Die Kunst des Schönschreibens

Die Schrift wurde die Trägerin des Edelsten,
Rudi Auer zeigt einige seiner kalligraphischen Werke.
was in den beiden großen Sphären,

der Intelligenz und der Gefühle,

des forschenden Sinnes und

der schaffenden Einbildungskraft,

die Menschheit errungen und

als eine unvergängliche Wohltat

der späteren Nachwelt vererbt hat.

Diese Feststellung von Wilhelm von Humboldt mag in der Ära des Computers, in der Briefe, Bücher, Dokumente und so vieles mehr durch schnelles Getippe auf Tastaturen entstehen und durch Maschinen kopiert werden, zunehmend in Vergessenheit geraten. Kaum jemand nimmt sich heute noch die Zeit, einen Brief, ein Gedicht oder eine Urkunde in schöner Handschrift zu schreiben oder gar alte Schriften zu studieren - auf dem Computer geht es doch viel schneller und er bietet noch dazu die unterschiedlichsten Schriftarten. Die Schrift ist zunehmend selbstverständlich geworden, seit Gutenbergs Buchdruck die fleißig schreibenden Kopisten ablöste.

Manchen Menschen ist diese Einstellung jedoch nicht zueigen. Rudi Auer aus Tacherting im Landkreis Traunstein ist einer dieser Menschen. Seit seinem Studium beschäftigt sich der pensionierte Gymnasiallehrer mit Kalligraphie, der Kunst des Schönschreibens. Heute beherrscht er verschiedenste historische Schriftarten und lässt ausgewählte Texte in wunderbaren Schriftbildern erstrahlen.

Faszination für historische Schriften

Wo sich früher Korrekturen für seine Schulklassen stapelten, findet man heute im Arbeitszimmer von Rudi Auer eine Vielzahl von kalligraphischen Werken. Gedichte, Weisheiten, Lieder - für Texte, die dem pensionierten Lehrer für Deutsch, Geschichte und Geographie gefallen, zaubert er beeindruckende Schriftbilder. "Tanze, tanze" ist in lebhafter Schrift auf einem seiner Entwürfe zu lesen. "Ich arbeite gerade an dem Gedicht ,Nachklänge' von Else Lasker-Schüler", erklärt er. Auf wieder anderen Kalligraphien Auers liest man Passagen aus den "Carmina Burana" oder Werke von Ingeborg Bachmann. Über Letztere habe er in jungen Jahren seine Zulassungsarbeit geschrieben und dann lange Zeit nichts mehr von ihr lesen wollen. "Jetzt entdecke ich sie ganz neu", schwärmt Rudi Auer. "Ich hole einzelne, fantastisch schöne Sprachbilder heraus und versuche sie kalligraphisch umzusetzen."

Schon als Student fand der Tachertinger Zugang zur Kunst des Schönschreibens. "Ich war in meinem Studium in Germanistik und Geschichte mit alten Urkunden und Texten sowie mit mittelhochdeutscher, althochdeutscher und gotischer Literatur konfrontiert", erinnert sich Auer. "Ich kam immer wieder in Kontakt mit alten Handschriften, die mich faszinierten. Ich habe angefangen, einfache Handschriften nachzumalen, das war aber am Anfang noch sehr dilettantisch." Die Kalligraphie begleitete ihn schließlich über viele Jahre "in einer sehr einfachen Art und Weise", wie er meint, auch während der Zeit als Lehrer. "Damals waren immer meine Einträge in Schüleralben sehr gefragt", schmunzelt er. Erst im Ruhestand fand Rudi Auer schließlich genug Zeit, um sich ganz seiner Leidenschaft zu widmen. Er belegte mehrere Kurse bei den DomKalligraphen in Freising und konnte von ihnen vieles über Technik und Materialkunde lernen.

Heute gibt Rudi Auer selbst Kurse im Haus der Begegnung in Burghausen und beherrscht eine ganze Reihe historischer Schriften. Dazu gehört unter anderem die berühmte römische Großbuchstabenschrift Kapitalis. "Sie funktioniert nach ganz bestimmten mathematischen Regeln und kann perfekt konstruiert werden", erklärt Rudi Auer. "Durch ihre große Ruhe und Ausgewogenheit ist sie noch immer das Maß aller Dinge." Die aus den frühchristlichen Jahrhunderten stammende Unziale, die häufig zum Schreiben von Büchern verwendet wurde, beherrscht Auer ebenso wie die Karolingische Minuskel, eine Kleinbuchstabenschrift, die Karl der Große entwickeln ließ. Auch verschiedene Formen der Frakturschrift sowie die humanistische Kursivschrift eignete er sich an. Hinzu kommen noch einige modernere Schriften. An- hand des Charakters eines Texts entscheidet Rudi Auer, welche Schrift er dafür verwendet und wie er diese gestaltet. "Hinsichtlich der Schriften habe ich aber auch noch vieles vor mir", so der Kalligraph. "Ich kämpfe immer noch mit der ,Anglaise', einer englischen Schreibschrift. Sie ist sehr schwierig zu schreiben, ist aber sehr schön und wirkt unheimlich elegant. Dafür verwendet man spitze, dünne Federn, die auf Druck auseinandergehen. Dadurch wird der Strich breiter. Wenn man wieder weniger Druck ausübt, wird der Strich haarfein."

Diese spezielle Feder ist nur eines von vielen Schreibwerkzeugen, die in den Holzgefäßen auf dem Arbeitstisch von Rudi Auer stehen. Denn er schreibt nicht nur mit den zahlreichen Federhaltern mit Spitz- oder Breitfedern und verschiedenen Pinseln, sondern experimentiert auch gerne mit anderen Materialien: Vogelfedern, zugeschnittene Holzstöcke, Furnierholz - alles, was eine Kante hat, verwendet er zum Schreiben und erzielt damit verschiedene Effekte. Modernere Schriften schreibt er mit einem so genannten "Ruling Pen", der in Hand- arbeit in England hergestellt wird. Mit einem Rädchen an seiner Feder lässt sich die Farbmenge, die sie abgibt, regulieren.

Auch hinsichtlich des Papiers und der Farben ist der Kalligraph experimentierfreudig und ideenreich. Auf unterschiedlich dickem Aquarellpapier lässt er Farben ineinander laufen oder er befeuchtet das Papier, zerknüllt es und bügelt es wieder glatt. Auch das grobe Papier aus Bananenkartons hat der Künstler bereits ausprobiert. "Durch Unebenheiten auf dem Papier entstehen spannende Effekte in der Farbe", so Auer.

Als Schreibflüssigkeit verwendet er Kalligraphie-Tinten, aber auch Aquarell-, Acryl- oder Naturfarben. Ein Schüler gab ihm einmal eine selbstgemachte, oliv-braune Nusstinte aus Walnussblättern und -schalen. Und auch aus roten Rüben könne man ein tolles Rot gewinnen, das nicht verbleicht, erklärt der Kalligraph.

Schriftbild soll Textbotschaft wiedergeben

Hat Rudi Auer erst einmal ein Schreib- werkzeug in der Hand, bringt ihn so schnell nichts mehr von seiner Arbeit ab. Hochkonzentriert und fast schon stoisch, führt er die Feder langsam und bedächtig über das Papier. Für jeden Text entstehen mehrere Entwürfe, solange bis der Künstler zufrieden ist mit dem, was er auf das Papier gebracht hat. Denn die Texte sollen nicht einfach nur in schö- ner Schrift abgeschrieben werden. Ziel eines Kalligraphen ist es, dass die "Botschaft des Textes im Schriftbild aufleuchtet", dass also die Schriftgestaltung den Inhalt des Textes widerspiegelt. Gleichzeitig ist es Rudi Auer aber auch wichtig, dass seine Texte lesbar bleiben.

Für die Gestaltung des Gedichts "Nachklänge" von Else Lasker Schüler, nahm sich Auer zum Beispiel die Passage vor, in der die Aufforderung "Tanze, tanze" vorkommt: "Man muss versuchen, den Tanz, die Lebensfreude, Lust und Bewegung durch das Schriftbild zu visualisieren", begründet Auer die Verwendung von kräftigen, fast grellen Farben in Verbindung mit einer lebhaften Schriftform. "Ich habe durch die Kalligraphie einen ganz neuen Zugang zur Lyrik gewonnen", so der ehemalige Deutschlehrer. "Ich suche die Gedichtbände heute auf schöne Einzelheiten durch, die ich dann versuche zu gestalten." Einen meditativen Charakter würde Rudi Auer der Kalligraphie allerdings entgegen der Meinung vieler Kollegen nicht zuordnen. Für ihn stehe die Konzentration auf die Technik und das saubere, möglichst perfekte Schreiben im Vordergrund. Meditative Entspannung habe damit nichts zu tun.

Im Rausch der Carmina Burana

Vor einigen Jahren hatten es ihm die Lied- texte der "Carmina Burana" besonders angetan. "Ich singe im Ludwig-Thoma-Chor in Prien am Chiemsee und damals haben wir die ,Carmina Burana' aufgeführt", erinnert er sich. "Das war damals sehr eindrucksstark und ich habe die Melodie nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Dann habe ich zum Schreiben angefangen." - Und damit hörte er so schnell nicht mehr auf. Drei Wochen lang habe er nur geschrieben, so dass eine große Menge an Schriftbildern von verschiedenen Passagen der Lieder entstand, die von den Genüssen des Trinkens, der Liebe und der Flüchtigkeit des Lebens handeln. Diese und auch andere Kalligraphien konnte er bereits mehrmals ausstellen. Seine nächste Ausstellung wird ab 26. Mai im Hilgerhof in Pittenhart zu sehen sein. Zum Verkauf stehen Auers Werke allerdings nicht: "Im Augenblick will ich sie noch nicht verkaufen, ich kann mich nicht so recht davon trennen. Aber vielleicht kommt das noch, wenn ich nicht mehr weiß, wo ich sie unterbringen soll."

In einer Zeit, in der Computer für unser Leben fast schon unabkömmlich zu sein scheinen, ist sich Rudi Auer sicher: "Der Computer ist der Kalligraphie unterlegen. Handgeschriebene Schriften haben eine Lebendigkeit und eine Schönheit, die der Computer nicht bringen kann." Simone Kainhuber
Artikel vom 27.01.12
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