Nur noch wenige Edelsteine müssen in die Fassung eingesetzt werden - dann ist es geschafft. Dann hat Gold- und Silberschmied Friedemann Haertl einen Mammutauftrag abgeschlossen. Er hat in mehr als 2500 Arbeitsstunden die Heinrichskrone, ein Prunkstück des wertvollen und historisch bedeutenden Bamberger Domschatzes, nachgebaut. Das Original stammt aus dem 13. Jahrhundert und wird in der Schatzkammer der Münchner Residenz aufbewahrt - und genau das ist das Problem.
Die Replik der Krone ist eine Art Entschädigung dafür, dass sich die Kunstschätze in der bayerischen Landeshauptstadt befinden. Und eben nicht in Bamberg, wo sie einst viele Jahrhunderte dem Hochstift und den Klöstern gehörten.
Politiker forderten Rückgabe des Schatzes
Im Zuge der Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts ging der Domschatz in den Besitz Bayerns über. Kistenweise kamen die wertvollen Gegenstände nach München. Viele Stücke wurden eingeschmolzen, ausgewählte Kostbarkeiten aber nahmen die herrschenden Wittelsbacher an sich. Auch nach dem Ende der Monarchie 1918 blieb der Domschatz in München, die Wittelsbacher Landesstiftung ist nun dafür zuständig. Der Verlust der Kunstgegenstände schmerzte viele Franken vor allem im Jahr 2007, als das Erzbistum Bamberg sein 1000-jähriges Bestehen feierte. Fränkische Politiker forderten die Rückgabe des Domschatzes. Für eine Sonderausstellung konnten zumindest einige fränkische Kostbarkeiten aus Münchner Beständen gezeigt werden. Aber eben nicht die Heinrichskrone.
Zu fragil für den Transport
Denn abseits aller politischer Scharmützel um einen angeblichen Kulturzentralismus in München ist jedoch klar: Das Original der Heinrichskrone wäre viel zu zerbrechlich für einen Transport nach Bamberg. Friedemann Haertl hat sie selbst in München lange betrachtet. "Sie ist einfach unglaublich fragil."
Gleich nach dem Bistumsjubiläum hatte die Oberfrankenstiftung Geld für die Replik der Krone bereitgestellt. Für etwa 175 000 Euro sollte ein Nachbau entstehen, der zum nächsten großen Fest gezeigt werden kann: In diesem Jahr feiert das Erzbistum das 1000. Domjubiläum. Die Stiftung werde die Krone dem Diözesanmuseum dafür als Dauerleihgabe zur Verfügung stellen, sagt Geschäftsführer Eckhard Wiltsch. Auch er sagt: "Das Original ist zu zerbrechlich." Mit der Replik sei man beim strittigen Thema Domschatz "auf dem richtigen Weg".
Ende 2008 also machte sich Haertl in seiner Bamberger Werkstatt am Regnitzufer an die Arbeit. Wichtigstes Hilfsmittel: ein dreidimensionaler Computerscan der Krone. Experten der Universität Bamberg konnten das Original in München per Laser vermessen und ein dreidimensionales Abbild für den Computer erstellen. So kann Haertl die virtuelle Krone am PC drehen und wenden, wie er will. Hightech und traditionsreiche Handwerkskunst - Haertl verbindet das bei seiner Arbeit an der Krone: "Das ist sehr spannend." Zudem hat er Fotos als Vorlage für die Replik.
Die Krone besteht aus Silber, das vergoldet wurde. Sechs Grundplatten in Lilienform werden mit Scharnieren verbunden, gehalten werden sie von Scharniernadeln, die mit je einem Engel verziert sind. Die etwa drei Zentimeter hohen Figuren wurden gegossen. An den Nadeln befinden sich zudem kleine Kügelchen, die Haertl aus Feinsilberdraht gefertigt hat. Filigrane Eichenblätter wurden einzeln auf die Krone gelötet. Jedes Detail hat Haertl bedacht. Mit Lupenbrille und Handschuhen sitzt er an seiner Arbeit.
Offizielle Übergabe am 14. Februar
"Es ergibt sich ein Schritt nach dem anderen", sagt er. Am Anfang stand die größte Schwierigkeit für ihn: Er musste die Maße der virtuellen Vorlage auf das Material für die Grundplatten übertragen. Auch für die Suche nach einem Goldton, der dem Original am nächsten kommt, brauchte es Experimentierfreude.
1,8 Kilo wiegt die Krone, unten hat sie einen Durchmesser von 23 Zentimeter, oben von 28 Zentimeter. Diese Größe lässt darauf schließen, dass sie nie getragen worden ist, son- dern vielmehr als Reliquienkrone diente. Schließlich war der Bistumsgründer Kaiser Heinrich, nach dem das Stück benannt ist, längst tot, als die Krone im 13. Jahrhundert gefertigt wurde.
In einer großen Sonderausstellung zum Domjubiläum soll die Krone von Mai an zu sehen sein. Am 14. Februar wird die Replik offiziell von der Stiftung an das Diözesanmuse- um übergeben. Bis dahin bringt Haertl die Krone jeden Abend zurück in seinen Tresor - schließlich ist die Heinrichskrone ein alles andere als alltägliches Schmuckstück.
Kathrin Zeilmann
Original in München, Replik in Bamberg
Wertvolle Teile des Bamberger Domschatzes befinden sich zum Missfallen vieler Franken seit mehr als 200 Jahren in München. Zum Domjubiläum in diesem Jahr ist jedoch eine wertvolle Reliquienkrone endlich wieder in Bamberg zu sehen - wenn auch nur als Nachbau.
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