Vernon Surand wollte schon immer Krisenberater werden. Durch seinen Beruf als Krankenpfleger auf der Intensivstation erlebt er immer wieder hautnah die Tragödien seiner Patienten. Schon früh engagierte sich der Rotkreuzler als Jugendlicher bei der Wasserwacht und arbeitete später als ehrenamtlicher Mitarbeiter im BRK-Rettungsdienst. Seine Idee, Kollegen nach schwierigen Situationen beizustehen, wurde 2005 in die Tat umgesetzt. Mit weiteren fünf Kollegen gründete sich die CISM-Gruppe. „Wir kommen aus sehr verschiedenen Berufen“, sagt er. So gehören zum Team neben Krankenpflegern auch ein Feuerwehrmann, ein Rettungsdienstleiter, ein Lehrer und eine Briefträgerin. Sie alle schulen sich immer wieder durch spezielle Ausbildungen, wozu auch praktische Übungen innerhalb der Gruppe zählen. Für CISM-Leiterin Claudia Lindner ist das Klima innerhalb des Teams sehr wichtig. „Wir sind eine Super-Gruppe“, schildert sie, „jeder kann mit jedem.“
Bei Katastrophen, wie etwa dem Felssturz in Stein, übernimmt das CISM-Team oft die Nachbetreuung. In einem Gruppengespräch wird die erlebte Situation nochmals durchgespielt und jeder Teilnehmer schildert was er gesehen und empfunden hat. „Plötzlich entsteht dann das Gefühl, mit seinem Schmerz nicht allein zu sein“, erklärt Vernon Surand. Manchmal sind mehrere Gespräche nötig, um das Erlebte zu verarbeiten. Claudia Lindner erzählt von ihrem letzten Einsatz: „Am Ende der Unterhaltung meinte mein Gesprächspartner, es sei für ihn eine tolle Erfahrung gewesen, mit einem Fremden über seine Probleme reden zu können.“
Zu den CISM-Einsätzen zählten auch das Eishallenunglück in Bad Reichenhall sowie der schwere Unfall eines Feuerwehrautos, das in eine Fußgängergruppe raste, nachdem der Fahrer am Steuer zusammengebrochen war. In einem anderen Fall bat die Polizei die CISMGruppe um Hilfe nach einer sehr turbulenten Nacht, bei der ein Kollege ums Leben kam. Betreut wurde auch das Pflegepersonal in einem Krankenhaus, wo ein Patient seine Betreuer geschlagen und gewürgt hatte. „Neben dem Rettungsdienst, der Wasserwacht und Bergwacht, können uns alle Hilfsverbände rufen“, so Surand, „wie Feuerwehr, Polizei und Technisches Hilfswerk – auch aus den Nachbarlandkreisen.“
Die BRK-CISM-Hotline, die rund um die Uhr erreichbar ist, steht selbstverständlich jedem einzelnen Helfer zur Verfügung, wenn er merkt, das ihn bestimmte Erinnerungen nicht mehr loslassen. „Das können etwa Bilder, Gerüche oder Geräusche sein“, erklärt Vernon Surand. Kommt es noch Wochennach dem schwierigen Einsatz zu Schlafstörungen, Unruhe, Konzentrationsproblemen oder Selbstzweifeln, sollte das CISMTeam um Rat gefragt werden, wobei alle Kontakte anonym bleiben. „Wir aus der CISMGruppe würden uns wünschen, dass immer mehr Kollegen die Hemmschwelle überwinden und sich mit uns in Verbindung setzen“, so Claudia Lindner. „Es wäre schön, wenn CISM bekannter werden würde.“ Die BRK-CISM-Hotline ist immer erreichbar über die Integrierte Leitstelle oder unter Tel. 01 73/ 8 76 47 62.
Auch Helfer brauchen Hilfe
Traunstein. Unfälle mit Verletzten und Toten gehören für die Rettungskräfte des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) zur täglichen Arbeit. Aber auch für sie gibt es schwierige Situationen, wenn etwa Kinder ums Leben kommen, ein Kollege verunglückt oder die Anzahl von Verletzten und Toten bei einer Katastrophe schier unüberschaubar ist. Um die seelische Belastung zu verarbeiten, steht das ehrenamtliche Team von CISM (Critical Incident Stress Management) des BRK, Kreisverband Traunstein, zur Verfügung – frei übersetzt „Hilfe für Helfer“.
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