Irrlichter, Weible und Schnepfle aus dem Moor

Bis in das Eiszeitalter reicht die Entstehungsgeschichte des Wurzacher Rieds zurück. Bad Wurzach besitzt mit dem Naturschutzgebiet "Wurzacher Ried" die größte intakte Hochmoorfläche Mitteleuropas. Eng verbunden mit dem Moorheilbad und dem "Schwarzen Gold" ist das Kultur- und Geschichtsbewusstsein der "Kleinen Residenz am Ried", was sich nicht nur im berühmten Barocktreppenhaus im Wurzacher Schloss widerspiegelt.
VDie Narrenzunft Urig in Beuern.
Die Fasnet als fünfte Jahreszeit besitzt im Rahmen der Wurzacher Feste und Bräuche eine besondere Ausstrahlung. Von Dreikönig an und insbesondere zwischen dem "gumpigen Donnerstag" und Aschermittwoch drängt es die maskierten Narren alljährlich zur alemannischen Fasnet auf die Straßen, Gassen und Plätze des Ortes mit seinen 15 000 Einwohnern. Eng verbunden mit dem eigentlichen närrischen Treiben in der Kurstadt ist traditionell das Ried. "Die handgeschnitzten Holzmasken und die ,Häser' als Narrenkleider stellen immer historische Ereignisse oder Sagen dar", weiß Petra Misch, Leiterin der Kurverwaltung, zu berichten. "In Bad Wurzach kann man die schaurigen Muetes, das geheimnisvolle Moorweible, die lustigen Schnepfen und die Schar der Riedmeckeler als Irrlichter aus dem Ried bewundern, denn gar schaurig ist's, übers Moor zu gehen".

Kirche regte Bräuche an

Schabernack und Humor, Frohsinn und Lustigsein gehören zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Reichlich Gelegenheit bietet dafür die Fastnacht. Die letzten sechs Tage bis zum Fasnetdienstag gelten als die eigentlichen Festtage, an denen früher die Arbeit ruhte. Im schwäbisch-alemannischen Raum, so auch im Westallgäu, ist noch ein buntes Gemenge von Bräuchen mit typischen Maskengestalten und Handlungsmustern lebendig. Neben dem Tanz, der einst nur zu bestimmten Zeiten und Anlässen erlaubt war, spielen aufwendiges Essen und Trinken neben Maskerade und Vermummung eine besondere Rolle. In einzelnen Orten des Allgäus stehen wie auch in Bad Wurzach traditionelle Rituale im Mittelpunkt der Fasnet. Vieles spricht dafür, dass die Kirche manche Bräuche angeregt und entwickelt hat, um die Gläubigen am Vorabend der 40-tägigen Fastenzeit beispielhaft eine gottferne, verkehrte Welt vor Augen zu führen. Auf diese Weise wurde dem Menschen die Notwendigkeit der geistigen Umkehr beim Eintritt in die vorösterlichen Bußwochen nachdrücklich bewusst gemacht.

Aus der Zeit vor 1200 findet sich im mittelalterlichen "Missions- oder Pastoralbüchlein des ersten Reichenauer Abtes", der "Dicta Pirminii", eine erste Aufzeichnung über die alemannische Fasnet. "Darin kann man manches erfahren über das ,Laufen in Hirsch- und Kalbsfellen', was zeitweise verboten wurde, was sich aber als Maskierungsbrauch während der fünften Jahreszeit um 1500 schließlich als Fastnachtssitte verbreitete", wie Harald Simmeth vom Brauchtumsausschuss des Alemannischen Narrenringes erläutert. Der bekannte Freiburger Volkskundeprofessor, Werner Mezger, bestätigt, dass "die Fasnet ihren Namen von der Nacht vor dem Fasten erhielt und ein ganz und gar dem christlichen Jahreslauf entsprungenes Fest darstellt".

Der Narr genoss die angenehmen Seiten des Lebens, was untrennbar mit Maskentragen "und Hineinschlüpfen in einen anderen Menschen, ein anderes Wesen" verbunden war. Gegessen und getrunken wurde bis Aschermittwoch früher deshalb besonders viel, um die Vorräte vor den entbehrungsreichen Fastenwochen aufzubrauchen. Die Umzüge im Häs, häufig mit Schellen und Glöckchen bestückt, das Gesicht mit Masken unkenntlich gemacht, bedeuteten eine vorübergehende Abkehr von der einst üblichen standesgemäßen Kleidung. Unter dieser "Tarnkappe" ließ sich einmal im Jahr das ausleben, was sonst reglementiert, unstatthaft oder verboten war; man schlüpfte in eine andere Haut, um Wunschträume zu verwirklichen.

Die "christlichen Wurzeln der Fastnacht" beschreibt auch Dekan Ludwig Gschwind in seinem Buch "Glauben feiern" (Sankt Ulrich Verlag, Augsburg), und geht dabei auf die Ursprünge zurück: "Der Humor kam in der Kirche mal mehr, mal weniger zur Geltung. Die Bischöfe und Synoden ermahnten die Geistlichen bei ihren Predigten größeren Ernst walten zu lassen, denn es gelte nicht lustige Geschichten zu erzählen, sondern das Wort Gottes zu verkünden. Trotzdem brach immer wieder die Lust zu spotten und zu scherzen durch. Natürlich wusste man auch, wie wichtig das närrische Treiben für den seelischen Haushalt sein kann. Am Tag der "Unschuldigen Kinder" oder am Fest des heiligen Papstes Gregor war es in den Klosterschulen üblich, "verkehrte Welt" zu spielen. Die Jüngsten übernahmen das Regiment in Schule und Kloster. Die Letzten wurden auf diese Weise die Ersten".

Historische Fastnachtsspuren in Wurzach

"In der Epoche des Barock finden sich die ersten Spuren von Fastnachtsbräuchen in Wurzachs Vergangenheit", meint Zunftmeister Andreas Frick der freien "Narrenzunft D'Riedmeckeler Bad Wurzach e. V. 1951". Die zur "Führungsriege" zählende Schriftführerin der Zunft, Ruth Gronmayer, ergänzt: "Der im 17. Jahrhundert geübte alte Fastnachtsbrauch in der zu einem beachtlichen Teil recht armen Wurzacher Bevölkerung ist jedoch schon lange der Vergessenheit anheim gefallen". Überliefert sind üppige Schmausereien bis in die Nacht vor Aschermittwoch. "Einen Hinweis darauf gibt in Wurzach bis heute die Bezeichnung "Schmalzge Samsdig", denn bevorzugt wurden in dieser Zeit die rautenförmigen Fastnachtsküchle gebacken", von denen Kinder auch heute nicht genug bekommen können und betteln: "Lirom, larom, Löffelstiel, liebe Mutter gib mir viel, denn lustig ist die Fasenacht, wenn mei Mutter Küechle bacht!" Von öffentlichem Feiern ist im Ratsprotokoll vom 28. Februar 1691 zu lesen. Der Rat bewilligte damals aus dem Stadtsäckel neben den Küechle für jeden Teilnehmer zusätzlich "1 Maß Wein und zwei Kreuzer-Brote" zur Fastnachtsfeier.

Schon bald nach Kriegsende "trugen sich viele Bürger der Stadt Wurzach mit dem Gedanken, einen Verein zu gründen, der in gemeinnütziger Weise die Aufgabe haben sollte, dem Heimatgedanken und dem alten Brauchtum durch die Gestaltung, Ausrichtung und Aufführung von entsprechenden Veranstaltungen Rechnung zu tragen", berichtet der Zunftmeister. Damit war 1951 die Geburtsstunde der Fastnachtszunft "D'Riedmeckeler" gekommen. Der Name verbindet den Menschen mit der Landschaft, denn seit vielen Generationen bereits spricht man von den Riedmeckelern. "Auf die vielfältigen Töne und Geräusche in unserer einsamen Moorlandschaft" ist die Bezeichnung zurückzuführen, heißt es. Es klingt aus dem Ried mal schadenfroh meckernd, bald klagend oder dumpf "uhu" schreiend, was die Menschen zweifeln ließ, "ob der Riedmeckeler nun Vogel oder Mensch sei. Trotz allem wurde unartigen Kindern seit Menschengedenken mit dem Riedmeckeler gedroht".

Beständigkeit und Brauchtumspflege

Wie es sich für Narren gehört, legte man auf Initiative von Xaver Ehrmann damals am 11. 11. um 11.11 Uhr den Grundstein für die Zunft. Dieser Tag im November wurde fortan wie bei allen Zünften zum Startzeichen für 500 Zunftmitglieder, darunter 150 Aktive, und unzählige "Narrensamen", ihre Häser unter dem Wurzacher Narrenruf "Worum? - Dorum!" zu "entstauben". Beständigkeit und Brauchtumspflege gehören fortant seit mehr als 55 Jahren zu den Grundsätzen der Zunft, die streng nach traditioneller Art und Weise befolgt werden.

Der braunen Farbe des Rieds entsprechend treten die Wurzacher Narren in ihren Häsern und Masken mit überwiegend dunkleren Farbtönungen auf. Die ersten Zunftmasken und Hauptfiguren sind d'Riedmeckeler: gefürchtete "Irrlichter" aus dem Moor, die alten Sagen zufolge einst vor Riedwanderern schwebten, sie verunsichert und auf Umwegen im Kreis herumgeführt oder sie mit unheimlich brennenden Laternen irritiert haben sollen.

Auf der Sage von einer alten Frau, der man kein Nachtlager gönnte und die daraufhin Wurzach verwünschte, beruht die Gestalt des Moorweible im braunen Gewand mit Schürze darüber und einer Maske mit faltigem, aber freundlichem Gesichtsausdruck.

Große und weiße Augen mit roten Pupillen haben die Muetes, die als "unheimliches Heer" in ihrem Häs mit roten Kratzspuren jeden erschrecken. Hinzu kommen eine lange, nach unten gebogene Nase und zwei nach oben zeigende Reißzähne.

Einen hellen, fröhlichen Farbtupfer in der übrigen dunklen Häswelt stellt s'Schnepfle dar. Es ist mit freundlichem Gesichtsausdruck und einem Kostüm in den Stadtfarben rot-gelb-blau der Vogel des Rieds, in dessen Kleid meist Frauen und Kinder schlüpfen.

Eine Einzelfigur ist die gute Burgfrau vom Eulenberg, die historisch darauf fußt, dass sie in früheren Zeiten den armen Familien Speis und Trank gebracht haben soll.

Eine weitere Einzelmaske der Wurzacher Fasnet ist der wie Till Eulenspiegel verkleidete Hopediz mit dem Zepter in den Stadtfarben, der als Narrentreiber den Umzug begleitet.

Jüngeren Datums ist die bei Umzügen auftretende kostümierte Garde als Riedmeckelerballett.

Symbole der Narrenregentschaft

Rund um den Stadtbrunnen gegenüber dem Wurzacher Schloss spielt sich das bunte Geschehen der Wurzacher Fasnet vom gumpi- gen Donnerstag bis Aschermittwoch ab. Nach der Befreiung der Schüler aus ihren Klassen ist Rathaussturm mit Entmachtung des Bürgermeisters Roland Bürkle, wobei die Akten aus den Rathausfenstern fliegen, der große Schlüssel an den Zunftmeister überreicht und der Narrenbaum gestellt wird - das Zeichen für die Regentschaft der Narren in den nächsten Tagen. Immer wieder werden dabei vom Podium Missstände in der Stadt angeprangert, Bauvorhaben karikiert oder Persönlichkeiten verulkt.

Höhepunkt der Fasnet in Bad Wurzach ist am Rosenmontag, wenn nach dem traditionellen Zunftmeisterempfang etwa hundert Narrenzünfte aus dem Westallgäu und Bodenseegebiet stundenlang in ihren bunten und originellen Vermummungen, begleitet von Fanfarenzügen, Stadtkapellen oder Schalmeiengruppen durch die Gassen und über die Plätze toben. Dicht gedrängt bilden die Zuschauer von nah und fern ein undurchdringliches Spalier, um z. B. die Morrweible oder Schnepfle, die Alttrauchburger Burghexen, das Wolfrudel Maierhöfen, den Durahaufa Mindelhoim, die Gluathex aus dem Illerwinkel, die Schlossgoischter Amtzell oder die Burnegger Brotfressern mit ihren typischen Narrenrufen zu begrüßen und zu erfreuen.

Fastenbeginn

Mit Fasnetdienstag ist dann schon wieder alles vorbei. Die "Katharinenverbrennung" in abendlicher Dunkelheit gleicht einem Trauermarsch mit Grabrede der Zunftschriftführerin. Eine "Katharina" aus Heu und Stroh, wohl nicht mit der namensgleichen heiligen Märtyrerin und Nothelferin, der Tochter des Königs Costus von Zypern zu verwechseln, symbolisiert die "Allgäuer Hexe". Am Boden kriechend, jammernd, jaulend, klagend und weinend nehmen die Irrlichter, Moorweible und anderen Narren am Feuer Abschied von der Fasnetszeit. Mit Trauerstimme wird verkündet: "Großes Unglück ist uns widerfahren, Katharina hat uns begleitet und scheidet nun von uns. Wir müssen zurück in unsere Zwänge, das Geld ist alle, wir haben Löcher in den Strümpfen, haben dreckige Füße und Durst. Der Weg ist noch lang, o jerum, alles ist so traurig, unsere Fasnet tut nun verbrennen. O Kathrina, komm zum 11. 11. wieder! Worum? - Dorum!"

Der über Nacht verschwundene Narrenbaum bringt die "verkehrte Welt" am Aschermittwoch wieder ins Lot, wenn auch bei der Geldbeutelwäsche im Stadtbrunnen mancher Fasnetsnarr bedauern mag, den letzten Cent ausgegeben zu haben, aber vielleicht zu der Einsicht gelangt, "dass der Narr in seinem buntscheckigen Gewand den Sünder darstellt, der das weiße Taufkleid von einst und seine kindliche Unschuld verloren hat", wie es Pfarrer Gschwind formuliert. Ist die Fastnacht "eine Zeit der Lebensfreude, so ist der Aschermittwoch das Signal, dass nun eine Zeit des Lebensernstes angebrochen ist", dass mit dem Aschenkreuz auf der Stirn "die Vergänglichkeit alles Irdischen dem Gläubigen vor Augen treten soll". Da kaum noch unter religiösen Vorzeichen während der bevorstehenden 40 Tage gefastet wird, spricht man auch in der Kirche mittlerweile eher von der "österlichen Bußzeit".

Da die Wurzacher gern und oft feiern, sehnen sie schon wieder die nächste Fasnet herbei. Dann wird traditionelles Fasnetsbrauchtum beim Umzug am Rosenmontag mit alten Holzmasken und dem Riedmeckeler so ganz nebenbei auch den Winter vertreiben.

Karl-Heinz Wiedner

Terminauskünfte bei der Tourist-Info Bad Wurzach unter Tel.: 0 75 64/30 21 52.
Artikel vom 20.01.12
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