AlzChem: Anlass zur Wachstumskritik

Trostberg (fal). Wie arbeiten Hedge-Fonds und Private-EquityGesellschaften – also die Unternehmen, die im Jahr 2005 der damalige Arbeitsminister Franz Müntefering als „Heuschrecken“ bezeichnet hatte? Was kann die Gesellschaft gegen den Kahlschlag durch diese Fonds unternehmen? Diese Fragen sollte eine Informationsveranstaltung am Samstag im Landgasthof Purkering beantworten. Dabei sah MdL Daxenberger die jüngsten Vorgänge bei der AlzChem Trostberg GmbH als Anlass zur Wachstumskritik.
Sepp Daxenberger, Seppel Kraus, Axel Effner und Christian Felber diskutierten über Moral in der Wirtschaft. Foto: fal
Organisiert wurde der Abend von Trostbergs Grünen-Ortsverband und der globalisierungskritischen Bewegung attac. Auf dem Podium saßen Sepp Daxenberger, Landtagsabgeordneter und Grünen-Fraktionsvorsitzender, Christian Felber, österreichischer Hochschullehrer, Buchautor, freier Publizist und Referent zu Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen, und Seppel Kraus, Bezirksleiter des IGBCE-Landesbezirks Bayern. Die Diskussion leitete der Journalist Axel Effner.

Felber steckte den inhaltlichen Rahmen ab, in dem sich das konkrete Ereignis um AlzChem und BluO abspielt. Er machte drei Puzzlestücke aus: die Banken- und Finanzkrise, das Geschäft der Private-Equity-Investoren sowie ein neues Wirtschaftsmodell – die Gemeinwohl-Ökonomie als eine von attac entwickelte systemische Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus. Als roten Faden zwischen den Puzzlestücken zog Felber die Kritik am immer dominanter werdenden Streben in Richtung Gewinnmaximierung.

Die Finanzkrise sei dadurch ausgelöst worden, dass Banken von ihrem Kernauftrag, dem Gemeinwohl zu dienen, in den letzten 30 Jahren umgeschwenkt seien auf Gewinnmaximierung. Seit 1980 hätten Neoliberale in fast allen Staaten Finanz- und Wirtschaftspolitik umgesetzt. „Die Schlagworte, Schlachtrufe kennen wir alle, und die Umsetzung der Prinzipien Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung auf den Finanzmärkten ist die wichtigste vordergründige Ursache für die Finanzkrise.“ Die Banken, inzwischen Global Players, sollten so riesig werden, damit sie mit den US-Finanzkolossen mithalten können. „Dummerweise wurden sie dadurch zwangsläufig systemrelevant.“ Würden Banken umgestellt auf Gewinnmaximierung, „dann verschmähen sie zusehends ihre Kernaufgaben und wenden sich neuen Aufgaben zu, die profitabler sind: Vermögensverwaltung und Spekulation“.

In diesem finanzpolitischen Klima konnten sich PrivateEquity- und Hedge-Fonds erst entwickeln. 6200 Unternehmen seien bereits im Besitz von Private-Equity-Fonds, mehr als 1,2 Millionen Beschäftigte betroffen. Diese Fonds sammeln Geld außerhalb der Börse ein. Der Finanzinvestor investiere aus Prinzip nur auf Zeit, plane beim Einstieg schon wieder den Ausstieg. Von wem wird Geld gesammelt? Von reichen Einzelpersonen, aber auch von Banken und Versicherungen. Welche Unternehmen werden gekauft? Meist Familienbetriebe ohne direkte Erbnachfolge; Mittelständler, die eine Alternative zum Bankkredit suchen und unterkapitalisiert sind.

Der Kauf des Unternehmens erfolge meist auf Kredit. Der Satz „Das Unternehmen kauft sich selbst“ beschreibe das treffend, weil die Schulden sehr oft dem gekauften Unternehmen gleich wieder aufgebürdet werden. Die Fonds steigen in der Regel nach zwei bis drei Jahren aus dem Unternehmen aus – „je schneller man Kasse machen kann, desto besser“. An wen wird verkauft? Die Alternativen sind der Börsengang, der Verkauf an einen strategischen Investor oder an den nächsten Finanzinvestor. Für AlzChem siehtFelber außerdem die Alternative, dass das Unternehmen an die Belegschaft gehen könnte („Management Buy Out“).

Wie kann der Investor in kurzer Zeit zum maximalen Return kommen? Durch den schnellen Verkauf von Unternehmensteilen oder von Immobilien und Vermögenswerten sowie durch Standortschließungen. „Dann gibt’s noch besonders gnadenlose Methoden: Man zwingt das Unternehmen, einen Kredit aufzunehmen oder eine Unternehmensanleihe auszugeben, um dann dieses Fremdkapital nicht im Unternehmen zu investieren, sondern es direkt ausschütten zu lassen. Das nennt man ,Recap‘ – Rekapitalisierung. Allerdings nicht die Rekapitalisierung des übernommenen Unternehmens, nein: die Heuschrecken rekapitalisieren sich selbst.“ Aus Felbers Sicht müsste diese Branche zumindest streng reguliert werden. „Schlussendlich braucht’s überhaupt keine Finanzinvestoren in Gestalt von Fonds; aus meiner Sicht würden Banken, die günstige Kredite vergeben, als Kapitalmarktinstrument ausreichen.“

IG-BCE-Bezirksleiter Kraus stimmte dem in Grundzügen zu. „Solche Forderungen finde ich ja ganz nett und sympathisch“, sagte er. Aber die Umsetzung sei schwierig. „Fakt ist, die schicken Geld hierher. Wir müssen uns überlegen, ob wir es uns erlauben können, dieses Geld nicht zu nehmen.“ Die Gewerkschaft sei beispielsweise derzeit auf derSuche nach einem Investor für das Unternehmen Trevira. Gelänge das nicht, stünden 1800 Arbeitnehmer auf der Straße.

„Die fundamentale Anreizkombination für das Wirtschaften, das aus Gewinnstreben als oberstes Ziel und Konkurrenz besteht, ist die Wurzel des Übels“, sagte Felber. Ein Wirtschaftssystem, das auf Gewinnstreben und Konkurrenz beruhe, provoziere die genau gegenteiligen Werte und Verhaltensweisen, die zwischenmenschliche Beziehungen gelingen lassen. Statt allgemein gültigen Werten wie Achtung, Ehrlichkeit, Vertrauen, Zuverlässigkeit, Empathie und Solidarität würden durch Konkurrenz Gier, Neid, Misstrauen, Machtstreben, Betrug, Rücksichtslosigkeit und Egoismus gefördert. Deshalb sieht der Hochschullehrer im Wirtschaftssystem auch eine Gefahr für die Demokratie.

30 österreichische attac-Unternehmer starten laut Felber ein gemeinwohlorientiertes Gegenmodell: „Die neue Hauptbilanz wird nicht mehr im Finanzgewinn gemessen – die neue Hauptbilanz von Unternehmen ist die Gemeinwohlbilanz. Soziale Verantwortung, ökologische Nachhaltigkeit, Achtung der Menschenwürde, demokratische Mitbestimmung, das solidarische Verhalten des Unternehmens werden gemessen – mit harten sozialpsychologischen Kriterien.“

Sepp Daxenberger sieht die Vorgänge in der Wirtschaft und speziell bei AlzChem als Anlass zur Wachstumskritik. „Gibt es ewiges Wachstum? Das kann nicht funktionieren. Ich hatte bis letzten Sommer die Hoffnung, die Finanzkrise würde dazu führen, dass wir kapieren: Es gibt kein ewiges Wachstum. Dann kam das Wachstumsbeschleunigungsgesetz – und ich weiß jetzt, dass wir nix kapiert haben.“ Er räumte ein, dass die Zulassung der Hedge-Fonds in Deutschland in Zeiten von RotGrün geschehen ist. Die Grünen seien damals Drohungen ausge-setzt gewesen, der Finanzmarkt Deutschland sei in Gefahr. Felbers Kooperationsmodell bezeichnete Daxenberger als „sehr verlockend“ – es würde zur grünen Wachstumskritik und zur Nachhaltigkeit passen. Felber forderte die Grünen auf, die attac-Forderungen ins Parteiprogramm zu schreiben: „Das ist mehrheitsfähig.“
Artikel vom 22.04.10
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