Wenn Körper Geschichten erzählen

Wedelnde Hände hoch erhoben über dem Kopf anstelle von Getrampel und brausen- dem Applaus - das ist der Lohn der Akteure beim Gehörlosentheater. Aber wie funktioniert Gehörlosentheater für Hörende? Dass auch diejenigen, die der Gebärdensprache nicht mächtig sind, die Aufführungen des Deutschen Gehörlosentheaters (DGT) verstehen, ist essentiell. Für beide Seiten, schließlich sollen möglichst viele Zuschauer kommen, Freude am Theaterstück haben, aber auch einen Eindruck von der Welt der Gehörlosen bekommen. Diesen erhält der unbedarfte Gast bereits an der Kasse. Denn hier geht erst mal nichts, wenn er seinen Namen sagt und dass er Karten reserviert habe oder soundsoviele Eintrittskarten benötigt. Die Damen an der Kasse sind das schon gewöhnt, sie schieben eine Liste über den Tisch oder helfen ihrem Gegenüber mit Gesten weiter.
Regisseurin Elisabeth Pinilla Isabela schreibt die Textscripts für Gehörlose.
Das "Deutsche Gehörlosen-Theater"

Das DGT mit Sitz in München hat eine lange Tradition. Bereits 1949 entstand das vom Deutschen Gehörlosen-Bund betreute Kulturelle Institut "Deutsches Gehörlosen-Theater". Dessen Rechtsnachfolger ist der Verein DGT e. V., der sich 2002 gründete und das Theater wieder belebte. Gertraud Sailer, mittlerweile Geschäftsführerin des DGT, fragte eines Tages bei Elisabeth Pinilla Isabela nach, ob sie ein Textscript für eine Inszenierung mit gehörlosen Schauspielern schreiben könnte. Pinilla Isabela, seit ihrem zweiten Lebensjahr nach schwerer Krankheit gehörlos, stammt aus einer künstlerisch sehr begabten Familie und sagte sofort zu. Seitdem ist sie Regisseurin des DGT, das derzeit deutschlandweit Gastspiele mit der Komödie "Moral" von Ludwig Thoma gibt.

"Moral" ist ihr viertes Werk, vorausgegangen waren "George Dandin" von Molière, "Elektra" von Sophokles und "Beatrix von der Hohen Wacht" von Pinillas Onkel Herbert Rosendorfer. Derzeit schreibt Pinilla an der "Bluthochzeit" von Federico García Lorca, die im kommenden Frühjahr Premiere haben soll. Das Schwierigste daran, Theaterstücke in Gebärdensprache umzusetzen, seien Wörter mit Hintersinn, verrät die nun schon geübte Drehbuchschreiberin. Wie lässt sich beispielsweise ein geflügeltes Wort wie "Von Pontius zu Pilatus" erklären? Auch Ironie und Satire sind für Gehörlose sehr schwer zu verstehen, und noch schwerer ist es, sie in Mimik und Gestik umzusetzen.

Mit "Elektra" nach Südafrika

Mit "Elektra" wird das DGT nächstes Jahr beim Weltkongress in Südafrika auftreten, denn im Gegensatz zu Thomas "Moral" ist "Elektra" bestens dazu geeignet, in internationale Gebärdensprache umgeschrieben zu werden. "Moral muss in der Bayerischen Muttersprache bleiben, sonst geht der ganze Witz weg", sagt Pinilla. Während die Schauspieler auf der Bühne ausgeprägte Mimik, beredte Gestik und mehr oder weniger subtile Körpersprache einsetzen - und natürlich die Gebärdensprache - sitzen vor der Bühne am Tisch drei Sprecher, die in verteilten Rollen den Text lesen, damit auch Hörende, die die Ge- bärdensprache nicht verstehen, das Theaterstück in vollen Zügen genießen können. Die Schauspieler beeindrucken mit ungeheurer Inbrunst. "Die Theaterbühne ist sozusagen der einzige Ort, wo wir sein können, wie, was und wer wir sind", erklärt Pinilla. Erst vor zehn Jahren ist die Gebärdensprache als eigenständige Sprache anerkannt worden. Zuvor war sie auch an Schulen für Gehörlose verpönt. "Durch das Verbot der Gebärdensprache wurden uns Bildung, Kultur, Sprache, Selbstwertgefühl und Menschenwürde genommen", findet die 47-Jährige, die darum kämpft, dass "unsere Andersartigkeit durch die Gesellschaft anerkannt wird". Mit dem Ziel, nicht als behinderte Menschen, sondern als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft betrachtet zu werden - als Menschen mit anderer Kultur und Sprache. Das Gehörlosentheater leistet seinen Beitrag dazu.

(Text und Fotos: Andrea Hammerl)

Nähere Informationen unter www.gehoerlosentheater.de.
Artikel vom 02.09.10
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