hospizbewegung ein. Die Arbeit im Weltladen ist ihm wichtig, da er überzeugt ist, dass die Länder in der Dritten Welt keine Almosen brauchen, sondern einfach nur gerechte Preise für ihre Waren. Und die Hospizarbeit gibt ihm persönlich sehr viel: „Seit ich da mithelfe, lebe ich viel bewusster, freue mich, dass es mir gut geht, und erachte das Leben als wertvoller.“

Für Franz Gineiger ist das Leben durch seine Familie so richtig rund geworden, er sieht seine Enkel als Geschenke an, „jedes Kind ist doch ein kleines Wunder“. Und er stellt fest: „Trotz Fehler, die ich gemacht habe, blicke ich heute zufrieden auf mein Leben zurück. Es ist so intensiv, es kommt immer das daher, was gerade für einen passt. Man muss nur offen sein und keine Angst haben.“ Und eine Besonderheit hat er auch noch vorzuweisen: „Ich hab’ alle sieben Sakramente erhalten, das kann nicht einmal der Papst von sich behaupten.“
Artikel vom 04.09.10
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