"Alte Schriften lesen"

"Die deutsche Schrift ist bloß eine Schlamperschrift", schickt Kreisheimatspfleger Manfred Veit voraus. Zum Beweis zeigt er eine wunderschöne, bestens lesbare Schreibschrift aus dem frühen Mittelalter. "Eine schöne lateinische Schrift", wie er kommentiert. Daraus habe sich dann im Laufe der Zeit die deutsche Schlamperschrift entwickelt mit all ihren Schleifen, Haken, Abstrichen, Unter- oder Oberlängen.
Ungewohnt, aber schön anzusehen: Übungen von Groß- und Kleinbuchstaben.
Rege Beteiligung

"Alte Schriften lesen" ist der Kurs in der Umweltbildungsstätte Haus im Moos im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, überschrieben, aber gelesen wird eher wenig in der ersten Stunde. "Man muss es selber machen, damit es in die Hände rein geht", davon ist Veit überzeugt. "Kann man das dann auch besser lesen?", seufzt Therese Felber aus Edelshausen. Sie beschäftigt sich mit Ahnenforschung, "aber nur in der eigenen Familie", wie sie betont. Nach Kleinhohenried ist sie gekommen, um die Schrift besser lesen zu können, denn "momentan kann ich nur Schönschrift lesen". Der Ansturm auf seinen Lesekurs hat Veit nahezu überwältigt. Immer wieder müssen Stühle geholt, mitunter sogar noch ein Tisch angebaut werden. Am Ende sind es 32 Teilnehmer, "lauter historisch Interessierte", wie Museumsleiter Fritz Koch erfreut feststellt. Der studierte Historiker wird am Kursende bereitwillig Teilnehmern helfen, die Dokumente mitgebracht haben, die sie noch nicht entziffern können.

Viele haben Vorkenntnisse mitgebracht, die meisten sind Familienforscher, die dazulernen wollen. So wie Adolf und Erna Hohenschläger aus Riedensheim, die demnächst ins Diözesanarchiv nach Augsburg fahren wollen, um dort in alten Kirchenbüchern nach Hinweisen auf die Familie zu suchen. "Da wird es schwieriger", fürchtet sie, weshalb Veits Kurs zur rechten Zeit kam.

"Montgelas hat eine Sauklaue"

Der Referent rät den wenigen Anfängern, sich nicht entmutigen zu lassen, wenn sich das ein oder andere Wort nicht entziffern ließe. Auch bekannte Historiker hätten ihre Probleme. Schriften von Johannes Eck oder Montgelas beispielsweise, scheuten auch Profis. "Montgelas hat eine Sauklaue und noch dazu ist es in Französisch", sagt Veit. Erschwert wird das Lesen alter Schriften noch dadurch, dass es kaum eine gültige Rechtschreibung gab, manchmal auch Dialektausdrücke verwendet werden. So findet sich der Ort Egweil häufig als "Ebel" geschrieben.

Inzwischen hat Koch noch einige Blätter nachkopiert, und Veit teilt Vorlagen aus - für die deutsche Schreibschrift, die 1950 bis 55 als Zweitschrift an bayerischen Schulen gelehrt wurde, die Verkehrsschrift von 1934, die Rudolf-Koch-Schrift von 1927, auch Offenbacher Schrift genannt, und die Sütterlinschrift von 1914. Gearbeitet wird nach der Verkehrsschrift. Veit malt die einzelnen Buchstaben an der Flip-Chart schwungvoll vor, seine Schüler tun es ihm mehr oder weniger künstlerisch auf dem vorgefertigten Linienblatt nach. Im Schnelldurchlauf geht es durch das Alphabet. Manche Buchstaben sind der heutigen lateinischen Schrift ähnlich, wie I und J, andere sehen völlig fremdartig aus. Das kleine "e" zum Beispiel. Das "o" wird oben offen geschrieben, ähnlich dem heutigen "v". Mitunter aber gehe die Öffnung verloren, warnt Veit schon mal vor.

"Das p ist ein verflixter Buchstabe für mich, der geht mir nicht ein", gesteht der Kreisheimatpfleger dann und legt los. Anstrich, Schleife, Unterlänge mit Schleife - hier heißt es üben. Das "P" kann leicht mit dem "K" verwechselt werden, für das "s" gibt es gleich zwei Schreibweisen. Das lange "s" wird in der Wortmitte verwendet, das Schweins- oder Ringel-S am Ende. Das wäre einfach, wenn es nicht so viele zusammengesetzte Wörter in der deutschen Sprache gebe. Denn am Ende des ersten Wortes kommt das Ringel-S zum Zuge, obwohl es eigentlich mitten im Wort steht.

Wie im Flug vergeht die erste Stunde. Zeit für ein paar Leseübungen. Veit hat Auszüge aus einem Poesiealbum aus den Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts mitgebracht. "Rosen, Tulpen, Nelken" - das lässt sich leicht lesen, weil der Spruch bekannt ist. Weitaus schwieriger wird es, wenn der Kontext nicht weiterhilft oder der Schreiber kein Schönschreiber war. Nach dem offiziellen Ende wird es erst richtig interessant. "Jetzt kommen die eingemachten Sachen", kommentiert Ingeborg Steib, die ihren Mann Karl Heinz bei seinem Projekt Rennertshofener Häusernamen unterstützt. "Es macht schon Spaß", findet sie. Einige Teilnehmer haben alte Dokumente mitgebracht, mit denen sie allein nicht weiterkommen. Walter Garmatter aus Neuburg lässt sich von Veit dabei helfen, ein Familienstammbuch seiner Großeltern zu entziffern, doch mit dem Mädchennamen einer Vorfahrin kann auch Veit nichts anfangen, ohne sich länger in die Schrift einzuarbeiten. Es bleibt spannend. Andrea Hammerl
Artikel vom 02.02.12
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