Über ein bayerisches Urgefühl

"Liberalitas Bavariae" - diesen Begriff verwenden heute in Bayern Politiker aller Couleur. Schon Franz Josef Strauß berief sich immer wieder auf das vielgerühmte Schlagwort, um seine Liberalität - im heutigen Wortsinn - herauszustreichen. "Doch noch die bayerischen Fürsten, die Strauß herbeizuzitieren liebte, von Herzog Tassilo I. bis König Ludwig III. , übten ,liberalitas' als Freigebigkeit - nicht zuletzt in Form (kirchlicher) Bautätigkeit", schreibt der Berliner Privatdozent Richard Faber in "Liberalismus in Geschichte und Gegenwart".
Die ehemalige Klosterkirche Polling mit der Inschrift über dem Portal ist eine der schönsten Kirchen in Bayern.
"Liberalitas Bavarica" im Kloster Polling

Im oberbayerischen Klosterdorf Polling im Pfaffenwinkel, wo man sich derzeit auf das 1000-jährige Jubiläum der Restitutionsurkunde Heinrichs II. vom 16. April 1010 vorbereitet, ist am 1733 errichteten Portalbau der Stiftskirche St. Salvator des ehemaligen Augustiner Chorherrenstifts das berühmte "Liberalitas Bavarica" eingraviert. Darüber steht das flammende Herz der Liebe als Symbol des hl. Augustinus und darüber das Kreuz des Erlösers. Die Inschrift "Liberalitas Bavarica" wurde vermutlich 1763 von Probst Franziskus Töpsl (1711-1796) am damaligen Augustiner Chorherrenstift Polling angebracht. Bis heute wird über die genaue Bedeutung dieser Inschrift an der Pollinger Stiftskirche in Fachkreisen diskutiert. Von unterschiedlichen Akteuren wird sie als Beleg für Toleranz, Freiheitlichkeit und Liberalität als ausgeprägte bayerische Eigenschaften in Anspruch genommen. Dabei ist der ursprüngliche Sinn ein ganz anderer: Die Freigebigkeit aus edler Gesinnung machte den Kirchenbau möglich. Für diese wahre Bedeutung der Pollinger "liberaltitas" fand Prof. Dr. Egon Johannes Greipl einen Beweis in den Memorabilia Pollingana, einer knappen Geschichte des Stiftes, die 1818 erschien. Verfasser dieses Büchleins ist Johann Nepomuk Daisenberger, der letzte Propst von Polling. "In dem betreffenden Kapitel ist die Rede von der Ausstattung Pollings mit Gütern und Rechten, vor allem davon, wie sehr die bayerischen Herzöge und Kurfürsten, die "domus bavarica", Polling förderten", schreibt Greipl und erklärt weiter: "Daher habe das beschenkte Stift der ,pietas boica', also den ehererbietigen Gefühlen der bayerischen Herrscher gegenüber Polling ein Denkmal setzen wollen; aus diesem Grunde seien in der Kirche die Figuren Heinrichs des Heiligen und Heinrichs des Löwen aufgestellt, ,über dem Portal des Heiligtums aber glänzen zu ewigem Andenken in goldenen Lettern die Worte: Liberalitas Bavarica". Daisenbergers unbestechliches Zeugnis beweist laut Greipl, "dass die so oft' geheimnisvoll und bedeutungsschwanger geschilderte Inschrift nichts anderes ist als der denkmalhaft ausgedrückte, vielleicht auch zu künftiger liberalitas anspornende Dank der Pollinger Chorherren an die bayerischen Herrscher".

Von der Freigebigkeit

zum bayerischer Nationalcharakter

Erst in den 1920er Jahren griff der Journalist und Reiseschriftsteller Wilhelm Hausenstein das Thema wieder auf und meinte zur "Liberalitas Bavarica": "Das ist auf Deutsch: bayerische Freiheitlichkeit, bayerische Freigebigkeit - der große bayerische Zug". Der Pollinger Inschrift werde damit ein Sinn unterschoben, den sie niemals hatte. Was Hausenstein unter bayerischem Wesen verstand, sei im Einzelnen nicht klar. "Aber so etwas wie einen bayerischen Nationalcharakter mit ausgeprägt positiven Zügen zu konstruieren, lag durchaus in der Zeitströmung", schreibt Greipl. So sei in der bildenden Kunst gegen Ende des 19. Jahrhunderts der bayerische Barock wiederentdeckt und neu bewertet worden, habe die Katastrophe des Bismarckreiches dazu beigetragen, sich der bayerischen Eigenart und Eigenständigkeit wieder zu besinnen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Pollinger Inschrift dann erneut zitierfähig. 1968 setzte sich der Kunsthistoriker Herbert Schindler mit der "Liberalitas Bavarica" auseinander. "Schindler fand das Wort ,merkwürdig', glaubte, dass es sich bündiger Erklärung entziehe und ,ein klassisches Beispiel bayerischer Hintersinnigkeit' sei", so Greipl. Hausenschein und Schindler hatten den Wortsinn "ungemessen erweitert und verändert". Doch es sollte auch dem Wortlaut an den Kragen gehen: Aus der "Liberalitas Bavarica" wurde schließlich die "Liberalitas Bavariae". "Jetzt war nicht mehr eine bestimmte Ausprägung von liberalitas durch das Adjektiv bavarica als bayerisch bezeichnet, sondern sie erschien jetzt durch den attributiven Genitiv Bavariae als besondere Eigenart Bayerns, als Stammeseigenschaft gewissermaßen", so Greipl. Diese auf die Pollinger Inschrift bezogen falsche Version sei wohl eine Erfindung des Schriftstellers Georg Lohmeier. "Liberalitas Bavariae" lautet der Titel seiner Aufsatzsammlung, die 1971 erstmals erschien.

"Leben und leben lassen"

"Liberalitas Bavariae" - so heißt auch die bayerische Beilage zum Mitgliedermagazin der FDP. "Leben und leben lassen" gibt dann auch Wissenschaftsminister Dr. Wolfgang Heubisch als sein Lebensmotto an. Bis heute steht die "Liberalitas Bavariae" unter anderem für dieses Motto "Leben und leben lassen", für sachliche Auseinandersetzung mit dem Geist der Toleranz und Achtung für dem Anderen, für freiheitliche Gesinnung und bayerische Freundlichkeit. In dem 71 Seiten umfassenden Koalitionsvertrag zwischen CSU und FDP heißt es: "Die Menschen in Bayern wollen ihre Traditionen und Werte bewahren. Sie sind aber offen für Neues. ,Leben und leben lassen' - das steht für Lebensfreude und Toleranz, aber auch für Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft. Dem fühlen wir uns verpflichtet - aus Liebe zu Bayern." (Text: CE; Quelle: E. J. Greipl in ZBLG 52/1989; Prof. Dr. Greipl ist seit 1999 Generalkonservator im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege)
Artikel vom 03.12.09
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