Das Menschenleben auf die Bühne gebracht

Von Andreas Falkinger
Pittenhart. Dreifach-Premiere im Hilgerhof: Zum ersten Mal ist das Heimatmuseum unter der Ägide des Fördervereins Schauplatz eines Konzerts gewesen. Diese Premiere wurde von zwei weiteren begleitet: Die Formation Neulandler führte erstmals ihr Programm "Sterbendig" auf - zugleich der allererste Auftritt des Quartetts. Gelegenheit genug also, dass einiges unrund laufen könnte. Aber von wegen: Am Samstagabend passte schlicht alles.
Ihren allerersten Auftritt feierten "Neulandler" im Hilgerhof - und das mit grandiosem Erfolg. Foto: fal
Kein Wunder - Neulandler haben nichts dem Zufall überlassen. Die vier Künstler sind allesamt studierte Musiker. Für das Ensemble Neulandler ließen sie sich quasi synchronisieren: Eine Pantomimelehrerin sorgte für die sparsame, aber wirkungsvolle Choreografie, Bandcoach Muk Heigl sorgte dafür, dass sich Pianist Josef Irgmaier, Violinistin Cornelia Löffelmann, Sopranistin Christiane Obernberger und Kontrabassist Claus Freudenstein auf der Bühne zu 100 Prozent aufeinander einlassen. Daraus ergibt sich eine in sich schlüssige Bühnenpräsenz, die die Wirkung des ebenso schlüssigen Programms noch unterstützt.

Neulandler machen das, was ihr Name verspricht: etwas völlig Neues. Sie schaffen eine Synthese von Volks- und Kammermusik, so modern wie traditionsbewusst. Wer sie spielen hört, wartet eigentlich nur noch drauf, dass Franz-Xaver Kroetz als Brandner Kasper des 21. Jahrhunderts um die Ecke biegt. Oder dass im Hintergrund ein farbiger Stummfilm gezeigt wird, den sie vertonen. Oder dass sie mit Bally Prell im legendären "Platzl" musizieren, um gleich danach oder zugleich mit Stockhausen dessen elektronische Musik zu entstöpseln.

Neulandler gehen - und das ist in ihrem Programm "Sterbendig" das einzige Moment, das nicht überrascht - von der tradierten Volksmusik, vom Landler aus. Wie beim Landler drehen sich die Musiker - Instrumentalisten wie Sängerin - gleichsam um die eigene Achse, bilden verschlungene Figuren, umkreisen einander. Diese musikalischen Figuren drücken die Beziehungen des Menschen aus, denn das Menschenleben ist das Thema von "Sterbendig" - von der Wiege bis zur Bahre. Neulandler wollen dabei "sterbendig" nicht als Gegenteil von "lebendig" verstanden wissen. Es bedeutet vielmehr "loslassen können", erklärt Irgmaier.

Der Komponist hat ein intellektuelles Stück geschaffen. Das heißt zwar nicht, dass die Musik hintansteht, aber er hat sich um der intellektuellen Wirkung wegen bisweilen den Schönklang versagt: Irgmaier lässt die Dissonanz im Raum stehen, so wie sich Ingeborg Bachmann das "schöne Wort" versagt hat, das Wort, das Harmonie erzeugen, aber den Leser oder Hörer nur einlullen würde. "Sterbendig" zeigt den Weg durch ein Menschenleben "in bairischer Gangart" und in fünf Wandlungsphasen: "Geburt", "Gedank und Grant", "Geleit", "Gspusi" und "Geleich". Textlich gehen Neulandler in knapp 80 Minuten auf Umstände ein, die den Menschen beeinflussen - Kindheit, Entwicklung, Arbeit, Liebe, Glauben, Wissen und Tod. Dabei bringen sie auch dezidiert kritische Töne unter: Fortschritts- und Wissenschaftsglaube werden genauso in Frage gestellt wie Bigotterie. Das Publikum folgt der Darbietung bisweilen atemlos. "Sterbendig" baut Spannung auf, die teils erst zu Hause angebaut ist. Der Zuhörer ist nicht nur Konsument, er nimmt etwas mit, was es zu verarbeiten gilt.

"Sterbendig" ist ein beeindruckendes Bühnenstück geworden, das Neulandler selbst als "musikalisch-szenisches Programm, in dem Kammerkonzert und Kleinkunst zu einer Einheit verschmelzen", bezeichnen. Neulandler werden ihren Weg in die renommierten Häuser finden. Aber angefangen hat's in einem kleinen Pittenharter Heimatmuseum. Hilgerhof und Neulandler - beide machen Lust auf mehr.
Artikel vom 24.09.09
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