Lebzelter und Wachszieher in Miesbach

Sobald man die altehrwürdigen Räume des Cafés Lebzelter in Miesbach - von Einheimischen liebevoll "Leeb" genannt, betritt, bekommt der geflügelte Spruch "Es war einmal" eine ganz besondere Bedeutung. Dort wo einst feine Lebkuchen in den Vitrinen lagen, verführen heute köstliche Torten die Naschkatzen zu einer wahren Kalorienorgie. In den Räumen des Cafés scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die für ein gediegenes Kaffeehaus typische Ausstattung lädt zum Verweilen ein, zum Genießen der von Meisterhand hausgemachten Köstlichkeiten und vielleicht einen Blick auf die Wände zu werfen. Dort hängen sie, die Kunstwerke vergangener Zeiten. Wachsbilder in verschiedenen Farben und Größen, mit Motiven aus der sakralen Welt, ebenso wie Wappen, Reiter und allerlei Fabelwesen. Alles im eigenen Haus hergestellt, und dennoch befällt den Betrachter ein wenig Wehmut, denn: Es war einmal.
Stolz zeigt Stefan Schachenmeier seine in einem Schrank aufbewahrten Schätze. Fotos: Herbert H. Kölbl
Urgroßvater begann Fertigung

Seit dem Tod der Mutter werden keine Wachsgebilde mehr hergestellt und der Cafétier und Konditormeister Stefan Schachenmeier hat sich schon lange auf das Backen von leckeren Torten und Kuchen spezialisiert, wenngleich seine Lebkuchen etwas ganz besonderes sind, wie er erklärt: "Ich glaube, dass meine Lebkuchen gehaltvoller sind, zumal ich die doppelte, wenn nicht dreifache Menge an Mandeln und Nüssen verwende und auch die Portion Marzipan ist größer, als sie in industriell hergestellten Fabrikslebkuchen zu finden ist." Und dann erzählt der Konditormeister vom Lebzelterberg in Miesbach von längst vergangenen Zeiten. Sein Urgroßvater war nicht nur Lebzelter und Wachszieher, sondern auch Bürgermeister der Stadt an der Schlierach.

Das Haus in dem noch heute das Café untergebracht ist wurde bereits 1683 erbaut und hat sich in all den Jahren kaum verändert. Seit dem der Urgroßvater mit der Lebkuchenherstellung und der Fertigung von Wachsstöckeln und anderen Wachsgebilden Ende des 19. Jh. begonnen hatte, blieb dieses Handwerk im Familienbesitz. Was ursprünglich zu den sogenannten Lehrberufen zählte, wurde immer mehr zu einer künstlerischen Tätigkeit. Kunst- und liebevoll geformte und gestaltete Wachsstöckel waren früher in beinahe jedem Haushalt zu finden. Es handelt sich dabei um eine heute kaum noch gebräuchliche, sehr dünne Sonderform der Kerze, kranzförmig oder ähnlich zusammengewickelte Meterware.

In katholisch geprägten Gegenden Süddeutschlands und Österreich war es früher Brauch, der Braut, den Töchtern und auch den weiblichen Dienstmägden Wachsstöcke an Maria Lichtmess zu schenken. Diese Lichtmess-Wachsstöcke wurden - es gab ja noch kein elektrisches Licht - während der dunklen Jahreszeit mit in die Kirche zur Morgen- und Abendandacht mitgenommen und dort angezündet, um im Gesangsbuch lesen zu können. Im Laufe der Zeit verlor auch dieser Brauch an Bedeutung. Heute gibt es in Wallfahrtsorten noch ein reichhaltiges Angebot solcher schnurförmiger Kerzen, die weniger dem Gebrauch dienen, sondern mehr als Erinnerungsstücke und Schauobjekte den heimischen Herrgottswinkeln zieren.

Raritäten lagern in Schränken

Um so stolzer ist Stefan Schachenmeier auf seine Raritäten, die er in Schränken zwischen dem Laden und der Backstube aufbewahrt. Während er die gläsernen Türen aufsperrt, um einen Blick auf die Schätze freizugeben, erzählt er, dass zu den Kunden nicht nur die Honoratioren der Stadt zählten, die Bauern aus der näheren und weiteren Umgebung, sondern auch viele bekannte Volksschauspieler, die sich rund um den Tegernsee und Schliersee niedergelassen hatten, wie Ludwig Schmid-Wildy oder Gustl Bayerhammer, selbst die große Schauspielerin und Sängerin Zarah Leander zählte zu den Kunden, wie ein Eintrag im Gästebuch beweist. Da liegen sie nun die Model aus Kirschholz mit deren Hilfe wunderschöne Gebilde entstanden sind. Viele dieser Holzstöcke mit deutlichen Gebrauchsspuren tragen noch das Datum, wann sie zum ersten Mal eingesetzt wurden. Einige stammen sogar noch aus der Zeit um 1750 oder noch früher.

Die Motive reichen von Tierabbildungen, über den österreichischen Doppeladler bis hin zu Abbildungen, wie wir sie aus der biblischen Geschichte kennen. Fein säuberlich aufgereiht sind die unterschiedlichsten Wachsstöckeln zu bewundern. Gebetsbücher, mit einem Deckel, den man öffnen kann, einfache Wachsfiguren wechseln sich mit kunstvoll geformten Dingen ab. Eine Besonderheit stellen die Primizkelche dar. Früher war es üblich, dass der Herr Pfarrer zu seiner Primiz auch einen aus Wachsschnüren gebildeten Kelch bekam, meist noch mit dem Bildnis einer Heiligen oder eines Heiligen, sozusagen als Erinnerung an seinen ganz besonderen Tag.

Neben den vielen großen und kleinen Wachsstöckeln - ein Großteil ist in Schubladen untergeracht - gibt es eine ganze Reihe von seltsam anmutenden Gegenständen aus Wachs zu sehen. Hände, Füße, Lungen, Herzen ja sogar ein Dolch liegen einträchtig nebeneinander. In einer Zeit, in der der Aberglaube noch bei vielen Menschen zu Hause war, ließ man sich beim Lebzelter bzw. Wachszieher, kleine Gliedmaßen oder andere Körperteile fertigen, um sie erst segnen zu lassen und sie dann zu Hause aufzubewahren. Man glaubte nämlich, wenn diese Votivgaben wie Heilige angebetet werden, dass die Schmerzen und Leiden des entsprechenden Körperteils geheilt oder zumindest gelindert werden könnten. Der Dolch beispielsweise wurde bestellt, wenn das Stechen im Herzen arg groß war. Und wenn tatsächlich eine Linderung oder gar Heiliung der Leiden eingetreten war, hat man diese Gegenstände in Wallfahrtskirchen gebracht, zum äußeren Zeichen des Dankes.

Und schießllich wird in und auf den Schränken noch eine ganz besondere Art der Wachsfiguren aufbewahrt. Die Votanten. Dabei handelt es sich um menschiche Figuren aus Wachs, die durchaus die Größe von mehr als 50 Zentimeter erreichen konnten. Weil die gottesfürchtigen Menschen nicht ständig in der Kirche weilen konnten, ließen sie sich Figuren mit menschlichen Zügen fertigen und brachten diese in die Kirche. So waren sie zumindest sinnbildlich immer in der Nähe ihres Herrgotts. Wenn auch die Lebküchelei den Torten und Kuchen weichen musste, wenn auch die Wachszieherei nicht mehr zum täglichen Geschäft zählt, so wird doch die Tradition und die Erinnerung an ein vom Aussterben bedrohten Handwerk aufrecht erhalten. Die Wachsgebilde haben halt nur mehr einen vornehmlich musealen Charakter und der Konditor freut sich, wenn er seine Schätze interessierten Besuchern zeigen darf. Herbert H. Kölbl
Artikel vom 27.01.12
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