"Mein erstes Buch war eine ,Gurke'"
"Ich wollte eigentlich Geschichte studieren, habe dann aber festgestellt, dass mir das zu theoretisch ist", erinnert sich Bettina Maier an ihre Berufsfindungsphase als junge Frau. Einen handwerklichen Beruf wünschte sie sich und über den ursprünglichen Plan, Restauratorin zu werden, kam sie zu einer Lehrstelle als Buchbinderin. "14 Tage später wusste ich bereits, dass ich diesen Beruf nicht mehr aufgeben werde", so die 40-Jährige. Ihr erstes Buch sei zwar eine "Gurke" gewesen - so nannte ihr Meister ein wenig gelungenes Exemplar, dessen Deckel sich wölbte - heute ist sie jedoch eine Meisterin ihres Fachs. Seit einigen Jahren betreibt Bettina Maier einen kleinen Laden namens "Pappenstil" in der Rosenheimer Innenstadt und ist noch immer Feuer und Flamme für ihren Beruf. Diesen Enthusiasmus brauche man auch, den reich werde man dabei ganz bestimmt nicht, so Maier. Das sei wahrscheinlich auch ein Grund dafür, warum in der ursprünglichen Männerdomäne nun neun von zehn Handbuchbinder Frauen sind. "Nur in der Industrie ist es umgekehrt, weil man da mehr Geld verdient", weiß sie.
Dabei erfordert der Beruf des Buchbinders sehr viel Kraft. Mit aller Gewalt stemmt sich die zierliche Frau gegen den Hebel der monströsen Schneidemaschine im Hinterzimmer ihres Ladens. Mit der alten Maschine mit ihrem gefährlich scharfen Messer schneidet Maier so genannte Buchblöcke glatt, die sie vorher entweder durch eine Klebebindung oder eine Fadenheftung hergestellt hat. "Vor dem Schneiden des Buchblocks habe ich jedes Mal Muffensausen", gesteht die versierte Buchbinderin. "Wenn da ein Fehler passiert, ist das natürlich schlecht. Ich kann ja nicht 200 Seiten wieder dranflicken. Ab ist nunmal ab." Außerdem sei das Hantieren mit der rein mechanisch funktionierenden Maschine keineswegs ungefährlich: "Da haben die Buchbinder früher viele Gliedmaßen verloren und ich kenne auch heute noch Leute, denen an dieser Maschine schon etwas passiert ist. Ich habe bisher glücklicherweise nur Bücher kaputtgemacht", so Maier.
Natürlich sind es aber nicht nur schwere Maschinen, sondern auch filigrane Werkzeuge wie Pinsel, Messer, Lineal, Schere und das Falzbein, mit denen die Buchbinderin arbeitet. Besonders das Falzbein, ein einem Brieföffner ähnelndem Werkzeug aus Knochen oder Plastik, ist für ihren Beruf sehr wichtig, da viel Zeit damit verbracht wird, damit Unebenheiten auszugleichen. "Wir Buchbinder streicheln die Bücher eigentlich andauernd", schmunzelt Bettina Maier. Und das erfordert natürlich auch ein gewisses Gefühl, eine Leidenschaft für das Material, mit dem man arbeitet: "Ich sage immer, wenn man etwas Handwerkliches machen will, sollte man sich erst einmal überlegen, mit welchen Materialien man sich gerne umgibt", so Maier. "Die grundlegende Unterscheidung ist kalt und warm, also Stein, Glas und Metall oder Holz, Stoff und Papier. Man muss einfach wissen, womit man gerne arbeitet, was man gerne riecht und fühlt."
Dass das Binden eines Buches viel Zeit braucht, ist vielen Kunden, die Bettina Maier ihre Abschlussarbeiten, Memoiren, Zeitschriftensammlungen oder gar Liebesbriefe zum binden bringen, nicht bewusst. Zwar bedeutet eine einfache Bindung eines Buchs, wie einer Diplomarbeit, nur etwa eine Stunde reine Arbeitszeit. Trotzdem können die Kunden ihr fertiges Buch erst nach mehreren Tagen abholen. "Das hängt mit den Trocknungsphasen zusammen", erklärt Maier. "Der Buchblock muss trocknen. Erst wenn dieser trocken ist, kann ich ihn beschneiden und erst wenn er beschnitten ist, kann ich den Einband anpassen. Dieser muss ebenfalls trocknen. Dann muss noch beides zusammen trocknen, mindestens vier bis fünf Stunden. Deshalb sage ich immer, ich brauche Minimum drei Arbeitstage, noch besser eine Woche, Zeit." Wenn dann noch Wünsche wie eine goldene Schnittverzierung dazukommen, dauert es noch länger. "Nach oben hin sind keine Grenzen gesetzt", erklärt die Rosenheimerin.
Ihr mache es einfach Spaß, Sachen, in die Leute ihr Herzblut gelegt haben, ein Gesicht zu geben. "Die Leute sind immer ganz selig, wenn ihr Werk dann ein Buch ist, weil es dann nach etwas ausschaut", so die Buchbinderin. Wenig Verständnis hat die Rosenheimerin allerdings dafür, "wenn Leute oft über ein Jahr lang an einer Diplomarbeit sitzen, sich viel Arbeit gemacht haben und schließlich nur eine Folie darüber klatschen."
Klebeband ist keine Lösung
Viele wissen allerdings auch gar nicht, welche Möglichkeiten ihnen Bettina Maier mit ihren individuell gestalteten, edlen Buchbindungen bieten könnte: "Das Problem ist, dass es im Gegensatz zum Schreiner oder zum Schuhmacher, die Leute nicht mehr wissen, dass es uns Buchbinder gibt. Wir sind aus dem kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft verschwunden", klagt Maier. "Wir nehmen jeden Tag Bücher in die Hand, weil sie trotz Internet noch immer ein ganz wichtiger Informationsträger sind, und keiner weiß mehr, wie sie gemacht werden." Die Leute versuchen, ihre Bücher mit Klebestreifen zu reparieren, anstatt die fachmännische Hilfe eines Buchbinders zu suchen. "Das ist, wie wenn ein Schrank wackelt und ich haue oben einen Nagel rein - und die Schuhsohle klebt ja auch keiner mit Tesa an", moniert Maier. Aufgrund der Unbekanntheit ihres Berufsstands, versucht Bettina Maier daher bei jeder Gelegenheit, ihn den Menschen wieder näher zu bringen. "Das ist, als ob man den Leuten etwas ganz Neues zeigt, obwohl es ein sehr altes Handwerk ist."
Simone Kainhuber
Kontakt: Buchbinderei PappenStil, Sternstraße 4, 83022 Rosenheim, Tel.: 0 80 31/9 01 84 11, www.buchbinderei-pappenstil.de.
Aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden
Die Rosenheimerin Bettina Maier ist eine zierliche Gestalt, wenn man sie ansieht, glaubt man nicht, dass sie einen Beruf ausübt, der sehr viel Kraft beansprucht und früher eine reine Männerdomäne war. Bettina Maier ist Buchbinderin und hat damit viele schwere Lasten in Form von Büchern zu tragen und gefährliche Maschinen zu bedienen, die schon dem ein oder anderen Kollegen zum Verhängnis wurden. Doch die selbstbewusste Handwerkerin ist Buchbinderin aus Leidenschaft und will den Leuten ihren Beruf wieder näher bringen. Schließlich ist die Tätigkeit des Handbuchbinders heutzutage fast aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden.
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